Anhalter Bahnhof : Gewitter der Geister

Nicola Kuhn

Dass zwei sich treffen, die höchst verschieden sind, ins Gespräch kommen und den Austausch dann jahrelang fortsetzen, kommt nicht so selten vor in Kultur, Politik, öffentlichem wie privatem Leben. Dass zwei von dritter Hand zusammengesetzt werden und fortan eine inspirierende Kombination bilden, ein Elektronenpaar mit höchster Ladungsdichte, gehört schon zu den glückhaften Momenten. Der Verlegerin Ulla Berkéwicz-Unseld ist das vor sechs Jahren mit den beiden Kulturgranden Alexander Kluge und Anselm Kiefer gelungen. Seitdem treffen sich der Filmemacher und der Maler immer wieder, ein dialogisches Künstlerporträt entstand dabei für die Filmedition Suhrkamp.

Der sprühende Effekt einer Begegnung der beiden sollte sich nun vor Publikum wiederholen, im großen Haus der Verlegerin in Nikolassee. Tout Berlin war da, zumindest der literarischen Szene, die Verlagsautoren. Ein Frühsommerabend, wie er im Buche steht. Langsam senkt sich die Dunkelheit über die Rehwiese, der Himmel verfärbt sich zart violett hinter dem Baum, der vor dem Fenster steht, passenderweise eine Kiefer. Die zwei da vorne heben an, springen hin und her zwischen den Dichtern, bei denen sich Kiefer für seine Bilder Hilfe sucht, einer Elefantenhaut, die Kluge zur Inspiration von ihm geschenkt bekam, zu Trump und der Callas. Es zischt und funkt vor lauter Geistesblitzen, staunend folgt das Publikum dem Pingpong der Assoziationen. Dass im Laufe des Abends die Sicherung rausfliegt, fügt sich ins Bild. „Wir brauchen das Wunderbare, das Überraschende“, sagt Kluge irgendwann zwischendurch, als man schon fürchtete, den Faden verloren zu haben.

In Berlin gibt es Abend für Abend so viele Podiumsgespräche, Künstlertalks, dass man es manchmal nicht mehr hören kann. Wenn allerdings mittendrin einer Celan zitiert, die Gedichtzeile „Ein Körnchen Eis im Schnabel kommt er durch den Sommer“, dann heben sich die Köpfe, rührt sich das Publikum. Ist es jetzt das, was wir brauchen? Überwintern im Sommer? Die Poesie und zwei Schlachtrösser des Kulturbetriebs schenken damit einen lichten Augenblick. „Es geht immer um die Nebensachen“, gibt Kluge mit auf den Weg und verschweigt, dass sie auch Hauptsachen machen. Unter dem Titel „The boat is leaking“ stellt der Filmemacher in der Fondazione Prada in Venedig gerade mit dem Bildhauer Thomas Demand und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock aus, in der Galerie Bastian in Berlin zeigt Anselm Kiefer bis 8. Juli seine Bilder. Am 1. Juni ist Sommeranfang, meteorologisch. Nicola Kuhn

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