Anhalter Bahnhof : Documenta auf Reisen

Bernhard Schulz

An diesem Wochenende beginnt die Documenta 14 in Griechenland – und nicht, wie seit Urzeiten, im Juni in Kassel. Das Weltkunstereignis geht auf Reisen. Bereits beim letzten Mal gab es einen Ableger in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans; für die meisten Kunstfreunde zu weit weg.

Diesmal teilt sich die Documenta auf zwei Veranstaltungsorte auf. Neben Kassel, das alle fünf Jahre globale Aufmerksamkeit erlangt, ruft nun Athen, eine Stadt, die seit 2500 Jahren auf der Weltkarte steht. Damit spielt auch die Documenta, denn wie es heute der Brauch ist, muss noch der leiseste Anschein von nationaler Beschränktheit vermieden werden.

Athen also. Ein Gedanke, geboren aus der entwürdigenden Rolle, in die die Hauptstadt Griechenlands im Zuge der EU-Krise gezwungen wurde. Diese Documenta versteht sich noch einmal mehr als alle ihre 13 Vorgängerinnen als politische, und das lässt sich mit dem Namen Athens besser demonstrieren als mit dem von Kassel.

Kassel zieht hinaus in die Welt. Die erste Documenta 1955 holte umgekehrt die Weltkunst nach Kassel, ins zerstörte Nachkriegsdeutschland. Weltkunst, die die Nazis zwölf Jahre lang verfemt und verfolgt hatten und die auch zehn Jahre danach noch fremd und unbekannt war. Die Besucher strömten und staunten. Eine neue Zeit hatte begonnen. Mit der ersten Documenta vor mehr als 60 Jahren gewann West-Deutschland Anschluss an die internationale Kunst.

Heute bedarf es keiner Documenta mehr, um über die Kunst der Welt, die Künste in den diversen Welten etwas zu erfahren. Die Kommunikationswege sind vielfältig und liefern Informationen überallhin. Der künstlerische Leiter der Documenta 14, Adam Szymczyk, hat 2008 die Berlin-Biennale mitkuratiert. In der Kunst hängt mehr denn je alles mit allem an allen Orten zusammen.

Berlin hatte übrigens schon letzten Sommer seine erste Documenta-Session. Die selbsternannte Hauptstadt der Kreativen, Wohnort zahlreicher Documenta-Künstler, ist natürlich mit von der Partie. In der Galerie Savvy Contemporary im Weddinger Kunstquartier Silent Green – früher war da ein Krematorium – beschäftigte man sich mit Hexerei und übernatürlichen Phänomenen. Savvy-Chef Bonaventure Soh Bejeng Ndikung kuratiert jetzt auch bei Szymczyk mit. Und der funkte im Februar aus dem Wedding ein Documenta-Radioprogramm in die Welt. Dass zwischen Athen und Kassel eine Documenta-Flugverbindung eingerichtet wird, ist allerdings kein Zauberkram, sondern Symbol für die Internationalität der Gegenwartskunst.Bernhard Schulz