Anhalter Bahnhof : Das Ding mit dem Swing

Frederik Hanssen

Ein Jahr ist es jetzt her: Am 24. März starb der Sänger Roger Cicero an einem Hirnschlag, völlig überraschend, mit gerade mal 45 Jahren.

Statt ein ewiges Licht auf seinem Grab anzuzünden, hat Ciceros Plattenfirma jetzt eine Best-Of-CD herausgebracht. „Postume Profitmacherei!“ kann man da schreien. Oder aber bedenken, dass so ein Album ja auch die Erinnerung an den tragisch früh Verstummten wachhält. Und hoffentlich seiner Patchworkfamilie Tantiemen einbringt sowie Ciceros Kumpels von der grandiosen Bigband, die dem Sunnyboy unter den deutschen Singer- Songwritern stets den richtigen jazzigen Energiekick gegeben hat.

Beim Wiederhören mit den Hits des Hutträgers aus den Jahren 2006 bis 20 16 drängt sich die Frage auf, warum es eigentlich immer noch kein CiceroMusical gibt. Zum Beispiel nach dem „Mamma mia“-Erfolgsmodell, mit einer aberwitzig um die eingängigen Lieder von „Frau’n regier’n die Welt“ bis „Ich atme ein“ herumgestrickten Komödienhandlung. Die küchenphilosophischen Verse des Berliners, seine fluffigen Melodien, aufgepeppt durch die swingenden Arrangements – das alles schreit doch förmlich nach unterhaltendem Musiktheater.

„Glück ist leicht“ heißt die In-Memoriam-Compilation für Roger Cicero übrigens, ein Motto, das eigentlich besser zu Klaus Wüsthoff passt. Auch er wurde in dieser Stadt geboren, auch er ist im Herzen ein Jazzer, nur wurde ihm schon mehr als doppelt so viel Lebenszeit vergönnt wie Cicero. Für den morgigen Freitag hat der 94-jährige Komponist zur Record-Release- Party geladen, nach Berlin-Schmargendorf, in die Kreuzkirche am Hohenzollerndamm, nachmittags um 17 Uhr. „Über die Liebe 2“ heißt die Fortsetzung eines CD-Projekts, mit dem der sendungsbewusste Senior die Leute zum Selbersingen ermutigen will.

In jüngeren Jahren hat er viel Musik für Kinder geschrieben, am bekanntesten wurde sein „Kuscheltierkonzert“. Jetzt interpretiert Wüsthoff Schlager der Zwanziger- bis Fünfzigerjahre, „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“, „Wochenend’ und Sonnenschein“ oder auch „Küss’ mich, bitte, bitte, küss’ mich“, mit erstaunlich rüstiger Stimme und hinreißendem HeinzRühmann-Charme. Wirklich phänomenal aber ist, wie sich Klaus Wüsthoff dazu auch noch selber am Piano begleitet, ganz schlicht, doch mit genuinem Swingfeeling.

Cicero war ein Apostel der Lebensfreude, Wüsthoff ist es noch. Für beide gilt „Musik ist Trumpf“ – nur dass eben einer im Spiel des Lebens nicht so gute Karten hatte. Frederik Hanssen