Anhalter Bahnhof : Berlin, ein Roman

Gerrit Bartels

Was macht eigentlich der Berlin-Roman? Fordert den noch jemand, wie Frank Schirrmacher einst nach der Wende? Schreibt wer daran? Wohl eher nein. Der große Berlin-Roman, er liegt darnieder.

Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Längst wurden haufenweise BerlinRomane geschrieben, vor allem in Zeiten der Popliteratur. Berlin wurde Literaturhauptstadt, Autorinnen und Autoren zogen in die Stadt, kaum ein Verlag, der keine Dependance gründete oder gleich ganz herzog wie Suhrkamp. Es war die Summe dieser einzelnen Teile, aus denen der Berlin-Roman sich zusammensetzte. Und bis heute erscheinen ständig Berlin-Bücher, sie enthalten jedoch vor allem Erinnerungen. An West-Berlin vor der Wende, die wilden Neunziger im Osten oder die Weimarer Republik in den Krimis von Volker Kutscher. Sogar Romane werden veröffentlicht, aber über einzelne Bezirke wie den Wedding („Großer Bruder Zorn“), das Bötzow-Viertel („Die Ruhe weg“) oder Kreuzberg, bald wieder in Sven Regeners „Wiener Straße“. Belletristik goes Kiez.

Heißt das, an den Gegenwartsroman, der Berlin in Gänze in den Blick nähme, traut sich keiner ran? An eine Story, nur mal zum Beispiel, die vom bürgerlichen Westen ins Neukölln der Expats wechselt und einen Bogen von den türkischen Intellektuellen und Künstlern, die wegen Erdogan hier Zuflucht suchen, über die russischen Juden bis zu den Reinickendorfer und Biesdorfer Kleinbürgern schlägt? Gut möglich, dass sich die Veränderungen in der Gesellschaft zu sehr in den Vordergrund drängen, als dass die Metropole, das Urbane alleine als Thema noch taugt. Auch Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ ist ja eine Art Berlin-Roman, aber mehr noch handelt sie von Flüchtlingen und ihren Problemen, wenn sie hierbleiben wollen.

Vielleicht ist es ja so: In der globalisierten, unruhigen Welt finden sich Gegenwartsstoffe genauso in der Provinz, und unsere kleine Nation erscheint plötzlich so riesengroß, dass sich etliche Schriftsteller und Reporter auf Deutschlandreise begeben. Demnächst erscheint eins von Pascal Richman. Titel: „Über Deutschland, über alles“. Richman verspricht, auf seiner Reise der „deutschkrümelnden Idiotie in die Schnitte zu spucken“. Wer braucht da noch den Berlin- Roman. Gerrit Bartels

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