2. Juni 1967 : Schuss und Echo

Gerd Nowakowski

Ein Schuss, der immer noch nachhallt. Der Tod von Benno Ohnesorg vor 50 Jahren war eine Zäsur und auf mehrfache Weise ein Wendepunkt in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Verantwortung für die Katastrophe vor der Deutschen Oper trug die Berliner Polizei mit ihrem brutalen Einsatz gegen friedliche Demonstranten. Der Schuss, mit dem der Zivilpolizist Karl-Heinz Kurras unbedrängt den werdenden Vater Benno Ohnesorg tötete, traf eine ganze Generation. Er zerriss die Stille einer traumatisierten Nachkriegsgesellschaft, die sich mit Wirtschaftswunder-Wohlstand und Capri-Fischer-Romantik betäubte. Der Schuss machte aus einer fragenden Jugend eine rebellische Generation. Eine, die nicht mehr hinnehmen wollte, dass in den Universitäten und der Politik NS-belastete Amtsträger und Professoren unbehelligt tätig waren und in den Familien über die Hitler-Zeit geschwiegen wurde.

Ob die Studentenbewegung sich anders entwickelt hätte, wenn Kurras’ Agententätigkeit für die DDR-Staatssicherheit schon 1967 bekannt gewesen wäre, ist müßig. Die Ermordung Ohnesorgs löste in einer noch ungefügten, suchenden Bewegung, die zwischen Flower-PowerHappening, sexueller Befreiung und Anti-Vietnamkriegs-Protest stand, einen ungeheuren Politisierungs- und Radikalisierungsschub aus. Die Erschütterung über die bislang totgeschwiegenen NS-Verbrechen, die gerade die Auschwitz-Prozesse offenbart hatten, und die als neuer Schritt hin zum autoritären Staat empfundenen Notstandsgesetze gaben den Nachgeborenen eine moralische Legitimation zum Widerstand.

Die Entwicklung dieser liberalen, offenen und partizipativen Gesellschaft ist ohne den Impuls, der von der Studentenbewegung ausging, nicht denkbar. Die Wucht – und die Wut – jener Engagierten, die sich auch gegen das autoritäre Erbe der damaligen Väter-Generation richtete, hat bis ins Private hinein gewirkt, es hat die familiären Beziehungen verändert und emanzipativen Erziehungswerten zum Durchbruch verholfen. Aus dieser Protestgeneration heraus wuchsen auch die Bewegungen zur Gleichstellung der Frauen und zur Bewahrung der Natur.

Dennoch hat die Zäsur des 2. Juni ein Doppelgesicht, weil sie auch an den „linken Faschismus“ erinnert, vor dem Jürgen Habermas schon 1967 warnte. Von den Ereignissen vor der Oper führte ein direkter Weg in den Terrorismus, nicht nur der RAF, sondern auch der Bewegung 2. Juni, die in Berlin mit der Entführung des CDU-Chefs Peter Lorenz verurteilte Terroristen freipresste. Am Ende stand der Kulturbruch der Ermordung von Geiseln durch eine mit elitärer Arroganz agierende RAF, die jeglichen humanitären Anspruch diskreditierte. Es gehört zum bösen Erbe der Studentenbewegung, dass die Kriegserklärung der RAF das Land in eine bleierne Zeit stürzte. Verlorene Jahre einer Republik, in der nach Willy Brandts „mehr Demokratie wagen“ sonst noch mehr Aufbruch möglich gewesen wäre.

In Berlin, wo alles begann – „Kommune 1“, Vietnam-Protest, RAF-Gründung – wird an den Mann, dessen Tod zum Fanal wurde, im Straßenbild nicht erinnert. 50 Jahre nach dem Schuss, der die Republik erschütterte, ist ein Benno-Ohnesorg-Platz überfällig. Zum Andenken an ein unschuldiges Opfer, aber auch als Mahnung, dass die Hybris des gerechtfertigten Zorns verheerend sein kann.

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