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Über eine Million Downloads : So wird die Corona-App von Nutzern und Datenschützern angenommen

Die Politik lobt die neue App, eine Million Nutzer laden sie sich schon bis zum Abend herunter. Das Echo ist weitgehend positiv - doch es gibt noch Baustellen.

Sebastian Christ Thorsten Mumme
Telekom-Chef Timotheus Höttges zeigt die Corona-App am Dienstag bei der offiziellen Vorstellung.
Telekom-Chef Timotheus Höttges zeigt die Corona-App am Dienstag bei der offiziellen Vorstellung.Hannibal Hanschke/Reuters Pool/dpa

Auf die erste Schwierigkeit trafen Apple-Nutzer schon vor dem Installieren. Wer im App-Store "Corona App" eintippte, fand die seit dem heutigen Dienstag verfügbare Warn-App der Bundesregierung nicht. Stattdessen diverse andere Apps, die beim Schutz vor dem Virus helfen sollen.

Erst wer "Corona warn App" eintippte, wurde fündig. Wie viele Bürger diesen Weg allerdings gegangen sind, war am Dienstag Mittag nicht bekannt. Denn auch in Pandemie-Zeiten bleibt sich Apple treu und veröffentlicht keine Download-Zahlen (zum Download der Corona-App gelangen Sie hier). Auch die Bundesregierung konnte auf Tagesspiegel-Anfrage daher keine Daten mitteilen.

Einige hunderttausend Nutzer dürften es aber gewesen sein, denn am Mittag hatte die App Platz eins der App-Store-Charts (im Gratis-Segment) erobert. Bei Android (zum Google-Play-Store-Download geht es hier) aber gab es im Laufe des Tages bereits über eine Million Downloads, wie die Nachrichtenagentur Reutes am Nachmittag meldete. Schon bei der Präsentation der App waren es mehrere hunderttausend gewesen.

In sozialen Medien wurde zum Start vielfach kritisiert, dass die App nur auf verhältnismäßig neuen Smartphones funktioniert. So muss beim iPhone das aktuelle Betriebssystem iOS 13.5 installiert sein. Das gibt es für Geräte ab dem iPhone 6s oder dem iPhone SE. Die älteren iPhones 5, 5s oder 6 reichen nicht aus.

Unübersichtliche Lage bei Android-Handys

Bei Android-Handys ist die Lage etwas unübersichtlicher. Hier ist Android 6 und die Unterstützung von Bluetooth LE Mindestvoraussetzung. Zum anderen müssen aber auch die Google Play Services laufen, weil der Konzern die Schnittstellen nicht über Android selbst zu Verfügung stellt, sondern über diese Google-Dienste.

Zudem wurde kritisiert, dass die Meldung einer Covid-19-Infektion umständlich sei und einen Anruf bei einer Hotline erforderte - die zumindest zum Zeitpunkt des Starts der App überlastet gewesen sei.

Lob aus weiten Teilen der Politik

In der Politik überwiegt das Lob für die neue App. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sprach von der "besten Corona-App", die derzeit auf dem Markt sei.

Der digitalpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Hansjörg Durz, betonte: „Neben dem Abstandhalten und der Bedeckung von Mund und Nase ist die App einer der wichtigsten Bausteine zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.“ Jeder Nutzer übernehme mit der App-Nutzung nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesundheit anderer Verantwortung. 

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Durz ging auch auf die durchaus wechselvolle Entwicklungsgeschichte der Corona-Warn-App ein. „Die Bundesregierung ist bei der Entwicklung der App auf Bedenken aus der öffentlichen Debatte eingegangen und hat Sorgfalt vor Schnelligkeit walten lassen. Angesichts der Bedenken vieler Bürgerinnen und Bürger war dies das richtige Vorgehen.“

Das Ergebnis finde nun die Zustimmung und Anerkennung vieler Experten. Dies gelte insbesondere im Hinblick auf die Transparenz des Entwicklungsprozesses, den hohen Datenschutzstandard sowie die freiwillige Nutzung.

Warnung vor Datenmissbrauch

Eher zurückhaltend äußerte sich der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), Ulrich Kelber. Er halte den Datenschutz bei der App für „ausreichend“ und sehe „keinen Grund, der gegen eine Installation“ spreche. Ihm sei es zum Beispiel wichtig gewesen, dass der Quellcode öffentlich gemacht wurde. Je transparenter das Projekt sei, desto mehr Verständnis würden die Bürger dafür entwickeln.

„Aber es gebe auch noch Schwachstellen, so Kelber. „Dort müssen die verantwortlichen Behörden und Unternehmen Anpassungen vornehmen. Als zuständige Aufsichtsbehörde werden wir überprüfen, dass unsere Hinweise schnellstmöglich umgesetzt werden.“

Beim Umgang mit der App gebe es für den BfDI eine wichtige Grenze: „Es ist in keinem Fall zulässig, dass Dritte Einblick in die App fordern. Ich kann die Inhaber von Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln nur dringend warnen: Versucht es erst gar nicht!“ 

Konkret stört auch ihn das Verfahren, bei dem der Nutzer eine TAN von einer Telefon-Hotline bekommt, um sein positives Testergebnis in der App einzutragen. Grundsätzlich soll die Anwendung ohne eine Telefon-Hotline funktionieren.

Der eigentliche Plan ist, dass Menschen bei einem Test einen QR-Code bekommen, mit dem sie das positive Testergebnis in der App teilen können. Der zusätzliche Absicherungsschritt soll falsche Meldungen verhindern. Allerdings sind noch nicht alle Labore technisch in der Lage, die QR-Codes zu erzeugen. Deshalb gibt es zusätzlich den Umweg über die Hotline. „Der Medienbruch von der App zur telefonischen Hotline ist keine gute Lösung“, kritisierte Kelber.

Lob aus der Digital-Szene

SAP-Technikchef Jürgen Müller versuchte derlei Bedenken mit einem einfachen Vergleich zu entkräften: "Jede Pizzabestellung, jeder Onlinekauf veröffentlicht mehr Daten von mir."

Die Vorsitzende des digitalpolitischen Vereins LOAD, Ann Cathrin Riedel, die in der Anfangsphase der App-Entwicklung Bedenken gegen das ursprüngliche Konzept der zentralen Datenspeicherung hatte, empfahl die Installation der nun präsentierten App. „Unsere Anforderungen an die App(-Entwicklung) wurden umgesetzt. Mir hat der Prozess im Nachhinein gefallen – es ist gut, dass es gedauert hat“, schrieb sie auf Twitter. „Let’s give it a try!“

Anke Domscheit-Berg, netzpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, bekannte ebenfalls, die App bereits installiert zu haben. Sie halte sie für „datensparsam und hinreichend sicher, aber vor allem für eine App im Sinne des Gemeinwohls, mit der ich einen Beitrag zum Schutze Dritter leiste“, schrieb Domscheit-Berg auf Twitter.

Henning Tillmann, Vorsitzender des SPD-nahen digitalpolitischen Vereins D64, sagte auf Phoenix: „Die Zeit, die man sich genommen hat, die hat man richtig investiert. Der Ansatz der dezentralen Corona-App ist genau der richtige.“

Drosten begrüßt neue App, Kekulé rechnet mit vielen Fehlalarmen

Der Virologe Alexander Kekulé befürchtet, dass die neue Corona-Warn-App zu vielen Fehlalarmen führen wird. Das Smartphone könne zum Beispiel keine schützenden Plexiglasscheiben erkennen oder ob Kontaktpersonen einen Mundschutz getragen hätten, sagte Kekulé am Dienstag im Podcast von MDR Aktuell. Außerdem registriere die Technik nicht, wo sich Menschen begegnet seien, ob draußen oder in einem engen Raum. „Wichtige gefährliche Kontakte können von der App gar nicht festgestellt werden.“

Der Epidemiologe von der Universität Halle erklärte, das Warnsystem könne „erst richtig funktionieren, wenn wir auch Angaben über den Raum haben“. Das sei aber in der neuen Version aus Datenschutzgründen nicht geplant.

Nach Einschätzung Kekulés wird es durch die App keine angekündigte Entlastung für die Gesundheitsämter geben, die nun zusätzliche Meldungen nachverfolgen müssen.

Der Virologe Christian Drosten verspricht sich von der neuen staatlichen Corona-Warn-App einen „guten Effekt“ auch im Fall von relativ niedrigen Nutzerzahlen. Selbst dann könne „an vielen Stellen ein entscheidender Unterschied“ erzielt werden, sagte der Wissenschaftler von der Charité in Berlin am Dienstag im NDR-Podcast. Die App sei ein „entscheidend wichtiges Werkzeug“, um die Zahlen niedrig zu halten. Bei der Suche nach Kontakten eines Infizierten komme es schließlich vor allem auf Geschwindigkeit an: Müssten da erst Telefonketten losgehen, gehe wichtige Zeit verloren, sagte er.

Corona-Apps sollen grenzüberschreitend funktionieren

Am Mittag gab die Europäische Kommission zudem bekannt, dass die EU-Staaten sich auf eine Lösung für die Interoperabilität von mobilen Tracing- und Warn-Apps geeinigt haben. Dies technischen Spezifikationen sollen dazu dienen, „einen sicheren Informationsaustausch zwischen den nationalen Anwendungen zu gewährleisten“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Die Richtlinien beziehen sich auf solche Apps, die ähnlich wie die deutsche Software-Lösung einen dezentralen Ansatz zur Speicherung von Daten verfolgen. Dies betreffe die überwiegende Mehrheit der Anwendungen, die in der EU bereits eingeführt wurden oder kurz vor der Einführung stehen. In einzelnen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, werden die Daten dagegen zentral gespeichert. 

„Da wir uns der Reisesaison nähern, ist es wichtig sicherzustellen, dass die Europäer die App von ihrem eigenen Land aus nutzen können, wo immer sie in der EU unterwegs sind“, sagte der für den Binnenmarkt zuständige Kommissar Thierry Breton. „Apps zur Ermittlung von Kontaktpersonen können nützlich sein, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, insbesondere als Teil nationaler Strategien zur Aufhebung von Kontaktbeschränkungen".

Nützlich wird die App, wenn viele sie nutzen

Klar ist, dass die hunderttausende Android-Downloads noch nicht ausreichen, um mit der App die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen. Es braucht allerdings auch nicht 40 Millionen Menschen in Deutschland, wie derzeit vielfach gemeldet wird. Diese Zahl geht auf eine britische Studie zurück, wonach der volle Effekt erst dann erreicht wird, wenn sich 60 Prozent der Bevölkerung oder mehr beteiligen.

Die Forscher aus Oxford sagen aber auch: „Selbst bei einem geringeren Anteil gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt.“ Regierungssprecher Steffen Seibert verwies am Montag auf inzwischen veränderte Rahmenbedingungen: „Das war eine vollkommen andere Zeit mit einem viel, viel höheren Reproduktionsfaktor.“

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Die Berechnungen aus Oxford gingen auch von der Annahme aus, dass es gar keine anderen Mittel des Kampfes gegen die Pandemie gebe. Der Nutzen der App wird aber umso größer sein, je mehr Nutzer sie habe. „Deswegen hoffen wir, dass viele Menschen sich überzeugen lassen. Aber sie hat ihren Nutzen bereits weit unterhalb dieser Marke von 60 Prozent“, erklärte Seibert.