• Von Potsdam nach China: Aufbruch in das Reich der Mitte

Von Potsdam nach China : Aufbruch in das Reich der Mitte

Der Potsdamer Fußballlehrer Sven Thoß arbeitet seit Anfang des Monats als Nachwuchstrainer in China.

Gewöhnungssache. Sven Thoß und die Herausforderung mit den Stäbchen.
Gewöhnungssache. Sven Thoß und die Herausforderung mit den Stäbchen.Foto: privat

Er vagabundierte bislang durch die regionale Fußball-Landschaft, trainierte unter anderem den Teltower FV, den Werderaner FC, zwischenzeitlich den Goslarer SC. Er organisierte 28 Mal das Potsdamer Hallenmasters. Er führte die A-Junioren des SV Babelsberg 03 in die Regionalliga zurück, zuletzt coachte er den FSV 63 Luckenwalde in der Regionalliga Nordost. Mit dessen Abstieg in die Oberliga musste auch Sven Thoß gehen. Jetzt wird der 51 Jahre alte Fußballlehrer zum Weltenbummler. Seit Anfang Juli hat Thoß ein Engagement im Reich der Mitte. In der 13-Millionen-Metropole Tangxia in der südchinesischen Küstenprovinz Guangdong, in der Nähe von Hongkong, trainiert der Potsdamer die U17-Fußball-Mannschaft einer Berufsschule.

Bereits vor einigen Wochen war der A-Lizenztrainer mit einer Lern-App unterwegs, um ein paar erste chinesische Vokabeln zu lernen. Er habe nicht lange überlegt, ob er den Wechsel an Perspektiven, Kultur und neuen Lebensweisen wagen sollte. „Das ist ein tolle Chance“, sagte er kurz vor seiner Abreise. Von Berlin über Paris ging es für ihn nach Guangzhou. Die letzten Kilometer des anstrengenden Trips ging es dann mit dem Auto weiter. „Da wurde ich dann extra abgeholt. Die Fahrt hat nochmal zwei Stunden gedauert“, schilderte Thoß seine Ankunft.

Von seinen ersten Eindrücken ist er begeistert. „Ich bin angenehm überrascht von den guten Bedingungen. Um von den Chinesen akzeptiert zu werden, gebe ich mir auch allergrößte Mühe, meine Nahrung kulturgerecht mit Stäbchen zu mir zu nehmen. Bis zur Perfektion wird es wohl noch eine Weile dauern“, schrieb er auf seiner Facebookseite.

Ein erstes internes Kräftemessen in einem Testspiel gegen eine von einem Südkoreaner trainierte Mannschaft gab es vor Ort auch schon. „Nach nur vier gemeinsamen Trainingseinheiten trotzten wir dem Favoriten ein leistungsgerechtes 0:0 ab. Meine Jungs gingen über 90 Minuten ein hohes Tempo“, berichtet Sven Thoß, der am heutigen Mittwoch bereits vor der nächsten Partie steht. Da geht es dann im Ligabetrieb des Nachwuchses um Punkte. Für Thoß ist es gleichzeitig seine Premiere an der Seitenlinie in China. „Das Spiel soll dann richtig groß aufgezogen werden, mit Hymne, Einlaufen und allem. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich“, so der gebürtige Potsdamer.

Der 51-Jährige ist nicht der einzige Trainer aus der Region, der in China arbeitet. Seit Februar 2018 trainiert der gebürtige Luckenwalder Marcus Jahn die U21-Mannschaft von Beijing Guoan in der Hauptstadt. Der 32-Jährige fördert vor Ort die Talente und arbeitet der ersten Mannschaft des Vereins, die von Roger Schmidt – Ex-Bundesligatrainer von Bayer 04 Leverkusen – trainiert wird, zu. „Ich bin grundsätzlich ein weltoffener Mensch und war auch schon mehrfach in China. Während meiner Zeit als Cheftrainer der ungarischen U19-Nationalmannschaft haben wir 2017 an einem internationalen Turnier in Chengdu teilgenommen“, äußerte Jahn jüngst auf „Transfermarkt.de“. „Dort sind wir Turniersieger geworden und haben fußballerisch eine wirklich klasse Leistung geboten. So sind die Verantwortlichen von Beijing Guoan auf mich aufmerksam geworden.“

Auch die einstige Potsdamer Ruder-Trainerin Jutta Lau trainiert seit einigen Jahren die Ruder-Nationalmannschaft in China. Der frühere Bob-Pilot des SC Potsdam, Manuel Machata, ist seit 2015 Bob-Nationaltrainer in China, wo 2022 die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Noch etwas südöstlicher von China ging es Ende der 1990-er Jahre für den Ex-Weltklasse-Geher Ronald Weigel. In Canberra coachte der Potsdamer fünf Jahre die australischen Geher. Inzwischen arbeitet Weigel wieder in Deutschland als Bundes- und Landestrainer der Geher. Das Engagement von Sven Thoß ist zunächst für ein Vierteljahr auf Probe angelegt. Sollten beide Seiten dann überzeugt voneinander sein, ist eine mehrjährige Zusammenarbeit nicht auszuschließen. Dann dürfte auch bald das chinesische Essen mit Stäbchen kein Problem für den gebürtigen Potsdamer werden. mst/pek

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