• VfL Potsdam: Emotionen auf dem Parkett

VfL Potsdam : Emotionen auf dem Parkett

Robert Weiß ist der neue Kapitän beim Handball-Drittligisten VfL Potsdam. Im PNN-Interview spricht er über Freundschaft, Derbys, die Unberechenbarkeit seines Teams und den Segen von Auswärtsfahrten.

Neuer Kapitän. Robert Weiß wurde vor der Saison 2016/17 zum Spielführer des VfL Potsdam ernannt.
Neuer Kapitän. Robert Weiß wurde vor der Saison 2016/17 zum Spielführer des VfL Potsdam ernannt.Foto: Julius Frick

Herr Weiß, was ist Freundschaft für Sie?

Freundschaft ist ein ständiges Geben und Nehmen, Interessenaustausch, gemeinsam Zeit miteinander verbringen. Zeit ist das Wichtigste, was man einem Menschen schenken kann. Freundschaft heißt, da zu sein, wenn es nötig ist, und den anderen so gut zu kennen, um zu merken, dass er einen braucht.

Wie würden Sie das Verhältnis am kommenden Sonntag ab 16 Uhr zu Florian Schugardt beschreiben? Er ist einer Ihrer besten Freunde und Kapitän von Grün-Weiß Werder, dem Gegner ihres VfL Potsdam an diesem Tag.

Die Freundschaft muss eine Stunde ruhen. Aber wir sind es gewohnt aus unserer gemeinsamen VfL-Zeit, uns gegenseitig zu bekämpfen. Er war Kreisläufer, ich Abwehrspieler – wir haben uns in jedem Training arg zugesetzt. Und nun ist halt Derby. Rein von den Positionen gibt es keine Berührungspunkte. Und wenn es doch einmal zu einer Eins-gegen-eins-Situation kommt, werde ich nicht zurückhalten. Er bekommt von mir keinen Sonderstatus oder ein Schutzprogramm. Wir wissen ja beide, worum es geht: Wir spielen dritte Liga, das ist kein Hobby-Handball mehr, da geht es um Punkte.

Es ist ja ohnehin kein Spiel gegen Unbekannte: 18 der 20 Werderaner Spieler sind ehemalige VfL-Handballer. Was ist das für ein Gefühl, gegen ein ganzes Team mit Ex-Kollegen anzutreten?

Eigentlich spielt ja Potsdam gegen Potsdam. Bis zur vergangenen Saison war Werder Kooperationspartner des VfL und hat sehr von der Potsdamer Nachwuchsarbeit profitiert. Handballerisch wird es interessant: Wir kennen uns alle, kennen die Abläufe, die Wurfbilder, die Bewegungen. Es wird darauf ankommen, wer den größeren Reiz setzen und den anderen überraschen kann. Und man sollte nicht zu emotional an die Sache gehen. Das Spiel wird die Saison nicht beeinflussen. Aber wir wollen in der Region Hausherr sein.

Sind Sie ein emotionaler Spieler?

Definitiv, ich lebe von Emotionen. Ich bin auf meiner Position nie der Größte gewesen, musste durch Ehrgeiz und Emotionen wettmachen, was mir die Natur nicht gegeben hat. Das war auch der Tenor aus der Mannschaft, nachdem sie mich vor Saisonbeginn zum Kapitän bestimmt hat: Dass ich meine Emotionen aufs Parkett bringe, viel rede, versuche, meine Nebenleute mitzureißen. Neben dem Parkett bin ich nicht der große Taktiker, der Spiele zerredet oder versucht, eine Riesen-Wissenschaft daraus zu machen.

Es gibt Spiele des VfL, in denen Sie bester Torschütze waren oder aber auch gar keinen Treffer machten. Worüber freuen Sie sich mehr: über ein Tor oder eine erfolgreiche Torabwehr?

2011 hatte ich eine schwere Schulterverletzung, konnte danach in meinem zweiten Jahr in Potsdam zwar noch 90 Tore werfen, aber nicht mehr aus dem Rückraum, sodass der Verein reagieren musste. Ich bin dann gerne auf die Position des Abwehrchefs gerückt. Denn Abwehr war schon immer meine Stärke, mit der ich es in Eisenach mit meinem Heimatverein in die zweite Liga geschafft hatte. Mich kann man nachts um zwei wecken und in die Abwehr stellen. Das steckt in mir drin. Daher bin ich total zufrieden und verteidige sehr gern und versuche, der Mannschaft eine gute Grundlage zu schaffen: Wenn wir nur 20 Tore kriegen, haben es die Jungs vorne leichter und müssen nur 21 werfen.

Der Kader für die aktuelle Saison wird als sehr ausgeglichen beschrieben, sodass er auf allen Positionen doppelt stark besetzt ist. Hat sich das aus Ihrer Sicht in der Vorbereitung, den Testspielen und beim Ligaauftakt bereits bestätigt?

Auf jeden Fall. Auf den Außen haben wir ohnehin Nähmaschinen. Das sind athletische Top-Talente, die ein super Wurfbild haben. Mit Dominik Steinbuch und Philipp Hempel haben wir zwei Spieler mit einer starken Physis bekommen. Wir haben am Kreis mit Niklas Einenkel einen Spieler, der die Potsdamer Handballschule durchlaufen hat, so langsam wieder fit und ein guter Partner für Christian Schwarz wird. Und wir haben mit Matti Spengler und Yannik Münchberger zwei Spielertypen, die ein Spiel lesen können und sehr intelligente Handballer sind. Unser Vorteil in diesem Jahr ist, dass wir auf den Positionen rotieren und für den Gegner immer neue Reize setzen können. Das macht uns sicher unangenehm.

Spielen Sie gern in der MBS-Arena?

Klar! Ich hatte noch nie so eine Halle als Heimstätte. Vor allem wenn wir Derbys haben oder zur Saisoneröffnung gegen die Füchse Berlin spielen, gibt es keinen Spieler, der keine Gänsehaut hat.

Sind Sie mitunter enttäuscht, wenn es wenig Zuschauer sind? Denn die Halle verträgt mehr Publikum als häufig da ist.

An erster Stelle steht, das Spiel zu gewinnen. Natürlich will ein Sportler im Fokus stehen und viele Zuschauer haben. Aber wenn wir Sonntagnachmittag bei 30 Grad Sonnenschein spielen, ahnen wir schon, dass es dann nicht so voll wird. Oder wenn ein Gegner kommt, der vielleicht nicht so polarisiert wie in einem Derby. Das ist eben auch die Aufgabe, der sich der Verein annimmt, den Handballsport in Potsdam gut zu bewerben.

Machen Sie doch gleich mal! Warum lohnt es sich, zum Drittliga-Handball zu kommen? Warum ist die dritte Liga kein Jenseits von Gut und Böse?

Handball ist faszinierend, weil man da alles findet. Man braucht Nervenstärke, Athletik, Schnelligkeit, Kraft, Spielintelligenz, ein schnelles Reaktionsvermögen. Alles, was in anderen Sportarten vielleicht gezielt gebraucht wird, bündelt sich im Handball. Deutschland hat seit Jahren mit der Bundesliga die stärkste Liga der Welt. Was die Qualität betrifft, ist keine Liga so ausgeglichen wie die deutsche. Dementsprechend sind auch die Ligen darunter von guter Qualität. In der ersten Liga wird kein anderer Handball als in der dritten gespielt. Die Spielzüge sind weitgehend gleich. Der Unterschied liegt in der Physis und in der Athletik.

Füchse-Profi Fabian Wiede aus Bad Belzig wurde in diesem Jahr Europameister und Olympia-Dritter, Paul Twarz vom VfL U20-Vize-Europameister, Alexander Haase ist Co-Trainer der erfolgreichen deutschen Nationalmannschaft. Was heißt das für die hiesige Handball-Region?

Es gibt keine bessere Werbung, wenn in regelmäßigen Abständen so gute Handballer herauskommen. Es spricht für die Arbeit, die hier geleistet wird. Man sollte weiter die Kräfte der Vereine bündeln, sodass die Füchse in der Kooperation das Oberhaus bilden, wir mittelfristig ein Zweitliga-Team haben, um Talente auszubilden, und wir in der dritten Liga einen Unterbau haben – vielleicht mit Werder.

Das heißt, Werder sollte den VfL am kommenden Sonntag nicht aufhalten beim Weg in die zweite Liga?

Dafür müssen wir schon selbst was tun, um uns nicht aufhalten zu lassen.

Ist der Aufstieg denn ernsthaft ein Ziel in dieser Saison?

In diesem Jahr nicht. Mit Ansage ist noch nie einer aufgestiegen. Es bedarf sehr, sehr viel Grundlagenarbeit, sowohl im Wirtschaftlichen als auch im Mannschaftsgebilde. Es soll alles wachsen und da geht der VfL den richtigen Weg. Wir haben ein Netzwerk geknüpft mit den Füchsen und mit Werder. Und wir als VfL müssen uns auch wieder einen Namen machen und für Qualität stehen. Wir müssen zwei, drei Spielzeiten oben mitgespielt haben, um für Spieler interessant zu werden, die dann mit dem Verein den nächsten Schritt gehen wollen.

Welches sportliche Ziel formulieren Trainer und Team dann für das aktuelle Jahr?

Wir wollen Konstanz in die Saison bringen. Das macht eine gute Mannschaft aus, in jedem Spiel ein bestimmtes Maß an Leistung abzurufen. Ob man dann je nach Tagesform besser als das Mindestmaß ist, bleibt abzuwarten.

Der VfL muss zu Beginn der neuen Spielzeit dreimal auf Reisen. Auswärtsspiele sind schön, weil... …

...sie gut fürs Teambuilding sind. Man verbringt den ganzen Tag miteinander, sitzt im Bus auf engstem Raum. So viel Zeit hat man in der Woche nicht. Man geht arbeiten, sieht sich beim Training. Aber so richtig lernt man sich an gemeinsam verbrachten Tagen kennen. Man gewinnt oder verliert zusammen und arbeitet es gemeinsam auf. Dadurch wächst eine Mannschaft besser zusammen.

ZUR PERSON: Robert Weiß (29) erlernte beim ThSV Eisenach das Handball-ABC und spielte für die Thüringer in der 2. Bundesliga. Nach einigen Jahren in Pirna wechselte Weiß 2013 zum VfL Potsdam. Dort ist er nunmehr der Abwehrchef und seit dieser Saison auch Kapitän.