• Ulrikes Sportshop in Potsdam: Bittersüßer Ladenschluss

Ulrikes Sportshop in Potsdam : Bittersüßer Ladenschluss

Fast drei Jahrzehnte lang betrieb die einstige Weltklasseläuferin Ulrike Bruns ihren Sportladen in Potsdam. Nun schließt sie den Shop in der Lindenstraße.

„28 Jahre“ steht am Schaufenster des Sportladens von Ulrike Bruns - im August wären es 29 Jahre geworden.
„28 Jahre“ steht am Schaufenster des Sportladens von Ulrike Bruns - im August wären es 29 Jahre geworden.Foto: Ottmar Winter

Innenstadt - Das übergroße Reklameschild für den Herzfrequenzmesser steht noch an der Wand. Auch ein paar Uhren, die anzeigen, wie schnell das Läuferherz bei seiner Tätigkeit pocht, sind noch da. Sie gingen beim Ausverkauf in „Ulrikes Sportshop“ nicht mehr über den Ladentisch. Der Puls an diesem Nachmittag in dem Laden in der Lindenstraße schlägt gemächlich: Was an Schuhen, Shirts, Socken und Jacken noch da ist, wird in Kisten verpackt. Regale werden abgeschraubt, ein paar Kindersportsachen zum Verschenken vor die Tür gestellt.

Als stiller Beobachter lächelt Haile Gebrselassie von einem Poster. „Da vorn habe ich noch eins mit seiner Originalunterschrift“, sagt Ulrike Bruns und macht eine Kopfbewegung in Richtung zum anderen Ende des Ladens, wo die äthiopische Lauflegende seinen Platz hatte. „Ach, da ist er auch schon weg“, stellt die 65-Jährige fest.

Das Lachen von Ulrike Bruns ist bittersüß. Mit einem „lachenden und weinenden Auge“, sagt sie, räumt sie ihren Laden leer. Nach 29 Jahren ist Schluss. Ein halbes Leben. In den vergangenen Tagen markierten Zettel hinter der Schaufensterscheibe den Countdown: „Noch fünf Tage … Noch drei Tage …“. Die Schnäppchenjäger freuten sich. Auch die treue Kundschaft kam noch einmal – weniger erfreut, denn für sie war „Ulrikes Sportshop“ eine Institution, ein Halt, eine sichere, lebendige Adresse in der sich wandelnden, digitalen Verkaufswelt. „Und sie bestätigen mir, dass ich alles richtig mache, wenn ich jetzt aufhöre. Sie verstehen es“, sagt Ulrike Bruns.

Sie musste den plötzlichen Tod ihres Mannes verkraften

Die ihr treu sind, wissen, dass das zurückliegende Jahr das schwierigste war: Im Januar 2018 verstarb völlig überraschend ihr Mann Jürgen Bruns – ihr einstiger Trainer, mit dem zusammen sie es zu einer der erfolgreichsten Mittelstreckenläuferinnen ihrer aktiven Läuferkarriere schaffte. Mit Olympiabronze über 1500 Meter 1976 in Montreal, als Weltmeisterschaftsdritte über 3000 Meter 1987 in Rom oder als sie 1975 beim Istaf in Berlin 1000-Meter-Weltrekord lief.

30 Jahre, so war der Plan, wollten sie den Sportladen machen. Das Schicksal hatte einen anderen.

1990, Wendezeit. Ulrike Bruns hatte zwei Jahre zuvor ihre Laufbahn beendet, arbeitete als medizinisch-technische Assistentin, ihr Mann als Trainer beim TSC Berlin. „Und in der Potsdamer Innenstadt gingen die Läden tot“, sagt sie. In der Gutenbergstraße stand ein altes Lebensmittelgeschäft leer. Jürgen Bruns, immer leidenschaftlich und begeisterungsfähig, sah hinter dem Schaufenster statt Tempoerbsen schnelle Laufschuhe. „Ich habe klein bei- und meinen Namen dafür gegeben“, erzählt Ulrike Bruns vom Beginn als Geschäftsfrau. Und: „Ich würde es immer wieder machen.“ Die Anfangsjahre waren schwierig. Vom Einzelhandel hatte sie keine Ahnung, „die Buchführung war kompliziert“, erinnert sie sich. Mit Adidas machte sie ihren ersten Vertrag für die Herbst- und Winterware, sie stellte ein paar Schuhe ins Regal, hing Jacken und Hosen auf und hatte „total unterschätzt“, wie hungrig die Menschen im Osten auf Klamotten aus dem Westen waren. „Das war mein Glück“, sagt sie.

Der Gehweg vor dem Laden wurde zur Teststrecke

Während in die Läden neue bunte Ware und der vermeintlich süße Duft der neuen Welt zog, klebte in der Gutenbergstraße noch Jahre der Geruch des Vergänglichen. Die kaputten Häuser waren für Filmemacher die perfekte Kulisse für Zweiter-Weltkrieg-Szenen, die Hausbesetzer probten hier die Anarchie. Und „das Abwasser floss die Gosse runter, es gab kein Licht und keine Laternen“, erinnert sich Ulrike Bruns. In der Sicherheit der Dunkelheit krochen Diebe durch das Fachwerkhaus, immer pünktlich, wenn neue Ware eingetroffen war, und räumten das Lager leer. Irgendwann fand die Kripo in den Flämingwäldern einen riesigen Berg Diebesgut, vor allem Elektroware. „Das waren Millionen“, erzählt Ulrike Bruns, „D-Mark, damals“. Und mittendrin zwischen Videorekordern und Videokameras auch Laufschuhe aus ihrem Laden.

Nach fünf Jahren zogen sie in die Lindenstraße und sagten sich: „Hier bleiben wir.“ Der Gehweg vor dem Laden wurde zur Teststrecke. Wer neue Laufschuhe brauchte und wem dafür von Kennern „Ulrikes Sportshop“ empfohlen wurde, bekam hier von der Chefin eine fundierte Beratung, welches das passende Schuhwerk ist, und dazu die Aufforderung, es gleich vor der Tür auszuprobieren. Mitunter gab es eine Gratis-Portion Wahrheit: Wer nicht zum Laufen geeignet war, wenn sie „orthopädische oder gesundheitliche“ Bedenken hatte, dann schenkte Ulrike Bruns reinen Wein ein. „Du musst bei deiner Linie bleiben, immer ehrlich sein“, sagt sie. Das hatte sie als Sportlerin gelernt in einem System, das Querdenken und andere Meinungen unterdrückte, weshalb für sie und ihren Mann der Weg – trotz der sportlichen Erfolge – nie geradeaus ging.

„Auch das ganze Internetgeschnorre haben wir überlebt“

„Zu kämpfen habe ich als Sportler gelernt“, sagt sie. Den Anspruch, besser zu sein als andere, hat sie auch als Geschäftsfrau gelebt. „Wir waren nie wankelmütig“, sagt sie, „auch nicht, als andere Läden entstanden, das Stern-Center oder Intersport eröffnet wurden“. Beim Kommen und Gehen der Geschäftsleute in der Potsdamer Innenstadt blieb „Ulrikes Sportladen“ eine wohlwollende Konstante. „Auch das ganze Internetgeschnorre haben wir überlebt“, sagt sie.

Das Laufen ist ihr über all die Jahre ein Begleiter geblieben. Fast zeitgleich mit ihrem Laden begann sie im Luftschiffhafen, eine Frauenlaufgruppe zu trainieren. Seit 27 Jahren macht sie das und einige Frauen sind vom ersten Tag an bis heute dabei. „Andere haben geheiratet, sind weggezogen, kommen jetzt wieder“, sagt sie.

Sie selbst schließt jetzt ab. Ein paar letzte Bestellungen sind noch zu erledigen, das Finanzamt bekommt in Kürze die Abschlussbilanz. Ende des Monats sperrt sie ein letztes Mal den Laden zu. Der blaue Schriftzug „Ulrikes Sportshop“ ist schon mit dem Ocker der Hausfassade übertüncht. Etwas Neues wird kommen, ein anderer Puls schlagen.