REKONSTRUKTION : Stasi-Puzzle Das

In 16 000 Säcken lagern zerrissene Stasi-Unterlagen. Die manuelle Rekonstruktion würde 700 Jahre dauern. In Berlin versuchen es Experten per Computer. Eine Zwischenbilanz

Interview: Matthias Schlegel Norbert Thomma

Das größte Puzzle der Welt hat 32 256 Teile. Es zeigt das Gemälde „Double Retrospect“ von Keith Haring, Größe 5,44 mal 1,92 Meter. Herr Nickolay, würden Sie das gern in Ihrer Freizeit zusammensetzen?

Nein. Ich habe als Kleinkind mal ganz simple Bilder gepuzzelt, die aus wenigen Teilen bestanden, aber ein leidenschaftlicher Puzzler war ich nie.

Sie waren eher der mit dem Fischer-Baukasten?

Ja. Mein Interesse galt immer der Technik, schon als Schüler hatte ich nur einen Wunsch: Ich wollte Forscher werden. Ich hatte Experimentierkästen, mit denen habe ich Radios gebaut.

Am Fraunhofer-Institut tüfteln Sie seit elf Jahren an einem leistungsstarken, elektronischen Puzzler, um zerstörte Stasi-Unterlagen zu rekonstruieren. Wie lange würde der für das gigantische Bild brauchen?

Einige Stunden? Jedenfalls nicht Tage oder Wochen. Harings Grafiken haben ja leuchtende Farben, das erleichtert die Sache. Zerrupfte Stasi-Dokumente sind als Aufgabe deutlich komplexer.

Nach dem Fall der Mauer begannen Stasi-Leute damit, ihre Akten zu schreddern, und als die Maschinen heißgelaufen waren, machten sie per Hand weiter – bis sie von Bürgerrechtlern gehindert wurden. Die Papiere, so heißt es im Amtsdeutsch, seien „vorvernichtet“ worden. Was bedeutet das denn?

Der tolle Begriff vorvernichten lässt sich zweifach interpretieren. Einmal sollten die kleinen Papierstücke später richtig vernichtet werden, durch Verbrennen zum Beispiel. Es gibt aber auch Historiker, die meinen, Teile der Stasi hätten damit gerechnet, der Wind könne sich wieder drehen und man würde sie im Geheimdienst einer wie auch immer gestalteten DDR wieder brauchen. Dann hätten sie die Akten gerne zurückgehabt und zusammengesetzt.

Es gibt in Zeitungsberichten sehr unterschiedliche Angaben über das, was Sie da bearbeiten: Mal ist jede DIN-A4-Seite in 8 bis 30 Schnipsel zerrissen worden, dann wieder 4- bis 12-mal.

Wir haben bisher den Inhalt von 70 Säcken digitalisiert, und unsere Rechner sagen: Die Masse der Seiten zerfällt in 8 bis 16 Teile. Es gibt aber auch Seiten, die sind nur einmal längs oder quer zerrissen. Die setzt man leichter von Hand zusammen.

Der Rekord soll ein DIN-A5-Blatt aus 98 Einzelteilen sein, die Stücke sind klein wie ein Fingernagel.

Es gibt Säcke der Hauptverwaltung Aufklärung, die war für Auslandsspionage zuständig, die wirklich sehr kleinteilig sind. Das meiste haben die allerdings komplett vernichten können.

Nun sitzen im fränkischen Zirndorf seit 1995 ehemalige Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, die von Hand Stasi-Unterlagen rekonstruieren und mit Klebstoff zu Seiten fügen. Haben Sie sich das mal angeschaut?

Ja, wenn man visuelle Prozesse automatisieren will, muss man sich daran orientieren, wie das manuell gemacht wird. Die Mitarbeiter dort arbeiten an großen Holztischen, das könnte die Abteilung eines Versandhandels sein. Darauf breiten sie die Papierschnipsel aus und schauen von oben drauf. Ich bin immer überrascht, wie viel das menschliche Auge bei enormer Übung leisten kann. Doch das hat Grenzen, wenn die einzelnen Formen zu klein werden. Deshalb können die Schnipsel in jedem fünften Sack nicht rekonstruiert werden.

Wie viele Handpuzzler arbeiten dort?

Vielleicht ein Dutzend, bei meinem ersten Besuch im Jahr 1998 waren es mehr als 40. Viele sind in Rente gegangen.

Von Hand sind bis heute etwa eine Million zerstörte Seiten zusammengesetzt worden. Auf 45 Millionen Seiten wird die Hinterlassenschaft der Stasi geschätzt, das wären weitere 700 Jahre Handarbeit.

In etwa.

Ihr Wunder-Puzzler, wie fix soll der das schaffen?

Noch sind wir in der Pilotphase dieses weltweit einmaligen Projekts, aber ich würde sagen: In zehn bis 15 Jahren könnten die verbliebenen 15 000 Säcke und die Schnipsel darin bearbeitet sein.

Versuchen Sie doch mal, uns Laien zu erklären, was Sie da machen. Wir stellen Ihnen einen dieser braunen Papiersäcke mit Stasi-Schnipseln hin – und nun?

Der wird nicht ausgekippt, das wäre Wahnsinn. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass die Schnipsel, die räumlich zusammenliegen, zu 85 Prozent auch sachlich zusammen gehören. Also wird – wie bei Archäologen – Schicht für Schicht abgetragen und in Archivkartons gelegt, die eine Codierung erhalten.

Ein irrer Aufwand. Auf einem Video Ihres Instituts ist zu sehen, dass auf jede Lage Schnipsel ein dünnes Papier gelegt wird, wie bei Scheibletten-Käse. Wie viele Archivboxen machen Sie aus einem Sack?

Etwa 60 bis 80, je nach Sackgröße …

…und so werden aus 15 000 Säcken – die vor allem in Magdeburg liegen – über eine Million Schachteln!

Um die klimatisch gut zu lagern, bräuchte man riesige Hallen. Finanziell und logistisch wäre das aufwendig. Für meinen Geschmack ist das unnötig, wenn das Material einmal digitalisiert ist, aber das müssen Politiker und Juristen entscheiden. Es gibt Juristen, die meinen, vor Gericht hätten nur Akten Bestand, die im Original vorliegen. Dazu müsste man die relevanten Seiten dann nicht nur elektronisch, sondern auch stofflich zusammensetzen.

Jetzt kommt immer noch Handarbeit: das Scannen.

Jeder Schnipsel wird durch einen Scanner digitalisiert und dazu auf eine Art Förderband gelegt. Wir mussten eigens ein Gerät entwickeln lassen, das in einem Arbeitsgang Vor- und Rückseite scannt. Es gibt auch verschmutzte Schnipsel, die muss man mit Pinseln reinigen. Kleine oder beschädigte werden in eine Folie gelegt. Und manche haben wir mit dem Bügeleisen geglättet, aber da gäbe es für große Mengen industriell einsetzbare Maschinen.

Wenn die Schnipsel digitalisiert sind, was macht der Computer?

Er puzzelt letztlich genauso wie ein Mensch, nur mittels eines komplizierten Algorithmus. Er schaut sich die Merkmale an: Farbe, Kontur, Anschnittwinkel, Abrisskante. Ist das Papier liniert, kariert? Ist da Maschinenschrift drauf, Handschrift? Wir haben beinahe 100 solcher Parameter. Wenn Sie ein Puzzle machen mit einem blauen Himmel, dann legen Sie alle blauen Teile auf ein Häufchen. Solche Häufchen bildet der Computer auch, nur heißt es da Clusteranalyse. Erst dann fängt er an zu puzzeln, denn das ist rechenintensiv. Wissen Sie, warum wir es schwerer haben als bei einem Puzzle?

Sagen Sie's uns.

Wir haben keine Zielvorgabe! Beim Puzzle wissen Sie, ich habe soundso viele Teile, die ergeben zusammen ein Bild. Haben wir einen Schnipsel, kann man nicht mal sagen, ob der nächste zu ihm gehört oder zu einer Seite in einem ganz anderen Sack. Wird das ein DIN-A4-Blatt oder ein kleineres? War das jemals eine ganze Seite? Fehlen wichtige Teile, die sich nie wieder finden lassen? Doch die Maschine kann auch streichholzkopfkleine Stückchen verwerten. Archivare vermuten ja, es handle sich bei den kleinsten Teilen um sensible Unterlagen.

Je kleiner, desto brisanter?

Ja. Außerdem kann der Computer sackübergreifend arbeiten und …

… Sackübergreifend – was bitte ist das?

Kein manueller Rekonstrukteur kann sich übrig gebliebene Schnipsel merken, nicht einmal der genialste Schachspieler der Welt könnte das, doch die Erfahrung zeigt: 10 bis 15 Prozent eines Sacks gehören zu Material in anderen Säcken.

An geschreddertem Papier scheitern Sie vermutlich: lange, dünne Fäden, die sich zerknäueln.

Das geht mittlerweile auch, doch es ist methodisch schwieriger. Es fehlt ja das wichtige Merkmal der Form, alle Streifen sehen gleich aus.

Für ein Forschungsinstitut ist so ein Projekt wie eine dicke Goldader. Wie sind Sie darauf gestoßen? Mal heißt es, Ihr Freund Jürgen Fuchs habe Sie aufmerksam gemacht, mal war es ein Fernsehbericht.

Das Thema lag sowieso in der Luft, denn wir arbeiten schon lange am maschinellen Sehen, oder englisch ausgedrückt: computer vision. Sei es eine Anlage, die Geschirr auf feinste Fehler prüft, wie Risse oder graue Stellen, sei es bei Dichtringen für Autos oder Glasfaserkabel. Da kommt vieles zusammen: Optik, Elektronik, Wahrnehmungspsychologie, Computeralgorithmie... Wir können längst prüfen, ob eine Unterschrift gefälscht ist – Kriminalisten nutzen das. Und wenn die Steuerfahndung eine Quittung voller Rotweinflecke hat, können unsere Programme die Farbe wegrechnen und die Schrift lesbar machen. Nach alledem ist der Schritt zu den Stasi-Schnipseln nicht weit.

Der Schriftsteller Jürgen Fuchs saß in Hohenschönhausen ein, Isolationshaft, 200 Verhöre, ehe er 1977 aus der DDR geworfen wurde. Sie haben an der TU Berlin Elektrotechnik studiert. Wo haben sich Ihre Wege gekreuzt?

Ich hatte im „Spiegel“ den Vorabdruck seiner „Vernehmungsprotokolle“ gelesen, das muss 1978 gewesen sein. Also ging ich zu einer Lesung von Jürgen Fuchs. Am nächsten Tag sah ich ihn mit seiner Tochter und einer Einkaufstüte in Tempelhof Rad fahren. Ich dachte, der muss auch hier wohnen. Am frühen Abend traf ich ihn zufällig auf dem U-Bahnhof Alt-Tempelhof wieder, da habe ich ihn angesprochen. Wir verquatschten uns und ließen so manche Bahn vorbeifahren. Daraus wurde eine Freundschaft, er war später mein Trauzeuge, und bei den Manuskripten seiner Bücher war ich der Erstleser aus dem Westen. Er wollte hören, wie das auf jemanden aus einer völlig anderen Welt wirkt.

Im Westen waren 40 verschiedene IM auf ihn angesetzt, er war Ziel zahlreicher „Zersetzungsmaßnahmen“, wie die Stasi das nannte. Das ging von der Sabotage der Bremsschläuche seines Autos bis zu Bombenexplosionen vor seinem Haus …

… und dann wurden ihm Pornos geliefert, die er nie bestellt hatte, die verrücktesten Sachen hat die Stasi angestellt.

Fuchs ist 1999 mit 48 Jahren an Leukämie gestorben. Er selbst meinte, seine Krankheit sei „nicht gottgewollt, sondern menschengemacht“.

Es ist ja bekannt, dass die Stasi Regimekritiker mit Strahlen traktieren wollte, und nicht nur er ist an Krebs gestorben. Ich traue denen vieles zu.

Treibt Sie, neben dem Ehrgeiz als Ingenieur, auch die Hoffnung, in den 15 000 Säcken liege die Wahrheit über Jürgen Fuchs’ Tod?

Bestimmt. Es wurde sogar schon etwas zu seiner Person gefunden, aber das unterliegt der Geheimhaltung. Und beruflich reizt dieses Leuchtturm-Projekt selbstverständlich, so komplex von den Anforderungen, so gigantisch von der Menge her, man muss quasi alle Komponenten neu entwickeln – mir war klar, das ist eine irre Hightech- Chance, das würde international für Furore sorgen.

Der Bundestag gab sechs Millionen Euro für die Pilotphase, bis zum Frühjahr 2012 sollen schon mal 400 Säcke digitalisiert sein. Sechs Millionen, das ist eine Menge Geld für ein bisschen Papier, dessen Wert niemand einzuschätzen weiß.

Die Archivare der Stasi-Unterlagenbehörde gehen davon aus, dass in den zerrissenen Akten besondere Erkenntnisse schlummern.

Das müssen Sie sagen, um Politikern den Mund wässrig zu machen. Denn die werden, sollte das Projekt weitergehen, noch sehr viel Geld rausrücken müssen.

Es ist nicht mein Job, Ihnen die Relevanz der Akten plausibel zu machen. Doch es sind ja durch dieses Material einige Leute als Stasi-Helfer aufgeflogen: der thüringische Bischof Braecklein oder der Ex-Präsident der Humboldt Universität, Heinrich Fink. Aber auch Sascha Anderson, der als Scheindissident nach West-Berlin geschickt wurde, um meinen Freund Jürgen Fuchs auszuspionieren.

Wolfgang Schäuble war kein DDR-Fan, doch er plädierte schon als Innenminister 1990 dafür, den ganzen Papierkram wegzuschmeißen.

Man sollte das Treiben von Gewaltregimen transparent machen, damit Verzeihen und Versöhnen möglich wird. Die Sachen geraten ja gerade bei den Opfern nicht in Vergessenheit, die grübeln, wer hat mich angeschwärzt, bespitzelt? Das sind wir den Opfern schuldig.

Der Ostpolitiker Egon Bahr hat jüngst seinen Unmut über die Stasi-Unterlagenbehörde kundgetan: Sie sei an die Stelle der Versöhnung getreten.

Ich widerspreche heftig. Wir nehmen viel Geld in die Hand, um Papyri der alten Ägypter zu interpretieren oder mittelalterliche Stätten zu bewahren – und die nähere Geschichte interessiert nicht?

Herr Nickolay, finden sich in den Säcken auch mal merkwürdige Sachen?

Selten, mal ein Lineal, mal Packpapier, meist Büromaterial. Schlimm war nur, welche Säcke man uns am Anfang gab. Ich bin davon ausgegangen, wir bekommen zum Testen besonders brisantes Material. Stattdessen waren da zerrissene Speisekarten, Prospekte … Ich dachte, das Zeug kommt direkt von der Berliner Stadtreinigung.

Was ist denn Ihr Ziel?

Die Archivare der Behörde machen aus einer Anzahl Seiten ein Dokument und aus einer Anzahl Dokumente eine Akte. Wir wollen diese Erschließung automatisieren, das würde die Archivare entlasten, sie könnten sich um das Inhaltliche kümmern. Was glauben Sie, wie viel Material wir denen liefern können, wenn wir aus dem Pilotstadium raus sind!

Jetzt träumen Sie.

Nein, nein. Mit Computerprogrammen können wir den Schriftkopf, das Layout, die Unterschrift und das Papier analysieren. Wir können Charakteristika von Handschriften und Typen von Schreibmaschinen identifizieren. Und dann sagen wir dem Rechner: Verknüpfe den Namen Soundso mit dem Ort Soundso mit dem Vorgang Soundso – und der sucht die entsprechenden Seiten zusammen.

Und wenn die Stasi-Akten komplett sind, war’s das.

Aber nicht im 3-D-Bereich. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten für Historiker und Archäologen. Seit ein Erdbeben die Kirche von Assisi erschüttert hat, sind die Fresken von Giotto zertrümmert, in Brocken, Krümel, Platten. Die können Sie von Hand nie und nimmer zusammensetzen. Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat eine Sammlung aramäischer Schrifttafeln aus dem alten Babylon – die sind zerschlagen. Von ihrer Rekonstruktion verspricht sich die Forschung viel …

… und nun reden Sie wirklich von der Zukunft.

Warum nicht? Sicherlich ist so ein 3-D-Scanner eine komplizierte Sache, da muss die Raumrelation wie bei einem Laser abgetastet werden, das wird zeitaufwendig. Doch wenn es funktioniert, ist vom Weltkulturerbe einiges zu retten.

In braunen Papiersäcken lagern die zerfetzten Stasi-Papiere, sorgsam werden die Zettel entnommen und in weißen Archivkästen verstaut...

...bis man sie auf ein Gerät legt, das beide Seiten des Papiers in einem Arbeitsschritt einscannt. Der Monitor...

...zeigt die eingescannten Schnipsel (oben). Dann beginnt der Rechner zu puzzeln, um – hier aus acht Teilen – eine Seite zu rekonstruieren.