• SVB-Trainer Marco Vorbeck im Interview: „Solange sie mutig sind, dürfen sie Fehler machen“

SVB-Trainer Marco Vorbeck im Interview : „Solange sie mutig sind, dürfen sie Fehler machen“

Vor dem Saisonstart in der Fußball-Regionalliga Nordost: Marco Vorbeck, neuer Trainer des SV Babelsberg 03, über sein junges Team sowie seinen Job zwischen Chance und Himmelfahrtskommando.

Der neue Dirigent. Marco Vorbeck steht erstmals als Trainer des SVB in der Regionalliga an der Seitenlinie.
Der neue Dirigent. Marco Vorbeck steht erstmals als Trainer des SVB in der Regionalliga an der Seitenlinie.Foto: Julius Frick

Herr Vorbeck, von der Küste in die Mark: Was ist die größte Veränderung, an die Sie sich noch gewöhnen müssen, nachdem Sie vor gut zwei Monaten hier angekommen sind?

Hier ist weniger Wind. Vielleicht mal eine Brise, hingegen ist das bei uns an der Küste schon deutlich anders. Aber das ist nicht zwingend ein Nachteil.

Wobei Ihnen der Wind auch hier im rein sportlichen Sinn auch schnell und heftig um die Ohren wehen kann.

Das liegt ja daran, wie die Saison läuft und wie die Erwartungen sind. Vor überzogenen Erwartungen kann ich nur warnen.

Es ist für Sie die erste Station im Männer-Fußball, nachdem Sie im März beim Deutschen Fußballbund den Fußballlehrer-Schein gemacht und beim FC Hansa Rostock den Nachwuchs trainiert haben. Warum ist es für Sie Zeit gewesen, nun den nächsten Schritt zu gehen?

Weil ich jetzt den höchsten Trainerschein habe und zuvor die Zeit beim Nachwuchs „nur“ nutzen wollte, um Erfahrung zu sammeln und mich auszuprobieren. Ich hatte von Beginn an das Ziel, im Männerbereich als Trainer zu arbeiten.

Und der SV Babelsberg 03 erschien Ihnen dabei als reizvoll?

Definitiv! Der Verein ist eine Hausnummer in Deutschland, hat in der zweiten Liga gespielt und hat einen super Ruf. Nach meiner Unterschrift hier kam viel positives Feedback, was mich bestätigt hat, dass der Verein ein gutes Standing hat.

Marco Vorbeck inspizierte bereits vorige Saison beim SVB im Karl-Liebknecht-Stadion.
Marco Vorbeck inspizierte bereits vorige Saison beim SVB im Karl-Liebknecht-Stadion.Foto: Manfred Thomas

Nach etwa acht Wochen hier im Kiez – nehmen Sie es immer noch als Entwicklungschance wahr, oder als Himmelfahrtskommando?

(Lacht) Aktuell, mit den vielen verletzten Spielern, kommt es mir vor wie eine Mischung aus allem. Nein, es ist definitiv eine Herausforderung. Irgendein Trainer meinte mal: Mit Geld kann jeder. Geld, zumindest viel, habe ich hier nicht. Es ist natürlich schwierig, mit einem kleinen Etat, wie wir ihn haben, irgendetwas anzufangen, was für das obere Tabellendrittel geeignet ist. Es ist schwierig, Spieler mit viel Qualität für wenig Geld zu kriegen. Ich könnte ein, zwei sehr gute Spieler holen, aber dann habe ich einen Kader von nur 16 Mann und nicht 22. Dann ist extrem schwierig, dass wir lange Ausfälle haben mit Bogdan Rangelov, Philip Saalbach und jetzt auch Dimitris Komnos, der wehtut. Das zu kompensieren, ist schwierig, weil die jungen Spieler, die langsam aufgebaut werden sollen, jetzt in die Bresche springen müssen. Also, etwas Himmelfahrt, vor allem aber Chance für alle.

Was war es für ein Gefühl für Sie, erstmals als Cheftrainer und quasi auch als sportlicher Leiter, erstmals in Verantwortung Spielerverträge zu unterschreiben?

Schon komisch. Als ich als Spieler meine Verträge unterschrieben habe, waren die immer schon fertig und ausgehandelt. Das hatte mein Berater alles vorab erledigt. Mir war es immer unangenehm, mit den Vereinen um Geld zu verhandeln. Die Jungs heute sind da deutlich weiter, das ist Fakt, auch wenn da der Berater immer nochmal anruft. Es war schwierig, ein Gefühl dafür zu bekommen, was man einem Spieler gibt, was er wert ist, oder was zu viel wäre.

Sie haben das enge finanzielle Korsett angesprochen, in das Sie sich bei der Kaderbildung zwängen mussten. Nach welchen Kriterien haben Sie Spieler ausgesucht und verpflichtet?

Zu allererst nach ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Sie durften nicht zu teuer sein, müssen dennoch schon eine Qualität haben und müssen sich entwickeln können. Danach habe ich versucht zu schauen. Ob es aufgeht, wird sich zeigen. Es ist schwierig, innerhalb einer Woche, in der Spieler hier beim Probetraining sind, festzustellen, ob das alles passt. Unsere Neuzugänge haben zum Teil einen richtig guten Eindruck hinterlassen. Jetzt müssen sie sich hier einleben und die Umstellung, so schnell es geht, meistern.

Die Regionalliga lässt den Vereinen wenig bis keine Zeit. Wie viel Zeit lassen Sie Ihrer Mannschaft mit vielen jungen Spielern?

Es gab während der Vorbereitung schon ein paar Situationen, in den ich etwas lauter wurde und Kritik üben musste, weil gewisse Basics nicht gestimmt haben. Ich habe es vom ersten Tag an gesagt: Im Training muss zu sehen sein, was und wie wir spielen wollen. Jede Trainingseinheit muss genutzt werden, um sich zu verbessern und 100 Prozent zu geben. Schonung gibt es nur in Regenerationsphasen. Im Training muss immer Vollgas gegeben werden, sonst klappt es am Wochenende auch nicht. So lange die Spieler sich den Arsch aufreißen, solange sie wollen, solange sie mutig sind, werden sie alle Zeit von mir kriegen, auch wenn sie Fehler machen. Die gehören ja dazu. Aber sie müssen auch daraus lernen und nicht dreimal den gleichen Fehler machen. Sie sollen besser werden und sich weiterentwickeln, und wenn das gegeben ist, bekommen sie auch die dafür nötige Zeit. Sollte das nicht gegeben sein, wird es auch mal krachen und laut werden.

Hand drauf: Marco Vorbeck und SVB-Vorstandschef Archibald Horlitz nach der Vertragsunterzeichnung.
Hand drauf: Marco Vorbeck und SVB-Vorstandschef Archibald Horlitz nach der Vertragsunterzeichnung.Foto: Verein

Es gab wohl jüngst eine Trainingsform, bei der Jung gegen Alt gespielt hat. Und dabei galten Spieler mit 21 Jahren als alt …

… ja, das war lustig, weil wir „junge“ und „alte“ 21-Jährige haben.

Sehen Sie sich also doch noch als Nachwuchstrainer?

Nein, die sind alle erwachsen. Ich sehe sie auch als erwachsene Spieler an. Sie müssen halt nur sehen, dass sie das auf dem Platz auch genauso wiedergeben und beweisen, dass sie in den Männerbereich gehören.

Wie hoch sehen Sie den aktuellen Reifegrad Ihrer Mannschaft für die Regionalliga?

Woran wollen Sie das festmachen?

An fußballerischer Qualität, an Fragen der Einstellung und Professionalität, am Verständnis und Bewusstsein, was die vierte Liga bedeutet.

Was das Offensivspiel betrifft, machen wir das schon richtig gut. Da versuchen die Jungs, alles richtig umzusetzen und an sich zu arbeiten. Die Defensive ist ganz klar noch ausbaufähig. Bei dem einen oder anderen Spieler vermisse ich im Training noch die Professionalität beziehungsweise vor und nach dem Training im Umgang mit Verletzungen oder Blessuren. Da muss es sofort den Kontakt zum Physio geben. Oder dass körperliche Defizite durch eigenständiges Krafttraining ausgeglichen werden. Es sind einige, die das richtig gut und sogar zu viel machen. Und es gibt andere, die da noch gar nichts machen. Aber das wird nicht reichen … das habe ich selbst so versucht, bis ich es irgendwann kapiert hatte.

Marco Vorbeck spielte als Profi unter anderem für Dynamo Dresden.
Marco Vorbeck spielte als Profi unter anderem für Dynamo Dresden.Foto: Frank Leonhardt/dpa

Was haben Sie denn kapiert?

Naja, wenn man nicht spielt, muss man sich fragen, woran das liegt. Und wenn es körperlich nicht reicht, muss ich daran arbeiten, stärker und durchsetzungsfähiger zu werden. Wenn es technisch nicht reicht, muss ich halt zusätzliche Technikübungen machen. Jeder kann sich bis zu einem gewissen Punkt selbst besser machen.

Sie haben den SV Babelsberg 03 als Verein mit einem guten Ruf beschrieben. Es ist aber auch ein Verein mit Sorgen und Problemen, die finanziellen Nöte merken Sie am Etat für die erste Mannschaft. Was erwarten Sie an Hilfestellung des Vereins für Ihre Arbeit?

Dass der Verein versucht, sich in allen Belangen zu verbessern. Es ist schon schwierig, als Trainer des SV Babelsberg andere Vereine zu sehen, die kurz vor der Insolvenz waren und jetzt wieder oben angreifen wollen, weil sie schon wieder ordentlich reinbuttern und offenbar richtig gute Gehälter zahlen können. Da sehe ich nicht ganz, wie die das schaffen und was wir ändern müssen. Ich glaube nicht, dass Potsdam das Armenhaus von Deutschland ist. Aber anscheinend gab es in der Vergangenheit Dinge, die Sponsoren abgeschreckt haben, und es wird daran gearbeitet, bestimmte negative Klischees loszuwerden. Daran müssen wir weiter arbeiten, um in eine Situation zu kommen, unseren jungen Spielern auch hier eine Perspektive zu bieten. Auf Dauer wird es in dieser Liga schwierig sein, mit reduziertem Etat zu arbeiten, während ihn alle anderen erhöhen.

Am kommenden Sonntag geht es auswärts gegen den BFC Dynamo in die neue Saison. Unabhängig vom Ausgang dieses Spiels – wann würden Sie von einem guten Saisonstart sprechen?

Das hängt viel vom Spielerischen ab. Wenn wir Spiele haben, in denen wir gut spielen, aber verlieren oder nur ein Unentschieden holen, werde ich mit dem Inhalt zufrieden sein, mit dem Ergebnis natürlich nicht. Ich möchte sehen, dass die Jungs Vorgaben umsetzen und dass sie marschieren. Das muss gegeben sein, damit ich die Anfangsphase der Saison gut finde. Natürlich wird es Pflicht, Punkte zu holen. Aber die Qualität des Spiels wird mir immer wichtig bleiben.

ZUR PERSON: Marco Vorbeck, 38, spielte für Hansa Rostoc als Fußballprofi in der 1. Bundesliga, mit Dynamo Dresden und dem FC Augsburg in der 2. Liga. Der gebürtige Mecklenburger arbeitete als Nachwuchstrainer beim TSV 1860 Rosenheim und bis 2018 mit der U17 von Hansa Rostock. Im März erwarb er mit dem Fußballlehrer-Schein des Deutschen Fußball-Bundes die höchste Trainerqualifikation in FußballDeutschland. Beim SV Babelsberg 03 unterschrieb der einstige Stürmer einen Zweijahresvertrag als Chefcoach.

+++ Saisonauftakt beim BFC Dynamo +++

Kurz vor dem Saisonstart hat Fußball-Regionalligist SV Babelsberg 03 seinen fünften externen Neuzugang präsentiert. Wie der Kiezklub mitteilte, erhält Moritz Kretzer einen Zweijahresvertrag. Der zentrale Mittelfeldspieler habe in der vergangenen Woche beim Probetraining überzeugt, heißt es. Nachdem der 21-Jährige zuletzt für den FC Carl Zeiss Jena II in der Oberliga kickte, ist Babelsberg nun seine erste Station in der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Ebenfalls neu beim SVB sind Jake Wilton, Onur Yesilli, Yasin-Cemal Kaya und Dimitrios Komnos, der aufgrund einer Schulterverletzung aber die gesamte Hinrunde ausfallen wird. Weiterhin bleibt Nulldrei auf der Suche nach Verstärkung. Aus der eigenen Jugend wurden Robin Müller, André Marenin, Justin Neumann und Franz Bobkiewicz in die erste Männermannschaft hochgezogen. Zehn Spieler hatten den Babelsberger Verein nach der vorigen Saison verlassen – darunter Leistungsträger wie Manuel Hoffmann, Farid Abderrahmane und Franko Uzelac. Zum Auftakt der neuen Regionalligaspielzeit tritt der SVB am Sonntag beim BFC Dynamo im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark an (Beginn: 13.30 Uhr). Der Vorjahreszwölfte empfängt den -siebten. Trainiert wird der BFC seit diesem Sommer von Christian Benbennek, der 2012/13 die Nulldreier in ihrem Drittliga-Abstiegsjahr gecoacht hatte.