• SV Babelsberg 03: Viel Potenzial - viel Arbeit

SV Babelsberg 03 : Viel Potenzial - viel Arbeit

Der SV Babelsberg 03 hat ein Jahr mit reichlich Schlagzeilen über Skandalurteile und Fan-Chaoten hinter sich. Nun beginnt für den Kiezklub die neue Saison in der Fußball-Regionalliga Nordost. Und Autor Peter Könnicke wünscht sich nur eines: Fußball

Angetreten zur neuen Saison. In der schnelllebigen Fußballwelt ist das kürzlich gemachte Mannschaftsfoto des SV Babelsberg 03 nicht mehr aktuell, denn die jüngst verpflichteten Spieler fehlen noch. Ein neues Fotoshooting steht schon auf dem Plan.
Angetreten zur neuen Saison. In der schnelllebigen Fußballwelt ist das kürzlich gemachte Mannschaftsfoto des SV Babelsberg 03...Foto: Manfred Thomas

Hinter der Nordkurve des Karl-Liebknecht-Stadions liegt ein Kunstrasenplatz und dahinter eine grüne Wiese. Es ist der Trainingsplatz der Regionalliga-Kicker des SV Babelsberg 03. Die Tore müssen die Spieler selbst auf den Platz tragen, und wenn ein Ball sein Ziel verfehlt, landet er in den Büschen. Manchmal müssen sie auch über den Zaun klettern, um einen verirrten Ball aus dem kleinen Waldstück hinter der Wiese zu holen.

Das ist Fußball in seinem Ursprung: Eine Wiese. Zwei Tore. Schwitzen. Lachen. Spaß haben. So soll es sein, wenn am kommenden Sonntag gegen Germania Halberstadt (Anstoß: 13.30 Uhr) die neue Regionalliga-Saison für den SVB startet. Es würde dem Kiezklub guttun, wenn mal nur über Fußball geredet und geschrieben wird, wenn in den Zeitungen wieder Spielerporträts, Fußballgeschichten und Trainer-Ausblicke stehen, statt Schlagzeilen über Fan-Idioten und Sportgerichtsprozesse. Es würde gefallen, wenn die einzige Fortsetzungsstory die Serie von ungeschlagenen Spielen ist, wenn mehr über ein positives Torverhältnis diskutiert wird als über ein negatives Vorzeichen im Etat.

Viele Mannschaften hegen Aufstiegsambition

Der SVB stand in den vergangenen Monaten lange genug in den Schlagzeilen, die jenseits des Fußballs produziert worden: Schuldenschnitt, NOFV-Skandalurteil, ein desaströses Pokal-Finale. Bei all den – oft viel zu lauten – Nebengeräuschen ist es an der Zeit, dass Fußball wieder die erste Geige spielt. In dem Kader, den Trainer Almedin Civa in diesem heißen Sommer zusammengestellt hat, ist Musik drin. Wenn NOFV-Präsident Rainer Milkoreit bereits jetzt von einer „sehr spannenden Saison“ und großem Medieninteresse schwärmt und sich Ingo Kahlisch, Trainer von Aufsteiger Optik Rathenow, auf „eine geile Liga“ freut, wächst die Neugierde, wie der SVB in diesem Konzert der Ambitionen mitspielt. Nach der Reformation der Aufstiegsregel, wonach der kommende Regionalligameister der Nordoststaffel direkt in die Dritte Liga aufsteigt, blinken auf der Fußballlandkarte des deutschen Ostens mehrere Stellen auf, wo der Aufstieg erklärtes Ziel ist. Wacker Nordhausen steht einmal mehr ganz oben auf der Liste der Anwärter, auch Lok Leipzig spricht ganz offen vom Sprung in die nächste Etage. Die beiden Drittliga-Absteiger Rot Weiß Erfurt und der Chemnitzer FC wollen möglichst nur eine Spielzeit in der Regionalliga verweilen. Und auch der BFC Dynamo wiederholt seine Aufstiegsambitionen.

Der Nulldrei-Spannungsbogen ist indes ein anderer, was ihn aber nicht weniger interessant macht. Er sieht „sehr viel Potenzial, aber auch sehr viel Arbeit“, so Civa über seinen Spielerkader. Es wird sich lohnen zu verfolgen, wie Civa seine Mannschaft entwickelt und wie es ihm gelingen wird, „eine gute Balance aus sehr jungen, talentierten und erfahrenen Spielern zu finden“. Wer dem Geschehen am Babelsberger Park wohlgesonnen ist, weiß, dass er etwas Geduld und Nachsicht mit ins Karl-Liebknecht-Stadion bringen muss. Wer sich frei macht von überzogenen Erwartungen, kann beobachten, wie gut Civa mit seiner Aufgabe vorankommt, Neuzugang Fabrice Montcheu mit so viel Selbstvertrauen zu impfen, „dass der sein Tempo und seine Fähigkeiten nutzt und nicht mehr zu halten sein wird“, wie der Trainer sagt. Oder wie Civa seinem neuen zweikampfstarken und lernwilligen Innenverteidiger Valentin Rode beibringen wird, „wie er klug und richtig Fußball von hinten rauspielt“. Und wie er im Gegensatz dazu den gleichfalls neuen Innenverteidiger Yannik Schulz sensibilisiert, dass nicht jede Situation spielerisch gelöst werden muss und im Notfall auch mal ein Befreiungsschlag erlaubt ist.

Spielphilosophie: schnell, laufstark, spielfreudig

Die Partitur für die neue Spielzeit ist so reich an Inhalten, da ist kein Platz für Misstöne. Allein die jüngste Neuverpflichtung klingt wie Musik: Godbless Igbinigie. Über die Außenbahn ist der gebürtige Nigerianer von TuS Makkabi aus der Berliner Landesliga zwei Spielklassen höher gestürmt. Wenn sich zu Tempo noch mehr Fußballqualität entwickelt, ist das Raunen im "Karli" fast vorprogrammiert. 20 Jahre ist Igbinigie, SVB-Eigengewächs Tobias Dombrowa ist vor wenigen Tagen 19 geworden, Pieter Wolf ist von der U19 des FC Energie Cottbus gekommen, Cem Polat ist gerade mal 18 Jahre alt. Die Offensivabteilung des SVB könnte getrost als „Jugend forscht“-Projekt betitelt werden. Es wird spannend zu sehen sein, wie Tom Nattermann als erfahrener Stürmer mit 27 Jahren seine jungen Offensivkollegen führen wird.

Neun neue Spieler hat der SVB in dieser sommerlichen Transferperiode geholt. Eine vielversprechende Offensivkraft hat Civa noch im Blick. Sie alle passen ins Muster der Spielphilosophie, die der Trainer für seine Mannschaft hegt: Schnell, laufstark, spielfreudig. Es war ein Markenzeichen der vergangenen Jahre, dass in Babelsberg Spieler fußballerisch gereift sind oder nach Verletzungen zu alter Stärke wiedergefunden haben. Jüngstes Beispiel: Tino Schmidt. Der 24-Jährige avancierte in der vorigen Saison zum Leistungsträger der Nulldreier und schaffte nun den Sprung in die dritte Liga zu den Sportfreunden Lotte. Oder Mike Eglseder: Vor zwei Jahren ausgemustert beim Liga-Rivalen Viktoria Berlin, entwickelte er sich zu einem der besten Innenverteidiger der Liga. Ab der kommenden Saison spielt der 25-Jährige beim traditionsreichen SV 07 Elversberg in der Regionalliga Südwest.

Und trotz der vielen neuen Gesichter ist es Civa gelungen, vertraute Eckpfeiler zu zementieren. Allen voran Kapitän Philip Saalbach und Torhüter Marvin Gladrow sowie Manuel Hoffmann. Der 25-Jährige spielte zuvor in Neustrelitz, Auerbach und Halberstadt, ohne dort glücklich zu werden. „In Babelsberg sieht es richtig gut aus“, sagte Hoffmann, als er im Sommer 2016 kam. Es scheint ganz so zu sein – Hoffmann geht in seine dritte SVB-Saison. Es ist diese personelle Kontinuität, die es braucht, um eine eingespielte Mannschaft zu formen, die sich dann an höhere Ziele wagen kann. Wünschen tun sich das in Babelsberg viele. Und genau deshalb sollte es nur Fußball geben – ohne Störfeuer.

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