• SV Babelsberg 03: Beidseitiger Glücksfall

SV Babelsberg 03 : Beidseitiger Glücksfall

Farid Abderrahmane stand bei Hertha BSC auf dem Abstellgleis, weshalb sich der Fußballer einen neuen Verein suchte. Es wurde der Regionalligist SV Babelsberg 03. Für ihn und den Club entpuppte sich dieser Schritt als goldrichtig. Nun muss Abderrahmane mit dem SVB bei Hertha II ran.

Er gibt immer mehr den Takt an. Farid Abderrahmane erlebt beim SV Babelsberg 03 seine bislang glücklichste Zeit als Fußballer.
Er gibt immer mehr den Takt an. Farid Abderrahmane erlebt beim SV Babelsberg 03 seine bislang glücklichste Zeit als Fußballer.Foto: Jan Kuppert

An diesem Freitagabend, nach dem 1:1 gegen Altglienicke im vergangenen September, war sein ganz persönlicher Anhang teils erstaunt, teils belustigt. „Krass, Interviews!“, kommentierten seine Kumpels, als Farid Abderrahmane den Reportern am Spielfeldrand seine Eindrücke von den 90 Minuten in den Notizblock diktierte. Und noch immer, nach nunmehr zehn absolvierten Regionalligaspielen für den SV Babelsberg 03, ist der 21-Jährige ganz angetan von seiner neuen Wirkungsstätte: „Das Stadion, die Mannschaft, der Trainer, die Fans: Ich bin total glücklich, hier zu sein“, bekennt Abderrahmane mit absolut glaubwürdiger Natürlichkeit.

Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Für den SVB erweist es sich als Glücksgriff im letzten Moment, als Trainer und Sportlicher Leiter Almedin Civa im vergangenen August – Stunden vor Ende der Transferperiode – den Mittelfeldspieler an den Babelsberger Park holte. Für den gebürtigen Brandenburger aus Velten war es wie eine Befreiung. Zehn Jahre träumte er bei Hertha BSC von einer Profikarriere und schien den Sprung tatsächlich zu schaffen, als er als 17-Jähriger mit den Bundesliga-Profis unter dem damaligen Hertha-Cheftrainer Jos Luhukay ins Winter-Trainingslager in Türkei fuhr. Doch kam Abderrahmane über Einsätze in der U23 in der Regionalliga nicht hinaus.

"Babelsberg ist die beste Lösung"

Die Unzufriedenheit wuchs. „Ich wollte schon vor einem Jahr weg, ließ mich aber überreden, zu bleiben“, erzählt er rückblickend und ärgert sich noch immer: „Das Jahr wurde zur Katastrophe.“ Gespielt hat er kaum, entweder stand er gar nicht im Kader, oder er kam nur zu Kurzeinsätzen. Sein Abschied aus Berlin stand fest, mit Civa gab schon unmittelbar nach Ende der vergangenen Saison Gespräche. „Aber ich war noch zögerlich“, gesteht Abderrahmane, immerhin gab es auch Interesse von Drittligavereinen. Inzwischen sagt er: „Babelsberg ist die beste Lösung, die ich hätte kriegen können.“

Und für Babelsberg sind die Lösungen, die der technisch versierte Mittelfeldakteur auf dem Platz findet, mehr und mehr ein Stabilitätsfaktor. Mit Übersicht und dank anhaltender Spielpraxis mit immer mehr Ruhe avanciert Abderrahmane zunehmend zum kreativen Gestaltungselement im SVB-Spiel. Aktuell ist seine Rolle aufgrund des personellen Engpasses eher im defensiven Mittelfeld, gewöhnlich agiert Abderrahmane eher offensiv als Impuls- und Taktgeber. Dabei ist es von seinem eigenen Gefühl abhängig, in welchem Maß er auch verbal Verantwortung übernimmt. „Ich bin keiner, der rumschreit“, sagt er, „aber wenn ich fühle, dass ich selbst gut im Spiel bin, dann kann ich auch meine Mitspieler besser motivieren und mitreißen.“

Dysbalance zwischen Leistung und Ergebnis

Am heutigen Freitag kehrt Abderrahmane zu seinen Wurzeln zurück. Zum Rückrundenauftakt geht es gegen die U23 von Hertha BSC (Beginn: 19 Uhr/Amateurstadion im Olympiapark). „Das wird ein enges Spiel“, vermutet Abderrahmane. Wobei er auf ein weiteres Unentschieden verzichten kann, denn die elf Remis der Hinrunde seien eigentlich ausreichend für eine gesamte Saison. Bei allem Glücksempfinden in Babelsberg – „mit den vielen Unentschieden bin ich total unzufrieden“, sagt Abderrahmane. „Viele waren wirklich unnötig, vier Spiele hätten wir gewinnen müssen“, hadert der 21-Jährige. „Dann sähe es in der Tabelle ganz anders aus.“ Doch perspektivisch soll sich die Babelsberger Platzierung im Tableau ohnehin ändern. Abderrahmane sieht die junge Mannschaft noch lange nicht an ihrer Leistungsgrenze, vielmehr mittendrin in einem Lernprozess, für die Alme Civa als Lehrmeister „ein Glücksgriff ist“ wie Abderrahmane befindet. „Sein Training ist super abwechslungsreich. Er ist nah dran an uns Spielern und weiß, wie wir ticken.“

Abderrahmane ist für Civa exakt so ein Baustein, aus dem er eine Mannschaft formen will, die in den kommenden Jahren in der Regionalliga nicht nur bestehen, sondern diese auch mitbestimmen kann. Dass er dabei im schnelllebigen Geschäft des Fußballs überzeugende Argumente haben muss, um junge Spieler für einen gemeinsamen Weg zu begeistern und um personelle Kontinuität zu schaffen, ist alljährliche Herausforderung. Farid Abderrahmane hat einen Vertrag beim SVB für eine Saison. „Ich denke nicht daran, was im kommenden Sommer kommt. Ich konzentriere mich auf Babelsberg“, sagt er. „Viel wichtiger ist, was jetzt passiert.“ Jetzt passiert erst mal das Spiel gegen Hertha II, die er auf dem Abstellgleis verlassen hat und zu der er nun unter Volldampf im blau-weißen Babelsberger Dress zurückkehrt.

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