• Rudern in Potsdam: Und jetzt Ersatzmutti

Rudern in Potsdam : Und jetzt Ersatzmutti

Die Olympia- und WM-Medaillengewinnerin Daniela Reimer hat ihre Ruderkarriere beendet. Den Übergang vom reinen Sportler-Dasein ins Arbeitsleben hat sie nahtlos gemeistert, denn nun ist die 33-Jährige als Erzieherin im Potsdamer Sportinternat beschäftigt.

Bei den Olympischen Spielen 2004 ruderte die damals erst 21 Jahre alte Daniela Reimer (l.) zu Silber im Leichtgewichtsdoppelzweier. 
Bei den Olympischen Spielen 2004 ruderte die damals erst 21 Jahre alte Daniela Reimer (l.) zu Silber im...Foto: dpa

Rudertrainerin Uta Salomon hatte am Samstagmittag im Seminaris-Hotel gerade erst mit ihrer kleinen Rede begonnen, da musste Daniela Reimer schon zu ihrer auf dem Tisch liegenden weißen Stoffserviette greifen und sich damit die Tränen aus dem Gesicht wischen. Ein Gefühlsmix aus Wehmut und Stolz überwältigte die 33-Jährige in diesem Moment, als sie bei der jährlichen Auszeichnungsfeier des RC Potsdam von ihrer großen Förderin offiziell aus dem Leistungssport verabschiedet wurde. Nach 21 Jahren, die von tollen Erfolgen und bitteren Rückschlägen geprägt waren, hat die Olympia- und WM-Medaillengewinnerin nämlich ihre Karriere beendet.

Einige Augenblicke später, als die Tränen wieder getrocknet waren, lehnte Daniela Reimer im Eingangsbereich des Hotels an einem Stehtisch und erklärte, was ihr bei der Ehrung so durch den Kopf gegangen war: „Ganz viele Emotionen kamen hoch. Ich freue mich über all das, was ich erreicht habe. Aber wenn die Zeit dann gekommen ist, abzutreten, fällt das schwer. Das Rudern gehörte schließlich so lange zu meinem Leben. Mich zu schinden, über meine eigenen Grenzen zu gehen, im Kraftraum die Gewichte durch die Gegend zu ballern – das alles hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“

Erzieherin auf der achten Etage

Die Entscheidung, Schluss zu machen und damit endgültig an Land zu kommen, traf Daniela Reimer bereits im vergangenen Sommer, nachdem sie sich nicht für den deutschen Nationalkader in der Saison 2015 qualifiziert hatte. „Da wusste ich, jetzt muss ich mich umorientieren und volle Kraft in den beruflichen Werdegang stecken“, erzählte die gebürtige Potsdamerin, die den Übergang vom reinen Sportler-Dasein ins Arbeitsleben nahtlos gemeistert hat. Sie ist seit einigen Monaten als Erzieherin beschäftigt. Und das nicht irgendwo, sondern passenderweise im Internat der Sportschule.

Auf der achten Etage betreut sie junge Talente, Ruderer sind aber nicht in ihrer Obhut. „Das ist auch erstmal besser so“, meinte Daniela Reimer und begründete: „Die Jugendlichen würden mich noch zu sehr als Sportlerin sehen, die auch noch einen sehr engen Kontakt zu den Trainern hat. Da muss noch ein bisschen Abstand gewonnen werden, um eine gute Trennung zwischen Privat- und Sportbelangen zu finden.“ Als ehemalige Aktive hat sie in ihrem Job nun natürlich ein gutes Gespür dafür, wie die jungen Athleten ticken, doch müsse sie sich auch hinsichtlich der Kommunikation umstellen. „Als Erzieherin ist man ja ein Stück weit Ersatzmutti. Da muss ich lernen, im Umgang weicher zu sein, als ich das vorher beim Sport war. Da war ich gerne mal sehr geradeaus und kernig.“

Reimer ruderte in der Wettkampfkategorie "Leichtgewicht"

Eine, die mit dieser offenen und temperamentvollen Art sehr gut umgehen konnte, war Coach Uta Salomon. Sie hatte Daniela Reimer 1994 in einer Potsdamer Grundschule gesichtet. „Dani war die Größte in ihrer Klasse. Da habe ich sie gefragt, ob sie nicht mal rudern möchte. Sie kam dann auch zu uns an den Seekrug, ist jedoch keinen Zentimeter mehr gewachsen“, plauderte Salomon am Samstag bei der Festveranstaltung und musste herzhaft über die eigene Anekdote lachen. Mit einer Körperhöhe von 1,70 Meter und einem Gewicht von unter 60 Kilogramm fand Daniela Reimer nach der Juniorenzeit ihren Platz in der Wettkampfkategorie „Leichtgewichtsrudern“. Ein Schwergewicht war sie dann jedoch in Bezug auf ihre Erfolge. Als 21-Jährige holte sie gemeinsam mit Claudia Blasberg Doppelzweier-Silber bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen, ein Jahr später folgte der Weltmeistertitel in dieser Disziplin.

Als ihren größten Triumph sieht Daniela Reimer aber das Abschneiden bei der WM 2010 in Neuseeland an, wo sie Gold im Doppelvierer sowie Silber im Doppelzweier einheimste. Was diese beiden Medaillengewinne für sie so besonders macht: Zwei Jahre zuvor hatte sie aufgrund von langanhaltenden gesundheitlichen Problemen ihre zweite Olympia-Teilnahme verpasst und daraufhin ein Karriereende erwogen – Uta Salomon überzeugte sie aber, nach mehrmonatiger Pause doch weiterzumachen. „Ich habe mich dann aus einem tiefen Tal wieder hoch in die Weltspitze gekämpft. Das hat mich selbst beeindruckt“, erklärte Daniela Reimer. „2012 war ich schließlich in der Form meines Lebens, habe allerdings bei der deutschen Kleinboot-Meisterschaft einen schlechten Tag erwischt und es dadurch nur als Ersatzstarterin zu Olympia geschafft. Das war wieder eine Enttäuschung für mich.“

Jetzt aber, nach dem Abschied vom Rudern und dem erfolgreichen Abschluss ihrer dreijährigen Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin bei der Hoffbauer-Stiftung auf Hermannswerder, ist sie gerne ein Ersatz – für die Muttis der Sportinternatbewohner auf Etage acht.

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