• Potsdam und die Leichtathletik-WM in Doha: Annika Marie Fuchs: Mit Daunenjacke in der Wüste

Potsdam und die Leichtathletik-WM in Doha : Annika Marie Fuchs: Mit Daunenjacke in der Wüste

Die Potsdamer Speerwerferin Annika Marie Fuchs möchte mit dem Finaleinzug bei den Weltmeisterschaften ihre Saison krönen. Dafür muss sie cool bleiben, wenngleich ihr kalt werden könnte. Ihr Speerkollege Bernhard Seifert ist indes doch nur Zuschauer.

Das Gefühl stimmt. Annika Marie Fuchs hat viel in ihre Speerwurf-Technik investiert - das beginnt sich auszuzahlen. 
Das Gefühl stimmt. Annika Marie Fuchs hat viel in ihre Speerwurf-Technik investiert - das beginnt sich auszuzahlen. Foto: K.J. Peters/imago

Potsdam - Als Barbara Richstein, Präsidentin des Brandenburgischen Leichtathletikverbandes, vor drei Wochen im Kongresshotel am Templiner See die Leichtathleten des SC Potsdam verabschiedete, bevor diese in ihre abschließenden Trainingslager für die Weltmeisterschaften abreisten, sprach sie von einer neuen Qualität. Ähnliche Anlässe habe sie ja schon häufig gehabt, so Richstein. Aber dass sich gleich sieben Sportler des SC Potsdam aus drei verschiedenen Disziplinen für eine WM qualifiziert haben, gab es noch nie. Seit 1989, dem Ende der DDR und damit auch des ASK Vorwärts Potsdam, ist es die größte Delegation von Leichtathleten vom Luftschiffhafen, die sich zu einer WM aufmacht. Zwar ist sie inzwischen etwas kleiner, da Speerwerfer Bernhard Seifert auf einen Start in Doha verzichtet (siehe unten). Aber die Investitionen der vergangenen Jahre und die Mission der Trainer für die Werfer und Geher trägt Früchte.

Souverän gewann Fuchs den Titel bei der U23-Europameisterschaft

Bestes Beispiel: Annika Marie Fuchs. Der 22-Jährigen ist buchstäblich mit dem WM-Ticket der große Wurf gelungen, sodass die Speerwerferin noch immer perplex ist: „Das war so überhaupt nicht zu erwarten.“ Doch ihre Weiten in diesem Jahr drücken es deutlich aus: Gleich mehrfach übertraf sie die 60-Meter-Marke, die als Eingangsmaß in die erweiterte internationale Spitze gilt. Mit ihrem Wurf auf 63,68 Meter vor 73 Tagen im schwedischen Gävle wurde sie U23-Europameisterin – hinter Europameisterin Christina Hussong (66,59 Meter) ist Fuchs derzeit die zweitbeste Athletin der deutschen Paradedisziplin.

Ihre diesjährige Weite drückt eine Steigerung um mehr als sieben Meter gegenüber dem vergangenen Jahr aus. Von ungefähr kommt das nicht, auch wenn es ein langer Weg mit vielen Zweifeln war. „Viele Jahre habe ich um die 50 Meter geworfen. Weiter ging es nicht“, sagt Annika Marie Fuchs. Die athletischen Werte stimmten, „aber ich habe die Energie nicht auf den Speer übertragen bekommen“, meint die gebürtige Cottbuserin. Vor drei Jahren wechselte sie von der Lausitz in den Luftschiffhafen, wo sie seitdem mit Trainer Burkhard Looks arbeitet, der vor allem an der Wurftechnik seines Schützlings gearbeitet hat. Fortschritte waren schnell erkennbar, doch warfen sie Verletzungen immer wieder zurück. „Es war zum Verzweifeln“, stöhnt Annika Marie Fuchs noch immer rückblickend.

Alles eine Frage des Gefühls - auch im klimatisierten WM-Stadion

In diesem Jahr ist das anders. „Zum ersten Mal habe ich ein gutes Gefühl für den Speer“, sagt sie. Sie werfe mit weniger Kraft, aber mit besserer Technik. Ende Mai kam sie mit 62,36 Metern in Offenburg erstmals über 60 Meter. Es folgten der Triumph bei der U23-EM in Schweden und der zweite Platz bei den Deutschen Meisterschaften Anfang August in Berlin. Den Nominierungskriterien des Deutschen Leichtathletikverbandes zufolge ist ihr WM-Ticket nach Doha nur logische Folge. Für sie selbst noch immer so etwas wie ein kleines Wunder.

Als „Wundertüte“ bezeichnet Trainer Looks seine Athletin, denn noch sind ihre Leistungen nicht von verlässlicher Stabilität. Das liegt auch an ihrer Nervosität vor einem Wettkampf. Ihre Taktik, mit der Aufregung umzugehen: „Ich versuche schon im ersten Versuch, eine gute Weite zu erzielen“, sagt Fuchs. Cool bleiben heißt es daher auch in der Wüste, wo die Athleten aus dem heißen Aufwärmplatz in eine runtergekühlte Wettkampfarena kommen, was der Potsdamerin schon wieder so kalt ist, dass sie „wahrscheinlich mit einer Daunenjacke beim Wettkampf“ sitzt. Um das Wechselbad und die Emotionen in den Griff zu bekommen, wird sie sich selbst suggerieren: „Nicht zu viel Druck aufbauen! Nicht irre machen lassen!“ Wenn ihr das gelingt, kann sie in der Qualifikation 61,00 Meter werfen und damit direkt ins Finale einziehen. „Das wäre die Krönung des ganzen Jahres“, sagt sie.

+++ Weltranglistenfünfter Seifert verzichtet freiwillig auf Start +++

Es war vielleicht die größte Leistung der Saison, als Speerwerfer Bernhard Seifert auf seinen WM-Platz verzichtet hat und sein Ticket dem Mainzer Julian Weber überließ. Der Potsdamer hatte früh in der Saison die internationale Konkurrenz aufhorchen lassen, als er serienweise weit über 80 Meter und schließlich 89,06 Meter warf. Doch die Form konnte der Weltranglistenfünfte nicht halten, zuletzt plagten ihn auch Achillessehnenprobleme. Mit „großer Wertschätzung“ respektierte der deutsche Verband die Absage des 26-Jährigen.