• Polizeieinsatz gegen Babelsberg-Fans in Luckenwalde: Immer noch keine vollständige Aufklärung

Polizeieinsatz gegen Babelsberg-Fans in Luckenwalde : Immer noch keine vollständige Aufklärung

Erstmals nach dem umstrittenen Polizeieinsatz beim Fußball-Landespokalfinale 2016 tritt der SV Babelsberg 03 wieder in Luckenwalde an. Inzwischen hat das Landeskriminalamt seine Ermittlungen zu den damaligen Vorfällen abgeschlossen.

Fragwürdig. Es gab und gibt viel Kritik am harten Vorgehen der Polizei gegen die SVB-Fans.
Fragwürdig. Es gab und gibt viel Kritik am harten Vorgehen der Polizei gegen die SVB-Fans.Foto: Jan Kuppert

Die Szenen sind den Fans des SV Babelsberg 03 noch immer in Erinnerung: Vor fast genau einem Jahr, es war der 28. Mai 2016, kam es zum umstrittenen Polizeieinsatz gegen Babelsberg-Anhänger beim Fußball-Landespokalfinale in Luckenwalde. Aufseiten der Fans hatte es Platzwunden und Ohnmächtige gegeben. Ein Fan riss sich, nachdem er von Polizeibeamten von einem Stadionzaun heruntergezogen wurde, den Ringfinger bis zum Knochen auf. Die Wunde musste mit 27 Stichen genäht werden.

Erstmals nach diesen Vorfällen treffen beide Vereine nun am Sonntag wieder im Luckenwalder Werner-Seelenbinder-Stadion aufeinander (Beginn: 13.30 Uhr).

SVB-Fans nennen es die "Schande von Luckenwalde"

Diesmal geht es um Punkte in der Regionalliga, voriges Jahr gab es den märkischen Cup und damit den Einzug in den DFB-Pokal zu ergattern. Entsprechend groß war bei den Babelsberg-Fans damals der Jubel, als das Spiel abgepfiffen wurde – Nulldrei hatte die Partie mit 3:1 für sich entschieden. Was dann folgte, dazu gibt es unterschiedliche Darstellungen. Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hatte gesagt: „Es gab offensichtliche Vermummte, die Vorbereitungen trafen, den Zaun zu übersteigen und sich zu bewaffnen. Da ist irgendwann Schluss mit der Deeskalation.“ Die Fans haben das immer wieder bestritten, vielmehr wollten sie auf dem Rasen gemeinsam mit der Mannschaft feiern, sagen sie und bemängeln weiterhin die aus ihrer Sicht unzureichende Aufarbeitung der, wie sie es nennen, „Schande von Luckenwalde“.

Auf PNN-Anfrage räumt jetzt, nach Abschluss der Ermittlungen des Landeskriminalamtes, das Polizeipräsidium in Potsdam ein: „Erkenntnisse zu einer aktiven Bewaffnung von Fans lagen – bis auf die Sicherstellung einzelner Schlagringe und Quarzhandschuhe vor Spielbeginn – nicht vor.“ Die Maßnahmen erfolgten nach Darstellung des Präsidiums stattdessen, um „weitere körperliche Auseinandersetzungen“ im Rahmen eines Platzsturms zu verhindern. Außerdem sollte so eine Strafverfolgung und Beweissicherung ermöglicht werden, hieß es. Körperliche Auseinandersetzungen hatte es da aber noch gar nicht gegeben, nur Pyrotechnik war im SVB-Block gezündet worden. Auch Nulldrei-Spieler hatten zuvor vergeblich versucht, die Beamten davon zu überzeugen, die Fans auf den Platz zu lassen.

Verfahren gegen 22 SVB-Fans und fünf Polizisten

Dennoch, als verhältnismäßig empfindet die Polizei den Einsatz weiterhin: „Unbenommen von der noch nicht abgeschlossenen staatsanwaltschaftlichen Bewertung einzelner Strafanzeigen gegen Polizeibeamte werden die Maßnahmen insgesamt als geeignet, erforderlich und angemessen bewertet.“ Die zuständige Polizeidirektion habe inzwischen 22 Ermittlungsverfahren gegen Babelsberg-Fans an die Staatsanwaltschaft abgegeben. Hinzu kommen fünf Verfahren gegen Polizeibeamte wegen des Verdachts der Körperverletzung – Ergebnisse lägen jedoch nicht vor. Um welche einzelnen Vorfälle es bei den Verfahren geht, teilte das Präsidium trotz Nachfrage nicht mit. Zudem wurden bei den polizeiinternen Ermittlungen zwei Beamte festgestellt, die ihre gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung abgelegt hatten. „Eine dienstinterne Auswertung wurde veranlasst“, sagte die Sprecherin des Polizeipräsidiums.

Schon wenige Tage nach der Partie hatte sich wie berichtet auch der Leiter der Polizeidirektion West, Peter Meyritz, kritisch zu dem Einsatz geäußert. „Ich bedauere, dass offenbar auch Unbeteiligte durch den Einsatz von Reizgas betroffen waren“, sagte er damals. Wie viele Verletzte es nach dem Polizei-Einsatz tatsächlich gegeben hat, wird wohl ungeklärt bleiben. Die Polizei hatte immer von 36 Verletzten gesprochen. Diese Zahl stammt nach Angaben des Präsidiums von der Einsatznachbereitung des Rettungsdienstes. Das Babelsberger Fanprojekt hatte hingegen 128 Leicht- und 27 Schwerverletzte gezählt. Diese Zahlen versuchte die Polizei zu verifizieren, fragte die Luckenwalder Rettungsstelle und Potsdamer Krankenhäuser an – allerdings ohne Ergebnis.

Nulldrei hat eine Lehre aus den Vorfällen gezogen

Der Einsatz war im vorigen Jahr auch zum Politikum geworden, war Thema im Innenausschuss des Landtags. Zu den jetzt bekannt gewordenen Ermittlungsergebnissen sagte die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Ursula Nonnemacher: „Die vielen Ermittlungsverfahren sowohl gegen Fußballfans als auch gegen Polizeibeamte verdeutlichen, dass es sich nicht um einen Routineeinsatz handelte.“ Für eine abschließende Bewertung müsse allerdings der Ausgang dieser Verfahren abgewartet werden. Festgelegt hat sich indes die Linke-Abgeordnete Isabelle Vandre: „Ich erachte es nach wie vor als unverhältnismäßig, mit welcher Härte die Polizei gegen die Babelsberg-Fans vorgegangen ist“, sagte sie. Ausdrücklich begrüße sie aber, dass das Polizeipräsidium den Vorwürfen der Körperverletzung und der missachteten Kennzeichnungspflicht nachgehe. Scharf kritisiert hatte den Einsatz damals auch der CDU-Abgeordnete Sven Petke, der Mitglied des FSV 63 Luckenwalde ist. „Ist es verhältnismäßig, in einen geschlossenen Block durch einen offenen Zaun eine chemische Substanz zu sprühen? Hat für ein Rechtsgut eine so hohe Gefahr bestanden?“, hatte er damals gefragt.

Für das Duell beider Clubs am Sonntag sind die Vorkehrungen weitgehend abgeschlossen. Eine Lehre hat der SV Babelsberg 03 aus den Vorfällen vor einem Jahr gezogen, wie der Sicherheitsbeauftragte des SVB, Christian Lippold, kürzlich in einem Interview mit dem Fanbeirat sagte. Damals hatte Nulldrei im Luckenwalder Stadion die Sicherung des Gästeblocks übernommen – eine ungewöhnliche Maßnahme, eigentlich ist der gastgebende Verein zuständig. Der Grund für die Maßnahme: Standardmäßig wird laut Lippold in Luckenwalde Personal vom Sicherheitsdienst von Energie Cottbus eingesetzt. Der SVB sah darin die Gefahr, dass Ordner des Unternehmens aus dem Ultra-Umfeld des Lausitzer Fußballklubs stammen könnten – und entschied sich deshalb dafür, die eigenen Ordner einzusetzen. Eigentlich hatte man mit dem Konzept gute Erfahrungen gesammelt, sagte Lippold. „Gerade im Hinblick auf die diffuse Gemengelage zwischen dem gastgebenden Verein, dem Verband und vor allem der Polizei hätte man aber auf eine Verantwortungsübernahme verzichten sollen.“

SV Babelsberg 03 hält sich diesmal weitgehend raus

Diesmal wird also Luckenwalde für die Sicherheit vor dem Gästeblock zuständig sein, Babelsberg hat sich Lippold zufolge aus den Sicherheitsvorkehrungen weitgehend herausgehalten. Alle Beteiligten gehen erst einmal von einem problemfreien Ablauf aus. Der CDU-Abgeordnete Petke sagte: „Ich hoffe, dass es bei dem neuen Zusammentreffen der Mannschaften friedlich bleibt. Für anderes gibt es aber auch keine Anzeichen.“ 

Zum Thema „Traumatisierung von Fußballfans“ veranstalten der SV Babelsberg 03 und das SVB-Fanprojekt am 31. Mai um 19 Uhr im VIP-Raum des Karl-Liebknecht-Stadions eine Infoveranstaltung.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.