• Nach Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus: „Repression fördert Innovation“

Nach Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus : „Repression fördert Innovation“

Zuletzt sorgten schwere Ausschreitungen beim Derby zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus für Entsetzen. Der Potsdamer Soziologe Andreas Klose spricht im Interview über Randale von Fußballfans, Kontrollen vor dem Stadion und rechtsextremistische Auswüchse.

Beim Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus wurde Pyrotechnik in die SVB-Kurve geschossen.
Beim Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus wurde Pyrotechnik in die SVB-Kurve geschossen.Foto: J. Kuppert

Herr Klose, Rivalität gehört zum Fußball. Aber die Form der Auseinandersetzung beim Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus mit Platzsturm und Abschießen von Pyrotechnik in Zuschauerblöcke Ende April gefährdet Leib und Leben. Wie häufig kommen derartige Ereignisse vor und sind sie auf untere Ligen beschränkt?

Tatsächlich sprechen auch in den ersten drei Ligen alle Verantwortlichen im Durchschnitt nur von maximal drei bis vier Spielen pro Verein in einer Saison, die sie selbst als problematischere Spiele einschätzen. Alle anderen Spiele verlaufen zumeist unspektakulär und routiniert ab. Der Gebrauch von Pyrotechnik ist in allen drei Profi-Ligen immer wieder ein großes Thema – zumeist jedoch im Zusammenhang mit Zündeln und Rauch, zum Teil mit Böllern, aber kaum mit dem Schießen von Raketen in Zuschauergruppen. Trotz umfangreicher und professioneller Vorkehrungen sind auch die Vereine der 1. bis 3. Liga bisher nicht in der Lage, das Einbringen von Pyrotechnik vollständig zu verhindern. Auffällig ist aber, dass in der 1. und auch in weiten Teilen der 2. Liga innerhalb der Stadien nur noch vereinzelt Auseinandersetzungen mit direktem Aufeinandertreffen rivalisierender Fangruppen passieren.

Worin sehen Sie dafür die Gründe?

Das mag an den hochprofessionellen Stadionbauten liegen, aber auch an den enormen Entwicklungen im Zuschauerbereich. Damit meine ich nicht nur die mit hohen Ausgaben verbundenen – teilweise sogar sehr umstrittenen – Ordnungsmaßnahmen mit hohem Personalaufwand, sondern auch die Schulungen der Ordnungs- und Sicherheitskräfte wie auch der Einsatz von hauptamtlichen Fanbeauftragten, die zum Teil selbst aus der Fanszene kommen und den Kontakt zwischen Verein und Fans festigen. Im Gegenzug versucht man in einigen Bundesligastadien inzwischen, auf die sichtbare Präsenz von Polizeibeamten fast völlig zu verzichten.

Hoher Aufwand an Sicherheitspersonal kostet viel Geld, was Regionalligavereine wie der SV Babelsberg 03 nicht haben.

Der enorme Aufwand der Bundesliga-Vereine ist in den unteren Ligen allein aus finanziellen Gründen kaum vorstellbar. Zudem reden wir in der Regionalliga in der Regel von doch sehr übersichtlichen Zuschauerzahlen. Trotzdem kann es – auch hier zumeist vorhersehbar – vorkommen, dass zahlenmäßig relativ kleine, jedoch sehr dominant und gewalttätig auftretende Gruppierungen einen „großen Auftritt“ bekommen, auch bedingt durch die Anzahl an alten Traditionsvereinen mit immer noch vorhandenen größeren Fangruppierungen, quasi begleitet durch die mediale Erschließung der Regionalligen. Vom Grundsatz her scheint es also weniger Unterschiede zur Regionalliga zu geben, als man gemeinhin annimmt. Das Stadion wurde in den Tagen vor dem Spiel gegen Cottbus durch einen Wachschutz überwacht, um das Einbringen von Pyrotechnik zu unterbinden.

Vor dem Spiel wurde das Stadion mit Sprengstoffspürhunden der Polizei nach Pyrotechnik abgesucht. Das Mitführen von Taschen und Rucksäcken war verboten, der Ordnungsdienst wurde für die Einlasskontrolle aufgestockt. Können mehr Ordner und strengere Kontrollen das Einbringen von Pyrotechnik verhindern?

Kontrollen sollen immer dem Anlass entsprechend angemessen sein und dem Grundsatz folgen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Aus den Erfahrungen der vielen zurückliegenden Jahre wissen wir, dass strengere und ausgeweitete Kontrollen maximal kurzfristig einen „Erfolg“ erzielen. Ich folge da meinem Bielefelder Kollegen, Professor Wilhelm Heitmeyer, der in diesem Kontext sinngemäß formulierte, „Repression fördert Innovation“. Das heißt verkürzt, wer nur auf diese Karte setzt, wird eine Eskalationsspirale mit vorantreiben. Auf das Spiel von Babelsberg gegen Cottbus bezogen, bin ich selbst als normaler Stehplatzbesucher beim Einlass intensiv kontrolliert worden, so wie ich es ähnlich auch aus den höheren Ligen kenne. Weitergehende Kontrollen hätte ich persönlich für eher unangemessen empfunden. Auf welchen Wegen die verbotene Pyrotechnik ins Stadion gelangt, das möchten gerne auch die Verantwortlichen von höherklassigen Vereinen herausfinden. Beide Vereine betonen, dass im Vorfeld der Begegnung umfangreiche Sicherheitsberatungen stattfanden. Die beteiligten Vereine, Ordnungsdienste und die Polizei kooperierten bei der Vorbereitung des Spiels und riefen gemeinsam zur Vernunft auf. Dennoch kam es zu massiven Störungen, die in zwei Spielunterbrechungen mündeten.

Welche Möglichkeiten haben die Vereine grundsätzlich und unabhängig vom Spieltag, um solche Auswüchse zu verhindern?

Die Vereine als Ausrichter sind selbstverständlich für die Gewährleistung der Sicherheit ihrer Besucher verantwortlich. Das gelingt ihnen in der Regel auch sehr gut – zumindest sind mir keine größeren Vorkommnisse von Zuschauergefährdungen aus der letzten Zeit bekannt. In den höheren Ligen nutzen die Vereine ein inzwischen etabliertes professionelles Verbundsystem aller an der Spieltagsvorbereitung und -durchführung beteiligten Akteure. Neben den „normalen“ Sicherheitsmaßnahmen setzt man insbesondere auf gute Kommunikation zwischen den Beteiligten zur Optimierung von Sicherheit. Aber hier reden wir von hauptamtlich tätigen Verantwortlichen, was mit Regionalligaverhältnissen nicht vergleichbar ist. In Babelsberg gibt es maximal zwei bis drei Spiele in einer Saison, bei denen möglicherweise größere Problemkonstellationen entstehen könnten – und zum Teil aus völlig unterschiedlichen Gründen: alte oder neue Rivalitäten, Derby, Freund-/ Feindschaftskonstellationen oder auch unter dem Etikett „rechts-links“ ausgetragene Konflikte. Die überwiegende Mehrzahl der Spiele in Babelsberg findet jedoch wie im Rest der Republik in einem normalen Rahmen und ohne Beeinträchtigungen statt. Wie hier in Babelsberg – verbunden mit Fanbeirat und Fanprojekt – muss vom Verein der Kontakt zu allen Fangruppen erhalten bleiben, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Wie können Vereine und Zuschauer dieser Instrumentalisierung entgegenwirken?

Es war offensichtlich, dass dieses Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus bei einigen Fangruppen auch eine politische Überschrift hatte. Deutlich sichtbar an Bannern und hörbar durch entsprechende Sprechgesänge. Grundsätzlich ist es sinnvoll und notwendig, sich mit den Fans des Vereins auseinander zu setzen, sie ernst zu nehmen und ihre Belange zu berücksichtigen. Sofern jedoch politisch extreme Botschaften transportiert werden, gilt es, dem frühzeitig entgegen zu wirken, so wie es eine große Anzahl an Vereinen bereits erfolgreich praktiziert. Der Weg einiger weniger Vereine, das Thema Rechtsextremismus zu ignorieren oder herunter zu spielen, wird sicherlich nicht zum erwünschten Erfolg einer offenen, fußballzentrierten Stadionatmosphäre führen. Es besteht vielmehr dann die Gefahr, dass Entwicklungen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr beeinflussbar sind. Auch wenn es schwerfällt, aber in der konkreten, hoch aufgeladenen Situation einer Auseinandersetzung gibt es nicht mehr so viele Einwirkungsmöglichkeiten. Die abgestimmten, auf Deeskalation abzielenden klaren Stadiondurchsagen und die angemessenen Ordnereinsätze, all das ist geschehen. Bei anderen Spielen ist es gelungen, die Situation zu deeskalieren, als Verantwortliche des (Gäste-)Vereins mit zentralen Sympathieträgern der Mannschaft direkt zu den Fangruppen gegangen sind. Die Zuschauer drückten beim Spiel gegen Cottbus ihr Missfallen durch lautstarkes Pfeifen aus. Ich hätte gerne einmal gesehen, was passiert wäre, wenn innerhalb des Cottbusser Sektors, die überwiegende Mehrzahl der Cottbusser Fans sich auch sichtbar von der Gruppe abgesetzt hätten, die an diesem Tag deutlich auf Eskalation aus war, sei es aus politischen oder anderen Gründen.

Letztlich konnte das Spiel auch nach der zweiten Unterbrechung fortgesetzt werden. Wäre ein Spielabbruch sinnvoll gewesen?

Das ist schwer zu sagen. Ich persönlich hatte im Stadion immer das Gefühl, dass das Spiel zu Ende geführt werden kann. Spielabbruch als Sanktion schien für diese Cottbusser Gruppe nicht das Druckmittel. Insgesamt vermittelte die Situation zwar einen gefährlichen Eindruck – aber das doch in erster Linie wegen dem unkontrollierten, unverantwortlichen Abschuss der Pyroerzeugnisse in Menschenmengen und der deutlich zur Schau gestellten Bereitschaft, geltende Regeln und geltendes Recht zu brechen. Sinnvoll wäre ein Abbruch sicherlich nicht gewesen. Wenn er aus Einschätzung der Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen notwendig gewesen wäre, hätte man jedoch auch das verstehen können.

ZUR PERSON:
Andreas Klose ist Soziologe an der Fachhochschule Potsdam. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Entwicklung des Zuschauerverhaltens beim Fußball und ist im Wissenschaftsbeirat der Deutschen Fußball Liga.

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