• Letztes Heimspiel für den SVB-Macher Almedin Civa: Der Arbeiter von Nowawes

Letztes Heimspiel für den SVB-Macher Almedin Civa : Der Arbeiter von Nowawes

Vor 20 Jahren kam Almedin Civa zum SV Babelsberg 03. Als Spieler, sportlicher Leiter und Trainer prägte er den Fußballklub wie kein anderer. Ein Glücksfall für Babelsberg. Nun geht die lange Beziehung zu Ende.

Eine Einheit. Nulldrei und Almedin Civa gehörten zusammen - das war wie ein Gesetz im Kiez. 
Eine Einheit. Nulldrei und Almedin Civa gehörten zusammen - das war wie ein Gesetz im Kiez. Foto: Jan Kuppert

Potsdam - Es ist ein Trainingsspiel auf dem Übungsplatz hinter dem Karl-Liebknecht-Stadion. Farid Abderrahmane läuft auf einen Gegenspieler zu. Der macht eine Körpertäuschung. Abderrahmane läuft ins Leere und ruft dabei: „Ich wusste es!“ Der den jungen Spielmacher des SV Babelsberg 03 da so alt aussehen lassen hat, ist sein Trainer: Almedin Civa. Wenn der 47-Jährige sich auf dem Trainingsplatz ein grünes Leibchen überzieht und unter seine Spieler mischt, fällt der Altersunterschied nicht auf. Wäre Leidenschaft eine Disziplin, hätte sie mit Civa ihren Meister.

Immer voller Leidenschaft. Fast 300 Mal spielte Almedin Civa für den SVB.
Immer voller Leidenschaft. Fast 300 Mal spielte Almedin Civa für den SVB.Foto: Jan Kuppert

Almedin Civa ist mittendrin beim SVB. Das ist wie ein Gesetz, ein blau-weißer Verfassungsgrundsatz im Kiez. Vor 20 Jahren begann die Beziehung zwischen dem damals 27 Jahre alten Fußballer mit bosnischen Wurzeln und dem SVB. Im Sommer 1999 kam Civa vom damaligen Zweitligisten KFC Uerdingen. „Ein Glücksfall für Babelsberg“, meint Hermann Andreev, der kurze Zeit später das Traineramt von Karsten Heine in Babelsberg übernahm und zwei Jahre danach den sensationellen Zweitliga-Aufstieg schaffte – mit Civa als Kapitän. Vier Jahre spielte Civa in Babelsberg, dann ging er nach Leipzig, Halle und Berlin, seine Heimatstadt, zum SV Yesilyurt. 2008 kehrte er zum SVB zurück – in seinen Hafen, wo er vier Jahre später mit 40 Jahren seine Spielerkarriere beendete. Fast 300 Partien hat Civa für den SVB gemacht.

Am Sonntag gegen Rot-Weiß Erfurt letzter Heimauftritt

Jetzt lichtet er den Anker, setzt sein Segel neu. Am Sonntag steht er das letzte Mal als Trainer im Karl-Liebknecht-Stadion, wenn sein SVB in der Regionalliga gegen Rot-Weiß Erfurt spielt. Eine Woche danach ist das letzte Saisonspiel in Auerbach. Dann ist Schluss. Civa verlässt den SV Babelsberg 03. Es wird wie ein weißer Fleck an einer Wand sein, von der man nach 20 Jahren ein Bild abhängt.

Er hatte das Kommando. In allen Funktionen übernahm Almedin Civa Verantwortung.
Er hatte das Kommando. In allen Funktionen übernahm Almedin Civa Verantwortung.Foto: Jan Kuppert

Wenn ein Klischee Gültigkeit hat, dann das, dass Babelsberg und Civa ein Herz und eine Seele sind. „Ich liebe den Verein“, sagt Civa. Immer wieder betont er das. Liebesbeweise hat er genug geliefert – auf dem Rasen, auf dem er Gegner niedergerungen hat. In Verhandlungen mit Spielern und deren Beratern, in denen er den SVB als beste Adresse pries. Als Cem Efe vor drei Jahren als Trainer des SVB aufhörte, brauchte es nicht viel, um Civa zum Coach zu überreden. Keiner kannte die wirtschaftlichen, sportlichen und auch emotionalen Umstände so gut wie er, als dass er jemand anderen den Job und die Verantwortung zugemutet hätte. Keiner vermag die DNA des SVB so zu lesen wie Civa. Er kennt das Erbgut von Nulldrei, das den Klub so besonders und auch anstrengend macht. Keiner konnte mit dem Entwicklungspotenzial und den Wachstumsstörungen des Vereins so umgehen, mit ihnen gedeihen und sich mit ihnen identifizieren wie der 47-Jährige.

Anführer der "Babelszwerge". 2001 steig der SVB mit Almedin Civa als Kapitän in die 2. Bundesliga auf.
Anführer der "Babelszwerge". 2001 steig der SVB mit Almedin Civa als Kapitän in die 2. Bundesliga auf.Foto: Manfred Thomas

Der SVB und Civa waren füreinander gemacht. Hier der Kiezklub mit dem Image der „Babelszwerge“, da Civa mit dem großen Kämpferherz. Einer, der Fußball arbeitete, der die Ärmel hochkrempelte und antrieb. Für seine Tugenden war das „Karli“ die perfekte Bühne. Ein ehrlicher Arbeiter in Nowawes, dem einstigen Ort der einfachen Leute. Der SVB wiederum war für Civa eine gute, harte Schule. Krisenmanagement konnte er hier perfekt lernen, wie Aufbauarbeit dekliniert wird, hat er hier erfahren. „In schwierigen Situationen war er der größte Motivator“, sagt Hermann Andreev über Civa als Spieler.

Das Geben und Nehmen geriet aus dem Gleichgewicht

Auf diese Tugend konnte sich der SVB auch verlassen, als Civa sportlicher Leiter wurde. Er ist geblieben, als der Verein 2013 aus der 3. Liga abstieg. Der SVB segelte hart an der Insolvenz, gemeinsam mit Cem Efe als Trainer zimmerte er einen Kader zusammen, der bestenfalls zur Hälfte regionalligatauglich war. Civa blieb ein Glücksfall für den SVB. Dank seines guten Gespürs und seines guten Netzwerkes kamen Spieler an den Babelsberger Park, die kaum einer kannte. Wenn diese in ihren ersten Interviews gefragt wurden, warum sie beim SVB unterschrieben haben, nannten sie häufig Civa als Grund. Der habe es verstanden, ihnen bei Nulldrei eine Perspektive aufzuzeigen und ihnen eine Chance zu bieten. „Er hat uns nie Luftschlösser vorgegaukelt, er war immer offen und ehrlich“, sagt SVB-Kapitän Philip Saalbach. Manchmal grollte Civa über Kommentare und Fragen, wer denn dieser oder jener Spieler sei und warum er zum SVB geholt wurde. Er ärgerte sich, wenn sich für Außenstehende nicht gleich jede Spielerpersonalie erschloss und noch viel mehr, wenn die Entwicklung eines Spielers ihm recht gab und die Anerkennung dafür ausblieb, sondern das Gegenteil passierte: Dass wiederum gejammert wurde, wenn gute Spieler den SVB als Sprungbrett nutzen in eine höhere Liga oder in eine höhere Gehaltsklasse.

Oft nachdenklich. Almedin Civa gilt als aufmerksamer Beobachter.
Oft nachdenklich. Almedin Civa gilt als aufmerksamer Beobachter.Foto: Sebastian Wells

In den zurückliegenden Monaten begann das Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht zu geraten, seine Balance zu verlieren. Als vor einem Jahr nach dem verlorenen Landespokalfinale gegen Energie Cottbus ein paar wenige Chaoten aus der Nordkurve die Siegerehrung verhinderten, indem sie den Rasen mit Pyrotechnik befeuerten, fragte sich Civa ernsthaft, ob das noch sein Verein sei. Die Brandnarben auf dem Gras sind verheilt, die Kratzer auf der blau-weißen Seele nicht. Civas Leidenschaft und Liebe zum Fußball waren zugleich sein Schutz gegen die Hässlichkeiten in der Welt des Fußballs, in der Loyalität gegen Geld verliert, in der gelogen, betrogen und bestochen wird. „Almedin war auf dem Platz einer, der die Signale und Stimmungen verstanden hat“, sagt der ehemalige Nulldrei-Trainer Andreev. „Wenn ich draußen machtlos war, konnte ich mich auf Alme verlassen, dass er die Situationen erkennt und weiß, was zu tun ist.“ Es scheint, als hätte Civa auch jetzt erkannt, dass es Zeit für eine Veränderung ist. „Der Verein braucht einen neuen Impuls, den ich ihm nicht mehr geben kann“, begründet Civa seinen Abschied.

Er selbst braucht einen neuen Impuls, vielleicht zunächst ein Innehalten, Zeit für seine Familie. Das Erwachsenwerden seiner zwei Kinder habe er kaum mitbekommen, bedauerte er einmal. Vielleicht hat der SVB seinen größten Kredit von Almedin Civa bekommen. In einer Währung, die nicht so offensichtlich zu erkennen ist wie eine Euro-Summe. Der Kredit ist aufgebraucht, die Zeit auch. Dass Almedin Civa geht und dabei Tränen in den Augen haben wird, ist sein letzter Liebesbeweis an den SV Babelsberg 03.