• Klettersport in Potsdam: Kniffliger Weg nach oben

Klettersport in Potsdam : Kniffliger Weg nach oben

In Potsdam und Umgebung gibt es keine reizvollen Berge. Aber viele Kletter-Enthusiasten. Daher wurde nun in Babelsberg eine neue Boulderhalle auf 1000 Quadratmetern eröffnet, die Klettersport für alle Ansprüche möglich macht. 

Sportliche Herausforderungen. Den richtigen Weg zu finden, ist eine der Aufgaben beim Bouldern.
Sportliche Herausforderungen. Den richtigen Weg zu finden, ist eine der Aufgaben beim Bouldern.Foto: Andreas Klaer

Was kommt heraus, wenn sich ein Produktdesigner und eine Studentin für Betriebswirtschaftslehre und ein gemeinsamer Freund, mit dem sie ihre Leidenschaft fürs Klettern teilen, zusammentun? Genau: Eine Boulderhalle, die höchsten Ansprüchen der Kletterkunst genügt und Kenner der Szene schwärmen lässt. „Perfekt! Genial!“, lobte etwa Marko Hoff, als er am vergangenen Sonntag zur Eröffnung der neuen Boulderhalle in der Babelsberger Gartenstraße zwischen den Kletterwänden stand. Als Industriekletterer weiß Hoff, wovon er spricht: „Ich habe schon viele Kletterhallen in verschiedenen Ländern gesehen. Das hier ist mit Sicherheit eine der schönsten.“

Lotte Schneider gehört zu den Betreibern der neuen Halle.
Lotte Schneider gehört zu den Betreibern der neuen Halle.Foto: Andreas Klaer

Das Kompliment geht an Henrietta Charlotte „Lotte“ Schneider, Oli Zemke und Ingmar Cramers, die sich in einer alten Industriehalle ein paar Gehminuten vom S-Bahnhof Babelsberg ihren Traum verwirklicht und ihre eigene Boulderhalle eröffnet haben. Das Motiv ist so naheliegend wie einleuchtend. „Hier gibt es ja keine Berge“, sagt Lotte Schneider. Das nächste natürliche Bouldergebiet liegt bei Petrohrad in Tschechien. Weil es zu aufwendig ist, jedes Wochenende in den Süden zu fahren, haben unternehmensfreudige Kletter-Enthusiasten schon vor Jahren in Berlin Boulderhallen eröffnet – neun Adressen gibt es inzwischen in der Bundeshauptstadt. Und „alle sind komplett ausgelastet“, weiß Lotte Schneider. Seit Jahren erlebt das Bouldern in Deutschland einen Boom, rund 100 Boulderhallen gibt es auf der deutschen Landkarte.

Der Name „7a plus“ klingt für Kenner verlockend 

Seit vergangenem Wochenende gibt es eine mehr. Unter „7a plus“ firmiert das neue Sport- und Freizeitdomizil in der Gartenstraße. Zufällig habe Lotte Schneider auf einem Immobilienportal die ehemalige Industriehalle entdeckt und sofort das Gefühl gehabt, dass es genau das Richtige ist. Zunächst war nur die Hälfte der benötigten Fläche offeriert, doch schnell habe der Makler auf 1000 Quadratmeter verdoppelt. Das war im Sommer 2016. Nach einem Jahr waren Bauantrag und Nutzungsänderung genehmigt. Sechs Wochen wurde die alte Halle entkernt, bis „nur noch vier Wände und ein Dach da waren“, erzählt Lotte Schneider. Dann wurde über Wochen gemalert, gehämmert, geschliffen und geschraubt. Fertig geworden ist eine großzügige, helle Boulderhalle mit freundlicher Atmosphäre. „Die Wandstruktur ist klasse“, schwärmt Marko Hoff, „es gibt gerade und schräge Klettervarianten, Überhänge, Spielelemente. Und coole Routen für Kinder.“

An den Kletterwänden gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, bei denen Einsteiger und Profis ins Schwitzen geraten.
An den Kletterwänden gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, bei denen Einsteiger und Profis ins Schwitzen geraten.Foto: Andreas Klaer

Der Name „7a plus“ klingt vor allem für Kenner verlockend und herausfordernd. Die Schwierigkeitsgrade beim Bouldern liegen zwischen 4a für Einsteiger und 9a für höchste Ansprüche. In der Potsdamer Halle ist 8a die maximale Herausforderung – vergleichbar mit den Sandsteinfelsen im französischen Fontainebleau, eines der weltweit bekanntesten Boulder-Gebiete und dem Ursprung dieser Kletterart.

Als sie vor neun Jahren das Bouldern entdeckte, habe sie einen Sport gesucht, „bei dem man sich auf spielerische Art und Weise bewegen kann“, erzählt Lotte Schneider. „Ich mag, dass es immer wieder neue Herausforderungen, immer eine neue Bewegungsidee gibt,“ sagt die 31-Jährige. Wer bouldert, könne an seine eigenen Grenzen oder darüber hinaus gehen, um aus eigener Kraft oben anzukommen. Wobei oben nicht irre hoch ist. Die Kletterwände in der Babelsberger Halle sind maximal 4,35 Meter hoch. Beim Bouldern gibt es keine Sicherung durch ein Seil, vielmehr ist auch der „Gipfel“ immer noch auf Absprunghöhe. Wer den Halt verliert oder eine falsche Lösung, einen falschen Weg gewählt hat, fällt relativ sanft auf weiche Matten.

Klettern wird olympisch - passt das überhaupt zur Idee dieses Sports?

Das Spielerische und Knifflige beim Bouldern macht den Sport so interessant für große und kleine Kletterer. Für alle ist Platz im „7a plus“. Auf 1000 Quadratmetern der alten Maschinen- und Lagerhalle verteilen sich die Kletterwände, an denen täglich geschwitzt werden kann. Vormittags sollen hier vor allem Kinder- und Schulgruppen ihren aktiven Spaß haben, abends all jene, die nach der Arbeit körperliche Anstrengung suchen. „Beim Bouldern mache ich Sport, ohne es zu merken“, meint Lotte Schneider. Dabei gibt es seit den 1990er Jahren Bouldern auch als Wettkampfsport. In Tokio 2020 ist es das erste Mal im olympischen Programm, dabei besteht der Wettbewerb aus Speedklettern, Bouldern und Schwierigkeitsklettern. Lotte Schneider hat eine geteilte Meinung zur zunehmenden Kommerzialisierung des Boulderns. „Es ist zwar eine schöne Anerkennung, dass es jetzt olympisch wird“, sagt sie, „aber es geht auch etwas verloren.“ Für sie macht gerade das Miteinander, das gemeinsame Suchen, wie eine Route am besten zu bewältigen ist, den Sport so attraktiv und gesellig. Dieser Gedanke verliere sich durch das Wett-Klettern. Dennoch könne sie sich vorstellen, auch im „7a plus“ Trainingsmöglichkeiten für Kaderathleten des Deutschen Alpenvereins (DAV) zu schaffen. Platz für einen professionellen Übungsbereich haben sie vorgehalten.

Kletterer loben den neuen Hotspot ihres Sports in Babelsberg als sehr gelungen.
Kletterer loben den neuen Hotspot ihres Sports in Babelsberg als sehr gelungen.Foto: Andreas Klaer

Ohnehin gibt es engen Kontakt zur Potsdamer Sektion des Deutschen Alpenvereins, die auch Wettkämpfe in der bisherigen Potsdamer Kletterhalle in der Waldstadt oder auch im Volkspark durchgeführt hat. Inzwischen sind die DAV-Kletterer dem SV Motor Babelsberg als Abteilung beigetreten. Weil die Halle in der Waldstadt einer Wohnbebauung weichen wird, ist eine neue innerhalb des zwölf Millionen Euro teuren neuen Sportforums Schlaatz geplant.

Ob es den Bedarf für zwei Boulderhallen in Potsdam gibt, wird sich zeigen. In einer Stadt mit vier Hochschulen, vielen Familien und vielen Sportvereinen sieht Lotte Schneider zumindest reichlich Potenzial. Für sie als BWL-Studentin ist der Betrieb einer eigenen kommerziellen Boulderhalle jedenfalls der beste Praxistest.