• Judoka aus Syrien beim UJKC Potsdam: „Kämpfen! Einfach kämpfen!“

Judoka aus Syrien beim UJKC Potsdam : „Kämpfen! Einfach kämpfen!“

Vor vier Jahren kam Mohamad Akkash als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland. Am Wochenende steht der Judoka in der Endrunde der Männer-Bundesliga – mit dem UJKC Potsdam, seiner Familie.

Angekommen. Mohamad Akkash ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Er fand ein neues Zuhause – in Potsdam und beim UJKC.
Angekommen. Mohamad Akkash ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Er fand ein neues Zuhause – in Potsdam und beim UJKC.Foto: Ottmar Winter

Mohamad Akkash nimmt den Fahrstuhl. „Mir tun die Beine weh“, entschuldigt er sich, als er zum Gesprächstermin kommt. 15 Kilometer ist er am Vortag gelaufen, der Muskelkater ist spürbar. „Ich muss abnehmen“, sagt Akkash. Drei Kilo müssen noch runter, um sein Kampfgewicht zu erreichen. Unter 60 Kilo muss die Waage am Samstag anzeigen, wenn Akkash beim Final-Four-Turnier um die Deutsche Judo-Mannschaftsmeisterschaft in Esslingen für den UJKC auf die Matte tritt.

Sein Name wird sich abheben auf der Starterliste, die UJKC-Bundesliga-Coach Christopher Schwarzer dem Kampfgericht vorlegt. Nachdem der UJKC vor zwei Wochen das erste Mal seit 2012 den Einzug in die Endrunde der vier besten deutschen Judo-Teams perfekt gemacht hatte, kündigte Schwarzer sofort an, nur mit Eigengewächsen des Potsdamer Stützpunktes an den Neckar zu fahren. „Und mit Mohamad natürlich“, betonte Schwarzer, „der gehört dazu.“

Der ehemalige Raufbold will zu Olympia

Akkashs dunkelbraune Augen beginnen zu glänzen, wenn er vom UJKC spricht. „Das ist wie eine Familie, ich mag sie alle sehr“, sagt er. Vor sechs Jahren floh er als 18-Jähriger vor dem Bürgerkrieg aus Syrien. Er ist in Damaskus aufgewachsen, ist dort zur Schule gegangen und hat dort Judo gelernt. „Ich war ein Raufbold, hab’ mich ständig geprügelt in der Schule“, erzählt er. „Du musst zum Sport“, sagten seine Eltern. Seine Brüder gingen zum Boxen oder Karate, er verliebte sich ins Judo. „Es braucht viel Konzentration, viel Kraft und Schnelligkeit. Du musst ein Kämpfer sein.“ Kämpfen will er – auf der Matte. Aber nicht im Krieg. Er flüchtete über die Grenze in die Türkei, über Griechenland und Serbien kam er vor vier Jahren nach Deutschland.

Leidenschaftlich. Mohamad Akkash zeigt auf der Matte großen Willen, hat aber Mängel im taktischen Bereich. 
Leidenschaftlich. Mohamad Akkash zeigt auf der Matte großen Willen, hat aber Mängel im taktischen Bereich. Foto: Ottmar Winter

Auf der Suche nach einem Judoverein ging er zunächst zu Motor Babelsberg, dann zum JV Ludwigsfelde – beide Adressen waren für den vierfachen syrischen Meister eine zu geringe sportliche Herausforderung. Daniel Keller, Vorsitzender des Brandenburgischen Judo-Verbandes, vermittelte Akkash schließlich vor zwei Jahren zum UJKC. „Ich wusste, dass es das Beste für mich ist“, sagt Akkash.

Seine Vorstellungen von Judo in Deutschland begannen indes mit einem Irrtum: „Ich dachte, hier kann man sich als Sportler, der zu Olympia will, nur aufs Training konzentrieren.“ Er wurde alsbald eines Besseren belehrt. Akkash lernte schnell – Deutsch und deutsche Verhältnisse. Inzwischen arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen im Objektschutz und geht nach der Arbeit vier Mal in der Woche zum Training. Den Traum, im kommenden Jahr in Tokio zu starten, hat er dennoch nicht aufgegeben: „Ich will nicht berühmt werden, aber ich will zu den Olympischen Spielen“, sagt er.

Dieses Jahr startete er im internationalen Flüchtlingsteam bei der WM

In diesem Sommer war er bereits in Tokio. Bei den Weltmeisterschaften startete er für das Olympische Flüchtlingsteam der Internationalen Judo-Föderation (IJF). In der zweiten Runde ist er wegen zweier Strafpunkte gegen den Italiener Elios Manzi ausgeschieden. „Auf diesem Niveau musst du fünf potenzielle Weltmeister bezwingen, um selbst zu siegen“, sagt Akkash. Am Selbstbewusstsein, das zu schaffen, fehlt es ihm nicht. „Ich kann alles gewinnen. Ich brauche einen Trainer, einen Plan und genug Training.“

UJKC-Cheftrainer Mario Schendel ist begeistert von Akkashs Willen, „wie man taktisch kämpft, muss er aber noch lernen“, sagt er. Und zuweilen sein Temperament zügeln, mit dem er nicht immer die Mattenrichter erfreut. „Ich weiß“, sagt der 24-Jährige demütig, um im nächsten Moment zu erklären, dass er manchmal das Gefühl hat, dass das Kampfgericht besonders streng mit ihm sei. So wie beim letzten Bundesligakampf vor zwei Wochen, als er nach der Niederlage in seinem ersten Duell sichtlich unzufrieden von der Matte stampfte. „Vielleicht hatte es auch was Gutes“, sinniert er. Denn als er zu seinem zweiten Kampf an diesem Abend schritt und diesen gewann, brachte das dem UJKC den entscheidenden Punkt für den Finaleinzug. „Das hat mich besonders gefreut“, sagt Akkash.

Erspartes und etwas Hilfe vom Verband für seine Sportreisen

So gut ihm das Potsdamer Umfeld tut, es fehlt ihm beim UJKC die Konkurrenz im Training. Sparringspartner in seiner Gewichtsklasse gibt es nicht, sodass er mit schwereren Athleten trainieren muss, oder mit Jugendlichen. Um sich für Tokio zu qualifizieren, reicht das nicht. Daher sucht Akkash wann immer es geht nach Möglichkeiten, um auf hohem Niveau zu trainieren. Am Tag nach dem Bundesliga-Finale reist er für fünf Tage nach Malaga in ein Trainingscamp mit internationalen Judoka.

Für das Olympia-Ticket nach Tokio braucht Akkash Punkte, die auf internationalen Qualifikationsturnieren zu gewinnen sind. Die Vereinigen Arabischen Emirate, Japan, Australien heißen unter anderem die Turnierschauplätze. Alles nicht zu erreichen für ihn. „An der Entfernung liegt es nicht. Bezahlen kann ich es nicht“, sagt Akkash. Also wird er sich auf Turniere in der Nähe konzentrieren, etwa in Düsseldorf oder Paris. Er bekomme etwas Unterstützung von der IJF, den Großteil müsse er selbst bezahlen. Für seine WM-Teilnahme im vergangenen August hat er 2000 Euro gespart. Für sein Ziel hat der leidenschaftliche Schachspieler eine konsequente Strategie: „Kämpfen! Einfach kämpfen!“

+++ Duell im Halbfinale mit Rekordmeister TSV Abensberg +++

Zum ersten Mal seit 2012 steht der UJKC Potsdam in der Bundesliga-Endrunde. Als Tabellenzweite der Nordstaffel treffen die Potsdamer am Samstag in Esslingen beim Halbfinale auf Süd-Primus TSV Abensberg, den Rekordmeister mit 20 Titeln. Der Sieger kämpft dann später am Tag gegen den Gewinner des Duells zwischen der SUA Witten und Gastgeber KSV Esslingen. Einen separaten Kampf um Bronze gibt es nicht. Verzichten muss der UJKC auf drei Top-Talente, denn Kilian Ochs, Ole Buth und Erik Abramov starten diese Woche bei den U21-Weltmeisterschaften im marokkanischen Marrakesch. Dort treten außerdem auch die Potsdamerinnen Marlene Galandi und Dena Pohl an.