• Interview | Sportpsychologie: "Es ist wichtig, die eigenen Gefühle zuzulassen"

Interview | Sportpsychologie : "Es ist wichtig, die eigenen Gefühle zuzulassen"

Das gesellschaftliche Leben ist durch die Coronakrise aus den Fugen geraten. Auch der Sport. Wie sich die Zwangspause auf Spitzen- und Freizeitathleten auswirkt und wie sie und die Trainer mit der Krise umgehen sollten, erklärt Sportpsychologin Lina Krämer.

Lina Krämer ist als Sportpsychologin un Mental Coach vor allem im Fußball und Tennis tätig. 
Lina Krämer ist als Sportpsychologin un Mental Coach vor allem im Fußball und Tennis tätig. Foto: promo

Potsdam - Frau Krämer, Olympia 2020 wird um ein Jahr verschoben. Vor allem Profi- und Leistungssportler klagen wegen der Corona-Pandemie mit all ihren Folgen über Motivationsverlust und starke Verunsicherung. Was bedeutet die Krise für Spitzensportler?

Für Sportler sind die regulären Trainingsgewohnheiten und Tagesroutine nahezu vollständig verloren gegangen. Ihr Leben ist normalerweise strikt durchgetaktet. Vertraute Abläufe, der Wochen- und Spielrhythmus, das gemeinsame Training, Trainingslager, Wettkämpfe – all das fehlt, wurde abgesagt oder aufgeschoben. Bei jungen Athleten fällt sogar die Schule weg. All diese Strukturen und Routinen sind aber ein ganz wichtiger Faktor, durch den Spitzensportler die immense Disziplin für ihre hohe Belastung überhaupt aufbringen können. Hier geht regelrecht Halt verloren, sie fallen in eine Strukturlosigkeit. 

Wie sehr belastet es, dass unklar ist, wann Trainingsstätten wieder zur Verfügung stehen, ob und wann in einer Fußballliga wieder gespielt ist, wann das nächste Radrennen oder der nächste Triathlon stattfinden?

Diese Ungewissheit verunsichert die Athleten enorm. Sie sind es gewohnt, auf konkrete Ziele hinzuarbeiten, teils täglich Trainingsresultate abzurechnen und bei Wettkämpfen Form- und Leistungsnachweise zu erbringen. Wenn diese Orientierungspunkte fehlen, kann eine massive innere Unruhe spürbar werden. Wir haben in der Frage um die Entscheidung um Olympia 2020 das Drängen von Athleten verfolgen können. Natürlich stellt der Schutz der Weltgesundheit in der Entscheidung Prio Nummer 1 dar, der Prozess wurde aber auch als „schreckliche Hängepartie“ erlebt. Ohne eine klare Perspektive stellt sich schnell die Frage nach dem Sinn und darunter leidet dann auch die Motivation. Ich erlebe in diesen Tagen in Gesprächen mit Sportlern, dass sie sich um Leistungseinbußen sorgen und auch existentielle Ängste haben: Wie geht es weiter mit Sponsoren, Verträgen, gibt es finanzielle Einbußen? Wir sprechen von einer akuten Stresssituation.

Spitzensportler wie Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel müssen sich nach der Olympia-Verschiebung neu orientieren. 
Spitzensportler wie Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel müssen sich nach der Olympia-Verschiebung neu orientieren. Foto: Andreas Gora/dpa

So ergeht es ja nicht nur Spitzensportlern. Auch Freizeitsportler erfahren durch ihren Sport Struktur und Halt. Auch ihnen fehlen Training, Wettkämpfe, die Auseinandersetzungen und Prüfungen. Gehen sie anders damit um als Spitzensportler?

Im Kern erleben sie die Situation ähnlich, auch wenn die existenziellen Sorgen eher weniger sind. Wir haben in den vergangenen Wochen eigentlich über die gesamte Gesellschaft Phänomene beobachten können, die der Reaktion auf einen unerwarteten Verlust ähneln. Anfänglich schien es so, als würden viele die Brisanz der Lage nicht wahrhaben wollen können, regelrecht leugnen. Trainings wurden unter teils wirklich fraglichen Umständen unbedingt aufrechterhalten. Das kann durchaus in Überaktionismus münden, birgt sogar das Risiko einer Überbelastung, egal ob Amateur- oder Spitzensportler. In der anschließenden Phase zeigte sich eher eine emotionale Gemengelage aus Niedergeschlagenheit, Frustration, Gereiztheit. Wie soll man seine Wut und Ärger auch offen zulassen, wenn der erlebte Verzicht einer übergeordneten Bedeutung – der Weltgesundheit – dient? Aber natürlich stecken in jeder Krise auch Chancen.

Viele empfinden die auferlegte Entschleunigung in diesen Tagen als durchaus angenehm. Bei aller Ungeduld und Langeweile, die Sportler derzeit plagen – was bringt ihnen die „Pause“?

Es ist auch ein Moment, um innezuhalten und zum Beispiel schätzen zu lernen, was man an der festen Struktur des Sportalltags eigentlich auch hat. Und natürlich bietet die Zeit auch die Möglichkeit, mal auf den eigenen ursprünglichen Antrieb zu blicken: Warum bin ich in diesem Sport, was macht meine Liebe und meine Leidenschaft für meinen Sport aus? Was treibt mich an? Auch in meiner Arbeit mit Sportlern nutzen wir dieses Bewusstwerden. Auf die Antworten können die Athleten später, wenn der reguläre Betrieb wieder läuft, als wunderbare Ressource zurückgreifen. Außerdem können in dieser Situation die Familien-Akkus voll aufgeladen werden. Viele verbringen jetzt so viel Zeit mit ihren Liebsten wie lange nicht.

Birgt das Innehalten auch die Gefahr, dass ich mich als Sportler in Frage stelle und sich meine Sportart gar nicht mehr als die richtige für mich anfühlt?

Die Auseinandersetzung mit sich kann immer spannende, hilfreiche, aber eben auch unerwartete Erkenntnisse mit sich bringen. Schauen wir auf Kinder und Jugendliche, die von heute auf morgen aus dem Training raus sind und jetzt wenig Sport oder gar nichts machen. Das kann für einen gewissen Zeitraum sogar mal gut sein. Aber wenn der Antrieb und die vermeintliche Liebe zum Sport völlig verloren gehen, kann sich die Frage lohnen: Wer oder was war der Antreiber bisher? Braucht es gegebenenfalls Anpassungen? Das gilt natürlich auch für Erwachsene.

Laufen ist ein geselliger Sport - momentan gehen aber nur Alleingänge. 
Laufen ist ein geselliger Sport - momentan gehen aber nur Alleingänge. Foto: Sebastian Gabsch

Verloren gehen auch Kontakte zu Trainingspartnern, Mannschaftskollegen, Trainern und Betreuern. Fußballer können derzeit maximal zu zweit laufen gehen.

Die Länge dieses Zeitraumes ist der entscheidende Faktor. Über kurze Phasen kennen es ja auch Mannschaftssportler, selbständig anhand von Plänen zu trainieren. Chats nutzen viele auch unter normalen Bedingungen für soziale Kontakten. In Trainer-Coachings geht es jetzt häufig darum, neue Mittel und kreative Wege zu finden, um in Kontakt zu bleiben. Welche Kontexte können wir schaffen, damit in der eigenen Mannschaft Weiterentwicklung und ein Miteinander möglich ist.

Das sind auch neue Herausforderungen für Trainer, die mit ihren Sportlern quasi eine Fernbeziehung pflegen müssen. Doch ist deren Feedback jetzt womöglich wichtiger denn je?

Trainer können jetzt durchaus weiter präsent und eben auch wichtiger Gesprächspartner sein. Ein weiterer Weg kann sein, die Athleten darin zu unterstützen, Eigenverantwortung zu gewinnen. Gruppen-Aufgaben, zum Beispiel zum Erstellen von Trainingsplänen für die neue Woche, das Schaffen von Challenge-Formaten oder kreativen Koordinations-Parcours für die Wohnung können wunderbar über Online-Formate gelöst werden und bringen das Team miteinander in Kontakt. Doch auch für Trainer kann es jetzt durchaus belastend sein. Der Zugriff auf die Athleten ist in jedem Fall geringer und das, wo sie auch unter Normalbetrieb abhängig sind von der Leistung ihrer Athleten. Auch ihnen fehlt das Resultat eines guten Trainingstags oder eines erfolgreichen Spiels.

Warten auf den nächsten Kick: Wie lange die Spiel- und Trainingspause andauert, ist ungewiss. 
Warten auf den nächsten Kick: Wie lange die Spiel- und Trainingspause andauert, ist ungewiss. Foto: Nicolas Armer/dpa

Sportler haben Ziele, träumen von Olympischen Spielen, vom Aufstieg in eine höhere Liga, vom Gewinn der Meisterschaft oder vom Pokal-Triumph. Der Blick in die Zukunft gibt ihnen die Kraft fürs tägliche Training. Was tun, wenn die Perspektive verschwimmt?

Wir haben zu Beginn von der Strukturlosigkeit gesprochen. Deswegen ist es ein erster wichtiger Schritt, Tagesstrukturen zu leben oder neue zu entwickeln. Was kann mein Highlight heute sein? Wann habe ich Arbeits-, Trainingsphasen oder Freizeit? Vielleicht liegt schon lange eine fixe Idee oder ein Projekt in der Schublade, das ich jetzt angehen kann. Wichtig ist, im Hier und Jetzt zu bleiben und zu schauen, was sind die aktuellen Herausforderungen, welche Handlungen kann ich konkret daraus ableiten. Eine Möglichkeit ist auch, mal zu überlegen, welche Fähigkeiten und Eigenschaften ein Spitzenathlet in meiner Sportart hat und welche eigenen ich verbessern kann, um ein erfolgreicher Sportler zu sein. Vielleicht wendet man sich jetzt in der Zeit auch mal dem mentalen Training zu. Wir bemerken aktuell unter Kollegen ein gestiegenes Interesse – einerseits durch die belastende Situation, aber es öffnen sich gerade auch Zeitfenster, um diese Themen und Fragen anzugehen.

Wer kommt am stärksten als Sportler aus dieser Krise heraus?

Es ist wichtig, die eigenen Gefühle und Emotionen zunächst einmal zuzulassen. Dort setze ich auch in meiner Arbeit an. Man darf frustriert, traurig, wütend sein und auch mal sagen, wie beschissen das Ganze ist! Unterdrücken ist langfristig eher eine Gefahr. Wenn der ganze Frust mal raus darf, dann kann ich die Situation leichter akzeptieren lernen und dann Lösungswege durch Aufgaben und Ziele erarbeiten. Im Grunde kann es jetzt darum gehen, den Umgang mit einer massiven Niederlage zu lernen. Etwas, das für den Sport und das ganze Leben wertvoll ist. Es zeigt sich jetzt, wie fragil unsere eigene Identität als Sportler sein kann. Wir betrachten einen Menschen ja mit den verschiedenen Facetten seiner Identität – die berufliche, die private, die sportliche, die familiäre und so weiter. Bei Sportlern ist die Sportler-Identität von klein auf gewachsen und häufig im Vergleich zu anderer sehr stark ausgeprägt. Es jetzt eine gute Möglichkeit, zu schauen: Wer bin ich, wenn ich kein Sportler bin? Was habe ich für andere Stärken und Fähigkeiten, die mich ausmachen? Welche Interessen habe ich? Welche Unterstützungssysteme kann ich aktivieren? Es bietet die Chance, weitere Säulen der Identität wachsen zu lassen und gestärkt aus der Krise herauszukommen. Vor ein paar Tagen durfte ich mit einem jungen Fußballer sein Leit-Motto für diese Zeit entwickeln: „Challenge accepted!“

ZUR PERSON: Lina Krämer (34) ist seit 2016 freiberuflich als Sportpsychologin und Mental Coach tätig und berät vor allem Sportler und Trainer im Fußball und Tennis. Über die Region Berlin/Potsdam hinaus coacht sie deutschlandweit und in Österreich.


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