• Eurobowl zwischen Potsdam Royals und Amsterdam Crusaders: Die zwei Seiten einer Trophäe

Eurobowl zwischen Potsdam Royals und Amsterdam Crusaders : Die zwei Seiten einer Trophäe

Im heimischen Stadion Luftschiffhafen spielen die Potsdam Royals um den Eurobowl. Das Event ist gute Werbung, doch der aktuelle Wert des eigentlich höchsten europäischen Football-Titels ist fraglich. 

Königliche gegen Kreuzritter. Die Potsdam Royals mit Keevan Lucas (r.) treffen im Eurobowl auf die Amsterdam Crusaders.
Königliche gegen Kreuzritter. Die Potsdam Royals mit Keevan Lucas (r.) treffen im Eurobowl auf die Amsterdam Crusaders.Foto: Gerhard Pohl

Potsdam - David Müller kennt das Glücksgefühl. 2016, 2017 und 2018 gewann er mit den New Yorker Lions Braunschweig den Eurobowl. Er gilt als höchster Titel im europäischen Football. „Dieser Triumph ist schon etwas Besonderes“, sagt der gebürtige Potsdamer. Eine erneute Titelverteidigung wird er dieses Jahr nicht schaffen, denn sein Team verzichtete auf die internationale Teilnahme. Stattdessen spielen die Potsdam Royals, der Verein, bei dem Müller zum Nationalspieler reifte, um den Eurobowl. Am Samstag duellieren sie sich ab 18 Uhr im heimischen Stadion Luftschiffhafen mit dem niederländischen Rekordmeister Amsterdam Crusaders.

Viel Eurobowl-Erfahrung. Der gebürtige Potsdamer holte dreimal den Titel mit Braunschweig.
Viel Eurobowl-Erfahrung. Der gebürtige Potsdamer holte dreimal den Titel mit Braunschweig.Foto: Tobias Gutschein

Die Bedeutung dieser Partie müsse aber differenziert betrachtet werden, sagt der Sport- und Geschichtslehrer der Integrierten Gesamtschule Salzgitter: „Es gibt zwei Perspektiven.“

Einerseits die der Potsdamer. „Der Club hat sich in den vergangenen Jahren hervorragend entwickelt, viel erreicht und viel bewegt“, meint David Müller. Jetzt den Eurobowl auszutragen, sei ein weiteres Highlight. „Das kann nur förderlich sein. Es wird beste Werbung für den Football in der Region.“ Entsprechend fahren die „Königlichen“ in ihrem Palast groß auf: Showbühne mit Livemusik, eine US-Auto-Ausstellung, vom Chor der Universität Potsdam gesungene Nationalhymnen, Cheerleader sowie eine After-Show-Party im Club Pirschheide. „Wir wollen ein tolles Event bieten und hoffen auf eine besonders große Zuschauerkulisse“, sagt Royals-Cheftrainer Michael Vogt. Ein Zuspruch von 2000 bis 2500 Stadionbesuchern ist angepeilt.

Kampf um den Thron von Football-Europa - vermeintlich

Ebenso ein Sieg. „Wir wollen unseren zweiten internationalen Titel“, bekräftigt Vogt. Seine Mannschaft hatte 2018 den EFL-Bowl gewonnen, der eine Stufe unter dem Eurobowl eingeordnet war. Zwei Erfolge in der Gruppenphase und einer im Finale gegen die gastgebenden Milano Seamen waren dafür nötig. Anschließend durften sich die Spieler, Trainer und Funktionäre ins Goldene Buch der Stadt eintragen, denn nach den beiden Titeln der Turbine-Fußballerinnen war es erst der dritte mannschaftliche Europapokalgewinn in Potsdams Geschichte.

Erfolgreiches Debüt. Bei ihrer ersten Europacup-Teilnahme holten die Royals 2018 gleich den Titel. 
Erfolgreiches Debüt. Bei ihrer ersten Europacup-Teilnahme holten die Royals 2018 gleich den Titel. Foto: Ronny Budweth

Der Hype um die Royals wurde in der hiesigen Sportszene jedoch auch kritisch beäugt. Dass ein damaliger Erstliga-Aufsteiger auf Verbandseinladung direkt im europäischen Wettbewerb antreten durfte und nach nur drei Partien den Pott emporrecken konnte, sorgte mitunter für Unverständnis. Der sportliche Wert wurde von einigen angezweifelt. „Wir brauchen uns für nichts zu entschuldigen. Wir wurden gefragt, ob wir mitmachen, haben das gemacht – und uns im fairen Wettkampf durchgesetzt“, erklärte Vereinspräsident Stephan Goericke.

Auch dieses Jahr wurde dem EFL-Bowl-Champion erneut die Teilnahmefrage gestellt, wieder wurde zugesagt. Und diesmal geht es sogar um den klangvollen Eurobowl. Den Football-Thron des Kontinents. Vermeintlich. Denn es gibt die von David Müller angesprochene zweite Perspektive auf das Match am Samstag. „Es ist fraglich, ob dieses Jahr der ursprüngliche Gedanke, die beste Mannschaft Europas zu ermitteln, Wirklichkeit ist“, sagt der Kapitän des sechsfachen Eurobowl-Siegers – und damit Rekordtitelträgers – aus Braunschweig. Das einstige Turnierformat sei hinfällig.

"Big 6 zu zweit? Das macht keinen Sinn!"

Die European Football League war schon immer als Einladungsturnier gestaltet. Etliche ausgewählte Top-Teams wurden für den über mehrere Runden laufenden Kampf um die Krone akquiriert. 2014 folgte eine Verschlankung des Konstrukts, das fortan unter dem Namen „Big 6“ firmierte. Nur noch sechs Teams machten mit. Doch auf Funktionärsebene war längst ein hitziger Konflikt entbrannt. Der Weltverband IFAF und der deutsche Verband AFVD haben unterschiedliche Ansichten zu Organisation, Struktur und Finanzen. Der Zwist führte dazu, dass beide unter anderem im europäischen Wettbewerb eigene Wege gehen. Die IFAF hat dieses Jahr den European Club Team Competition (ECTC) eingeführt, dessen Sieger sich nach eigener Aussage „offizieller Europameister“ der Vereinsmannschaften nennen darf.

Triumph. Vereinspräsident Stephan Goericke jubelt mit dem EFL-Bowl-Pokal.
Triumph. Vereinspräsident Stephan Goericke jubelt mit dem EFL-Bowl-Pokal.Foto: Ronny Budweth

Royals-Coach Michael Vogt kann nur müde lächeln. Nach der NFL in den USA und der CFL in Kanada zählt die deutsche Liga als drittbeste der Welt, also auch beste Europas. „Wer dann so eine kontinentale Meisterschaft ohne Deutschland ausrichtet, kann doch nicht ernsthaft von einem Europameister sprechen“, findet Vogt. Schon im laufenden ECTC sind Teams wieder ausgestiegen. Zu hoch der Aufwand. „Europapokal“, erklärt Vogt, „ist eine schwierige Angelegenheit.“ Finanziell und körperlich. Im knallharten American Football könne schlichtweg nicht so oft gespielt werden, zusätzliche internationale Partien erhöhen nochmals die physische Belastung, die schon durch die nationalen Ligen enorm sei. „Wir betreiben eben eine Kollisionssportart. Die wirkt weitaus intensiver als viele andere Disziplinen.“

Wie nach einer Kollision taumelt auch der Eurobowl Richtung Boden. Sein Renommee sinkt. Der Wettbewerb wird seit geraumer Zeit über den deutschen Verband organisiert. Zuletzt klinkte sich die ebenfalls leistungsstarke österreichische Fraktion aus, weil sie nicht mehr nach Deutschlands Regularien – vor allem in Bezug auf die höhere Anzahl von ausländischen Importen – spielen wollte. So blieb voriges Jahr von „Big 6“ nur noch ein Vierer-Feld übrig. Und 2019 reduziert sich das Geschehen sogar auf eine direkte Entscheidungspartie. Bloß zwei Mannschaften treten an. Titelverteidiger New Yorker Lions Braunschweig und der Deutsche Meister Schwäbisch Hall Unicorns winkten schnell ab, erklärten ihren Startverzicht. „Big 6 zu zweit? Da machen wir nicht mit“, hatte Lions-Cheftrainer Troy Tomlin der Braunschweiger Zeitung gesagt. Das Ganze mache keinen Sinn, sei nicht attraktiv. „Wir konzentrieren uns auf die Bundesliga. Und gut ist!“

Royals im Europa-Ranking aktuell auf Platz zwölf

Die hat auch für die Potsdam Royals Priorität. Allerdings reizt sie auch die internationale Bühne. Sie nehmen daher die Eurobowl-Chance wahr. „Das findet jetzt zum 33. Mal statt, eine Tradition. Und wir wollen da in diese Siegerliste rein – das wäre eine große Ehre“, sagt Michael Vogt. Zweimal – 1991 und 1992 – tauchen die Amsterdam Crusaders in jener Liste auf. Potsdams Gegner am Samstag holte bislang neunzehnmal den nationalen Titel in den Niederlanden. Während der aktuellen Saison kommen die „Kreuzritter“ auf acht Siege aus acht Spielen – bei einer Punktbilanz von 402:28. In ihrer Heimat sind sie maßlos unterfordert. Daher zog sich der Club 2018 für ein Jahr aus seiner eigentlichen Liga zurück, setzte stattdessen nur auf internationale Vergleiche. Im „Big 6“, das nur ein „Mid 4“ war, kassierten sie heftige Niederlagen gegen Braunschweig und dessen späteren Finalgegner Frankfurt Universe. Nun dürfen sie im „Small 2“ gegen die Potsdam Royals ran.

Kopf der Royals-Mannschaft: Cheftrainer Michael Vogt.
Kopf der Royals-Mannschaft: Cheftrainer Michael Vogt.Foto: Gerhard Pohl

Es sei kein Duell zwischen europäischen Spitzenvereinen, wird vielfach auf Internetportalen eingeschätzt. Im sogenannten „AFI Top 20“, einem Ranking für Football-Europa, sind die Amsterdam Crusaders derzeit gar nicht gelistet, die Royals immerhin auf Rang zwölf. „Wir freuen uns einfach auf ein besonderes Spiel“, möchte sich Michael Vogt die Veranstaltung am Samstag nicht schlechtreden lassen. „Schließlich können wir ja nichts für die Entwicklungen des Wettbewerbs, nichts für Entscheidungen auf Verbandsebene.“ Die Royals, betont ihr Coach, „wollen doch nur spielen, den Football-Standort Potsdam weiter stärken.“ Die Eurobowl-Austragung funktioniert als gute Werbemaßnahme, ist sich David Müller sicher. Schwer fällt ihm jedoch, einzuschätzen, inwiefern sich – angesichts der allgemeinen Umstände – bei den Siegern große Glücksgefühle einstellen.