Sport : Ein Gehen und Kommen

Der Frauenfußball rund um Potsdam ist im Umbruch. Während die Potsdamer Kickers abmelden und andere Mannschaften um Vollzähligkeit ringen, meldet der SV Babelsberg 03 erstmals für die Kreisliga

nbsp;Peter Könnicke

Sebastian Zimmermann ist dieser Tage ein gefragter Mann. Sein Telefon ist in Dauerbetrieb. Seit es offiziell ist, dass die Frauenfußballmannschaft der Potsdamer Kickers sich auflöst, bekommt der Trainer ständig Anfragen: Wohin gehen seine Spielerinnen? Was hat er selbst vor? Immerhin sind mit der Auflösung des Teams Spielerinnen und auch ein Trainer auf dem regionalen Fußballmarkt, die gerade die Landesmeisterschaft als höchste Brandenburger Spielklasse gewonnen haben. Und die gut ausgebildet sind: Die meisten von Zimmermanns Spielerinnen haben die Fußballschule bei Turbine Potsdam durchlaufen und verstehen ihr Handwerk.

Der Fall der Potsdamer Kickers zeigt das Dilemma des Frauenfußballs in Brandenburg. Auf der einen Seite ziehen sich, Mannschaften zurück, auf der anderen steht das Interesse von Vereinen, Spielerinnen zu gewinnen und ein eigenes Frauenteam auflaufen zu lassen. Aktuelles Beispiel: Der SV Babelsberg 03, traditionell im Männer-Fußball zu Hause, kann sich eine Frauen-Fußballabteilung vorstellen und wirbt seit einigen Tagen um Spielerinnen. „Wir wollen den Verein breiter aufstellen“, sagt Geschäftsstellenleiter Björn Laars, „bislang hat für eine breite Ausrichtung eine Frauenmannschaft gefehlt.“ Der Verein wolle seine Ressourcen mit Trainings- und Spielstätten, Geschäftsstelle und Mitarbeitern besser ausnutzen, so Laars. Das Spielrecht, um in der kommenden Saison mit einer Mannschaft in der Kreisliga zu starten, habe der SVB bereits. Fehlen nur noch Spielerinnen. „Doch uns ist klar, dass es nicht so einfach wird“, sagt Laars. Schon vor einem halben Jahr hatte Nulldrei die Frauen der Potsdamer Kickers umworben – und einen Korb bekommen.

Die Freude am Fußballspielen, die vor allem nach der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2011 in Deutschland einen regelrechten Boom erlebte, ist bei vielen Mädchen ungebrochen, sagt etwa Kickers-Coach Zimmermann. Allein in dem Verein in Potsdams Norden spielen 28 Mädchen in der D-Jugend. Doch mit Frauen-Teams dauerhaft im Spielbetrieb zu bleiben, ist ein Problem. Die meisten Verhandlungen, die das Sportgericht des Fußball-Landesverbandes Brandenburg laut ihres stellvertretenden Vorsitzenden Uwe Kneschk zu führen hat, sind Spielausfällen wegen Nichtantretens von Frauen-Mannschaften geschuldet. Erfahrungen, die auch Kickers-Spielerin Henrike Schödel gemacht hat: „Wir haben auch Spiele erlebt, bei denen die gegnerische Mannschaft nach Anpfiff nur darüber diskutiert hat, wer sich verletzt, um dann das Spiel abbrechen zu können, weil nicht mehr genug Leute auf dem Platz sind.“ Doch die Kickerinnen selbst waren nicht immer frei von Personalsorgen: Das Halbfinale um die Landesmeisterschaft haben sie nur zu acht gespielt – und dennoch gewonnen. „Kein Einzelfall“, wie Zimmermann einräumt.

Die Personalnot der Mannschaften sowie der Rückzug ganzer Teams aus dem Spielbetrieb zwingt auch den Landesverband zu neuen Überlegungen. So soll auf der morgigen Staffeltagung unter anderem diskutiert werden, ob bei weniger als 16 gemeldeten Teams ab der neuen Saison die bisherige Einteilung der Landesliga in eine Nord- und Südstaffel aufgehoben und nur noch in einer Riege gespielt wird. Für Ulrike Wagner, Verantwortliche für den Mädchen- und Frauenfußball im bisherigen Fußballkreis Havelland-Mitte, ist das Problem auf Landesebene ohnehin nur von unten zu lösen. „Erst wenn im Kreis alle Altersgruppen beim Mädchenfußball besetzt sind, wird es auch kein Problem mehr bei den Frauenteams geben“, sagt sie. „Wenn wir die Mädchen nicht fördern, brechen uns die Frauen weg“, so ihre Formel. Das sei weniger eine Frage des Interesses als der Organisation, sagt Wagner. „Es gibt vor allem im Einzugsgebiet von Potsdam genügend Mädchen, die Fußball spielen wollen, weshalb es wichtig ist, einen regionalen Spielbetrieb für den Frauen-Nachwuchs zu gewährleisten“, so Wagner.

Inzwischen kicken auf Kreisebene so viele Mädchen, dass laut Wagner ein vollständiger Spielbetrieb in der D- und C-Jugend gegeben ist. In der Frauen-Kreisliga mit Teams aus Havelland und Westhavelland haben für die kommende Spielzeit 16 Teams gemeldet, was selbst Spielausschussleiterin Carola Schulz überrascht hat – derzeit sind es zehn. Und in der Landesliga werden nach dem Kickers-Rückzug noch der FSV Babelsberg 74 und die dritte Mannschaft von Bundesligist Turbine als Potsdamer Vertreter auflaufen. Die Frauen von Blau-Weiß Beelitz indes, die im Landesfinale den Kickers unterlegen waren, streben dem Vernehmen nach die Regionalliga an, wofür sie noch die Relegation erfolgreich gestalten müssen.

Der Rückzug der Kickers-Frauen war zumindest für die Spielerinnen von Beginn an geplant. Henrike Schödel und Laura Diener waren es, die vor zwei Jahren viele ihrer einstigen Weggefährtinnen aus den Jugendabteilungen von Turbine Potsdam animierten, noch einmal gemeinsam zu spielen. „Völlig locker und befreit vom Leistungsdruck“, wie Schödel sagt. Die Idee sei aufgegangen, einige hätten dadurch auch den Spaß am Fußball wiedergefunden, der zuvor in den Zweit- oder Regionalligateams verloren gegangen war. „Doch wir wollten mit einem guten Gefühl aufhören und das tun wir jetzt“, sagt Schödel.

Gleichwohl werden einige Spielerinnen in anderen Teams weitermachen – einige zieht es noch einmal zu höherklassig spielenden Vereinen wie dem Zweitliga-Aufsteiger 1. FC Union Berlin oder zu Blau-Weiß Hohen Neuendorf. Andere dagegen stellen die Berufs- und Familienplanung in den Vordergrund.

Ob der SV Babelsberg 03 sich als Adresse für den Frauenfußball interessant machen kann, bleibt für Ulrike Wagner abzuwarten. „Schließlich hat vor zwei Jahren der damalige Vorstand dafür gesorgt, dass alle Mädchen, die gemeinsam mit den Jungs in den Nachwuchsteams gespielt haben, gehen mussten“, sagt sie. Den Vertrauensverlust müsse sich Nulldrei nun zunächst wieder erarbeiten.