Sport : Der Ball ist bester Freund

Der einstige Babelsberger Fußball-Trainer Hermann Andreev will in Berlins Norden heimisch werden

Thomas Gantz

Der einstige Babelsberger Fußball-Trainer Hermann Andreev will in Berlins Norden heimisch werden Von Thomas Gantz Wer sich ein Bild von Hermann Andreev machen will, fragt ihn zunächst am besten einmal nach seinem neuen Lebensmittelpunkt in Berlin. „Der Verein hat uns sehr kurzfristig eine vernünftige Wohnung hier in der Nähe zur Verfügung gestellt. Ich brauche nur drei Minuten bis hierher. Alles ist perfekt“, sagt der Familienvater, der seit Saisonbeginn Trainer des Babelsberger Oberliga-Kontrahenten SV Yesilyurt 73 ist. Andreev erscheint zu Fuß zum vereinbarten Termin und will eigentlich nichts davon hören, dass die Gegend um die Osloer Straße nicht zu den bevorzugten Wohngegenden der Hauptstadt zählt. Tiefer Wedding ist hier. Der Soldiner Kiez, in dem das gesellschaftliche Leben im Laufe der Jahre eigene Regeln angenommen hat, liegt gleich nebenan. Die uniformierte Staatsmacht lässt sich hier nur ungern sehen. Andreev beschäftigt dies nicht weiter. „Ich war zwei Jahre weg und bin froh, wieder im Berlin-Potsdamer Raum zu sein.“ Als er sich mit den Spielern des derzeitigen Tabellenvierten zum Training auf der Hanne-Sobeck-Sportplatz trifft, wird deutlich, dass für ihn die Dinge praktisch sein müssen. Und sie müssen Erfolg verheißen. So wie vor fünf Jahren, als der gebürtige Moskauer mit dem SV Babelsberg 03 erst die Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga schaffte und im Folgejahr sogar in die 2. Bundesliga aufstieg. Der Verein mitsamt seiner nach außen ungeordnet wirkenden Struktur wirkte damals für einige Zeit wie ein VW-Käfer, dem jemand einen Formel-Eins-Motor eingebaut hat. Arminia Bielefeld, der MSV Duisburg und der 1.FC Union Berlin wurden im Spätsommer 2001 im von Andreev geprägten Stil des temposcharfen Kombinationsfußballs besiegt. Danach folgte ein langer Weg tragischen Scheiterns. Der heute 39-jährige wurde zur Winterpause beurlaubt. Er verblieb jedoch auf der Gehaltsliste und sollte in der Endphase der Spielzeit 2002/2003 den in Konfusion befindlichen Verein vor dem Abstieg aus der Regionalliga bewahren. Dies gelang nicht. An das, was damals hinter den Kulissen passierte, erinnert sich der Besitzer der A-Lizenz nicht gern: „Es gab da schon zwei, drei Leute, die im Verborgenen wirkten und mich zum Max gemacht haben. Denen möchte ich im Leben nicht mehr begegnen.“ Von den Anhängern, so drückt es SVB-Vorstandsmitglied Jens Lüscher aus, wird er ob seiner Verdienste „abgöttisch verehrt“. Auf die Zusammenarbeit mit dem früheren Nulldrei-Präsidenten Detlef Kaminski lässt Andreev nichts kommen: „Wir haben uns manches Mal gefetzt, waren aber im Sinne der gemeinsamen Sache immer ehrlich zueinander.“ Während der vergangenen beiden Jahre war der sympathische Russe in der Oberliga Süd tätig. Zunächst bis zu dessen Insolvenz beim damaligen VfB Leipzig, nachher beim benachbarten Halleschen FC. Beide Vereine statteten ihn von Vornherein nur mit einem Einjahresvertrag aus. Nicht nur deshalb stand er unter großem Erfolgsdruck. Der seit zwölf Jahren in Deutschland lebende Fußball-Fachmann wurde insbesondere in Halle sehr nachdenklich. Nach zwei Spielen ohne Sieg, so erzählt er, wurde schon alles in Frage gestellt. Aus dem Publikum flogen mit Kies gefüllte Bierbecher in Richtung der eigenen Spieler. Irgendwie hat Andreev, der bis vor drei Monaten in Halle wohnte, diese Zeit noch nicht restlos aufgearbeitet. Er weiß von einem Pflichttermin im ortsansässigen Hotel Kempinski zu berichten, wo er auf 60 Krawattenträger traf und Kaviar und Lachs gereicht wurde. „Es war schon erstaunlich, wovon Leute, die irgendwann mal als Sponsor 1000 Euro überwiesen haben, im Zusammenhang mit Fußball so alles redeten“, sagt er und sieht sein Scheitern an beiden Traditionsstandorten nicht als Makel an. Er hätte mehr Zeit gebraucht, seinen Spielern begreiflich zu machen, wohin sie laufen sollen und wo der Ball hin muss. Der Ball, der sein bester Freund ist. Im Gespräch mit den PNN versprüht er Charme und lässt Tee reichen. Er spricht trefflich Deutsch und wehrt doch vieles ab, was tiefer in seine russische Vergangenheit reichen will, in der er bei Spartak Moskau und später für Rotor Wolgograd spielte: „Das ist nun wirklich lange her.“ In Berlin nun geht es einstweilen geordnet und ruhig zu. Auf dem Sobeck-Sportplatz, der nicht mehr dem allerneuesten Standard genügenden früheren Heimstatt der Hertha-Amateure, kamen vor Wochenfrist nicht einmal einhundert zahlende Gäste zur Partie gegen den Ludwigsfelder FC (0:0). Die Atmosphäre war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Hermann Andreev ertrug die fade Partie und leistete sich weder Brülleinlagen noch Veitstänze. „Wir sind noch nicht soweit, um im Kräftemessen mit eingespielten Teams wie Neuruppin oder Babelsberg Ansprüche stellen zu können. Ich denke, dass unsere Anhänger und Geldgeber sich dessen bewusst sind.“ Andreev erzählt mit gewisser Belustigung, dass viele seiner jüngeren Schützlinge nach ein, zwei ordentlichen Auftritten gleich von einem Probetraining bei einem türkischen Erstligisten liebäugeln. Dies und die Ernsthaftigkeit, mit der erfahrene Akteure wie Martino Gatti, Almedin Civa oder Hasan Vural um sportliche Fortschritte bei ihrem jetzigen Verein bemüht sind, passe noch nicht so recht zusammen. Sportliche Qualität ist allemal vorhanden, zumal Andreev im Training viel mit dem Ball machen lässt. Eine Rückkehr ins Karl-Liebknecht-Stadion lässt nicht mehr lange auf sich warten. Am 29. Oktober gastiert der SV Yesilyurt in Babelsberg. An jenem Ort, an den Andreev zwiespältige Erinnerungen hat.