• Auf dem Weg zu Olympia: „Ich brauche keine olympischen Ringe im Zimmer“

Auf dem Weg zu Olympia : „Ich brauche keine olympischen Ringe im Zimmer“

Geher Hagen Pohle ist einer von drei deutschen Leichtathleten, die bislang die Norm für Rio erfüllt haben. Er erzählt, warum ihm hohe Temperaturen egal sind, warum die Weltspitze noch etwas besser ist und er dennoch von Gold träumt.

Foto: Christian Charisius/dpa

Herr Pohle, kurz vor Weihnachten waren Sie im Ski-Trainingslager. Wie oft haben Sie im Schnee an Sonne und Copacabana gedacht?

Gar nicht, ehrlich gesagt. Ich bin vorher noch nie Ski gefahren, sodass ich mich vor allem darauf konzentrieren musste, auf den Beinen zu bleiben und nicht zu stürzen.

Wie, Sie sind zuvor noch nie Ski gefahren?

Nein, als Brandenburger kommt man nicht so oft dazu.

Ist es nicht riskant, acht Monate vor den Olympischen Spielen eine komplett neue Sportart auszuprobieren, bei der es schon so manche Knochenbrüche gab?

Es war ja Langlauf, da kann nicht so viel passieren. Aber klar, es war ein neuer Reiz, mit etwas Risiko. Aber ich wollte es ausprobieren. Es ist ja alles gut gegangen.

Warum ist für einen Geher Skilanglauf eine gute Trainingsalternative?

Es ist nicht so spezifisch wie das Gehen, aber dennoch eine gute Ausdauerbelastung. Man kann seine drei Stunden oder mehr unterwegs sein. Es ist schon ganz gut, dass man nicht nur geht, geht, geht, sondern auch für den Kopf mal etwas anderes hat.

Wissen Sie schon, wie viele Kilometer Sie gehen werden in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele?

Das ist schwer zu sagen. Aber in der Regel kommen wir auf 5000 Jahres-Kilometer. Da haben wir also ein ganzes Stück vor uns.

Wie sehr ist der Gedanke in Ihrem Kopf, dass Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Teilnehmer an Olympischen Spielen sein werden und sich für Sie ein Traum erfüllt, den Tausende Sportler haben?

So richtig angekommen ist es noch nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine Entlastung, die Norm schon in der Tasche zu haben. Bis jetzt bin ich jedes Mal ins neue Jahr gegangen mit dem Wissen, dass ich die Norm für den Jahreshöhepunkt noch schaffen muss. Das war schon ein Druck. Jetzt gehe ich locker ins Training und spule alles ab. Vielleicht noch nicht mit dem direkten Bick, dass ich in Rio starte.

Wann haben Sie das erste Mal bewusst Olympische Spiele verfolgt?

Ich denke, das war Athen 2004. Da habe ich es im Fernsehen geschaut. Als ich dann ernsthaft mit dem Sport begonnen habe, hatte ich mir ausgerechnet, dass ich vielleicht 2012 selbst zu den Spielen fahren könnte. Damals stand London als Austragungsort noch nicht fest, sogar Leipzig war noch im Gespräch. Das wäre natürlich was gewesen.

Was war in Athen so besonders, dass es Ihnen so fest in Erinnerung geblieben ist?

Ich glaube, da habe ich zum ersten Mal Gehen gesehen und wie Andreas Erm (Anm. d. R.: einstiger Potsdamer Geher) auf Platz fünf liegend kurz vorm Ziel disqualifiziert wurde. Das ist hängen geblieben.

Das heißt, Athen war Auslöser, dass Sie mit dem Gehen begonnen haben?

Nein, gar nicht. Ich bin erst 2005 an die Sportschule gekommen – als Läufer. Erst 2007 bin ich zum Gehen gekommen, weil ich mich als Läufer nicht mehr entwickelt habe. Nein, als die Spiele in Athen waren, hatte ich noch die Hoffnung, dass ich mal gut laufen werde.

Es gibt Sportler, die haben die Olympischen Ringe als Tattoo, um sich tagtäglich darin zu erinnern, was Ihr Ziel ist. Haben Sie so etwas auch?

Nein. Schon allein deshalb nicht, weil ich Tätowierungen nicht mag. Ich muss mich auch nicht täglich daran erinnern, dass ich mal zu den Olympischen Spielen will. Ich lebe für meinen Sport, habe mich ja bewusst für den Leistungssport entschieden. Daher denke ich ohnehin den ganzen Tag an Sport. Ich muss mir dafür nicht die Olympischen Ringe ins Zimmer hängen.

Entstehen nicht dennoch zunehmend Bilder im Kopf von Rio, vom Stadion, vom olympischen Wettkampf?

Bilder weniger. Ich habe lediglich auf dem Handy eine Wetter-App, sodass ich schauen kann, welches Wetter gerade in Rio ist. Aber Pläne hat man viel. Man plant die gesamte Saison durch im Kopf. Jetzt im Januar geht es nach Südafrika ins Trainingslager, im März auch noch einmal, dann kommen die ersten Wettkämpfe und so weiter und so weiter. Man denkt schon mehr drüber nach, alles besser abzustimmen, weil man versucht, noch härter und mehr zu trainieren.

Spüren Sie, dass Sie noch härter trainieren können als bisher und noch mehr rauszuholen ist?

Wir haben vor allem für die Nachmittage noch Potenzial. Da können wir noch mehr trainieren – nicht spezifisch Gehen, sondern auch Radfahren und Athletik. Nachdem ich meine Ausbildung bei der Bundespolizei abgeschlossen habe, kann ich nun die Saison besser aufbauen. Ich konnte im November bereits beginnen, die Grundlagen zu legen. Das hat in den letzten Jahren gefehlt. Da habe ich versucht, eher schnell für den Saison-Höhepunkt eine Form aufzubauen. Hingegen kann ich jetzt schon richtig viele Kilometer machen, um eine solide Basis zu haben und zum Höhepunkt die Form optimal auszuprägen.

Sie könnten aktuell sagen, wie das Wetter in Rio ist. Was wissen Sie noch von Rio oder über die Wettkampfstrecke?

Mit der Stadt selbst habe ich mich noch gar nicht so viel beschäftigt. Ich habe schon öfter nachgeschaut, wo die Strecke langgeht, aber habe noch nicht so viel gefunden. Aber es soll wohl ein Rundkurs sein im Flamingo-Park, im Stadion gehen wird demnach nichts. Aber was Offizielles habe ich noch nicht gelesen.

Wissen Sie, was für Temperaturen Sie im August erwarten?

Nein. Ist aber auch egal. Man muss bei jedem Wetter schnell gehen können. Egal ob es warm oder kalt ist. Aktuell muss man im internationalen Bereich Bestzeit gehen, um eine gute Platzierung zu erreichen.

Achten Sie in diesem Jahr mehr darauf, nicht krank zu werden und sich richtig gut zu ernähren?

Ich habe das Glück, ganz selten krank zu werden. Da muss ich nicht extra drauf achten. Ich mache eh nicht viel neben dem Sport, sodass ich gar nicht so viel falsch machen kann. Ich könnte mich sicher noch gesünder ernähren, aber die Reserve behalte ich mir noch.

Was kann denn mehr kommen als eine Olympia-Teilnahme?

Mein Ziel ist eine olympische Medaille, was ich in Rio bestimmt noch nicht schaffe. Das hebe ich mir für das nächste Mal auf. Ich will mich am Ende meiner Karriere nicht nur damit begnügen, an Olympischen Spielen teilgenommen zu haben. Ich will auch eine Medaille gewinnen.

Warum sollte das nicht schon in Rio klappen?

Weil der Abstand zur Weltspitze einfach noch zu groß ist und international die Erfahrung fehlt. Es ist noch einen Tick zu zeitig.

Was machen die weltbesten Geher derzeit noch besser als Sie?

Sie gehen schneller.

Warum?

Sie haben eine höhere Grundschnelligkeit. Die können halt mal einen Kilometer reinhauen von 3:40 Minuten. Ich bin gar nicht in der Lage, so schnell zu treten. Meine Taktik ist daher, ein hohes Tempo lange durchzuhalten.

Was können Sie denn als schnellsten Kilometer gehen?

Wenn ich mal 1000 Meter schnell mache, schaffe ich vielleicht 3:50 oder 3:45. Aber das muss man nach 15 Kilometer auch mal einbringen können. Das kann ich nicht. Aber ich kann daran arbeiten, indem ich im Training auch Rhythmus- und Tempowechsel einbaue.

Ist es schwierig, eine Balance zu finden zwischen Freude, immerhin bei Olympischen Spielen dabei zu sein und dieses Festival zu erleben, und andererseits sportlich einen knallharten Wettkampf abzuliefern?

Ich war noch nie bei Olympia, um es wirklich beantworten zu können. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig sein kann, es nicht nur als großes Ereignis wahrzunehmen, sondern auch eine Top- Leistung zu bringen.

Mit Ronald Weigel haben Sie einen Trainer, der selbst zweimal bei olympischen Spielen war und zwei Silber- und eine Bronzemedaille gewonnen hat. Sagt er, nimm die Spiele mit, genieß es oder fordert er einen Podestplatz?

Er will immer eine gute Leistung. Sein Traum ist, Olympiagold zu holen. Hat er als Sportler ja nicht geschafft, also muss das einer von uns machen. So werden wir – glaube ich – auch trainiert.

ZUR PERSON: Hagen Pohle (23) wurde in Frankfurt (Oder) geboren und kam 2005 an die Sportschule Potsdam. 2009 wurde der Geher über 10 km Jugend-Weltmeister, zwei Jahre später über 20 km Junioren-Europameister. In diesem Jahr wurde er bei der Weltmeisterschaft inPeking über 20 km als bester Deutscher 18. Im Oktober sicherte er sich bei der deutschen Meisterschaft über 50 km in 3:51:18 Stunden Silber und gleichzeitig die Olympianorm, die er im kommenden Frühjahr mit einem Leistungsnachweis über 20 km bestätigen muss. Noch ist offen, ob er in Rio die 20 oder 50 km oder beide Distanzen geht.