Potsdam : Zwischen Backstein und Moderne

Schützenswert. Deutschlands Welterbestädte müssen eine Pufferzone einrichten, um das Erbe zu schützen. Stralsund (Ozeaneum) hat gar eine eigene Welterbestiftung gegründet, Regensburg (Blick auf die Stadt) hatte von Beginn an eine Pufferzone. Auch in Eisenach (Wartburg), Köln (Dom-Brille), Quedlinburg (Fachwerkhäuser), Dresden (Elbblick) und Lübeck (Holstentor) ist die Sicherung der Welterbeumgebung geregelt. Neben Potsdam hat auch Weimar (Goethe-Schiller-Denkmal) noch keine Pufferzone.Alle Bilder anzeigen
Foto: dpa (3), ddp (4), Stadt Quedlinburg
31.03.2009 04:17Schützenswert. Deutschlands Welterbestädte müssen eine Pufferzone einrichten, um das Erbe zu schützen. Stralsund (Ozeaneum) hat...

Hansestadt Stralsund

Pufferzone im Welterbe? „Ich sage nur ein Wort: Ozeaneum!“ Peter Koslik ist amtierender Welterbe-Manager der Stadt Stralsund und kennt sich im „interessanten Spannungsfeld zwischen Backstein und Moderne“ bestens aus. „Mitten in der Pufferzone“ des Stralsunder Welterbes, am Hafen unweit der historischen Altstadt, eröffnete im Juli 2008 der futuristisch anmutende Aquarienneubau für das Meeresmuseum. „Es geht“, sagt Koslik. Sicher, die Anträge an die Unesco- Welterbehüter füllen „laufende Meter Akten“, doch am Ende stand das Ozeaneum und Stralsund blieb dennoch Welterbestadt. Das Geheimnis des Erfolges verrät Koslik gern: „Nicht versuchen, irgendetwas zu verheimlichen. Scheunentor auf!“ Das Prinzip Öffentlichkeit und Transparenz sei erfolgreich „bis an die Grenze“ praktiziert worden. Koslik: „Bauherren haben nichts zu verbergen.“ So würden im hochrangig besetzten Gestaltungsbeirat strittige Architektur-Fragen in aller Öffentlichkeit diskutiert. Nie habe in Stralsund je zur Debatte gestanden, ob das Welterbe womöglich mehr Last als Lust darstellt: „Wir profitieren nur davon. Es hat uns gut getan.“ Dass Bauherren sich an alten Grundstücksgrenzen orientieren müssen – „trapez-förmig bauen, vorne schmal und hinten breit“ – werde akzeptiert. „Die Bauherren lassen sich darauf ein“, sagt Koslik. Seine eigene Arbeit beschreibt der Welterbe-Manager als „sehr anspruchsvolle Querschnittsaufgabe“. Er unterstütze die Kommunikation der Welterbestätten untereinander, betreibe Netzwerksarbeit. Nach Stralsund wolle sich auch Wismar künftig einen Welterbe-Manager leisten. Dazu fragt Koslik bei aller Zurückhaltung: „Vielleicht ist das auch etwas für Potsdam?“

Weimar

Weimars derzeit dringendstes Problem in Sachen Unesco-Welterbe: „Das sind die Autos vor der Herderkirche“, erklärt Stadtsprecher Fritz von Klinggräff. Demnächst sollen sie verschwinden, auch wenn der Innenstadt-Parkplatz vor dem Welterbe-Gebäude beliebt ist. Diskussionen um Bauprojekte in Welterbe-Nähe habe es in der thüringischen Kleinstadt bisher nicht gegeben, sagt von Klinggräff. Dabei hat Weimar gleich zwei Einträge auf der Unesco-Liste: „Das Bauhaus und seine Stätten in Weimar und Dessau“ mit drei Gebäuden und das Ensemble „Klassisches Weimar“ mit insgesamt 13 Objekten: Darunter neben der Herderkirche auch die 2004 abgebrannte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek und die Schlösser Belvedere, Ettersburg und Tiefurt mit ihren Parks. „Pufferzonen“ seien nicht geplant: „Wir haben das Glück, dass wir einen relativ ruhigen Stadtkörper haben“, erklärt der Stadtsprecher: „Größere Vorhaben sind gar nicht möglich.“ Wenn doch, dann wird der „Gestaltungsbeirat“ zu Rate gezogen: Vorsitz des Gremiums hat der Rektor der Bauhaus-Universität, vertreten seien außerdem Mitarbeiter der Stadtverwaltung sowie Architekten. Eine Welterbe-Koordinationsstelle gibt es nicht, erklärt Fritz von Klinggräff. Das könnte sich aber bald ändern: Denn Weimar will ein Gesamtkonzept für seine Welterbe-Stätten erarbeiten lassen. Dabei könnten bisher unbekannte „Gefahrenstellen“ aufgedeckt werden, sagt von Klinggräff. Der Fördermittelantrag läuft.

Hansestadt Lübeck

Mehr als 1500 denkmalgeschützte Einzelgebäude umfasst das Unesco-Welterbe in der Altstadt von Lübeck. Im November 2008 beschloss die Hansestadt einen „Managementplan“ für das Welterbe, bestimmte einen Ansprechpartner im Bereich Stadtentwicklung und legte die von der Unesco verlangte „Pufferzone“ fest. Sie umfasst ein Fläche, die etwa neunmal so groß ist wie das eigentliche Welterbe. Bauvorhaben werden dort gesondert auf ihre Verträglichkeit mit dem Welterbe geprüft, heißt es auf der Webseite der Stadt dazu. „Die parzellengenaue Grenze der Pufferzone ist jedoch nicht als abschließend zu verstehen“, steht dort weiter. Auch außerhalb der Pufferzone müssen Sichtachsen, Silhouetten- und Panoramaschutz beachtet werden.

Quedlinburg

Die sachsen-anhaltinische Stadt Quedlinburg plant derzeit die Pufferzonen um seine Welterbebereiche der historischen Alt- und Neustadt sowie um das Schlossviertel im Rahmen eines Management-Planes, den die Stadt 2010 auf der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt präsentieren will. Bürgermeister Eberhard Brecht begrüßte grundsätzlich die Einrichtung von Pufferzonen. „Doch sollten die Einschränkungen nicht zu rigoros sein, schließlich müssen die Menschen in den Städten weiterleben können.“ Bislang habe es in Quedlinburg lediglich einen wirklich ernsten Konfliktfall gegeben, der mit einem Kompromiss geendet hatte. Dabei arbeitete man auch mit einer eigens in Quedlinburg eingerichteten Clearing-Stelle. „Dort sitzen Vertreter des Denkmalschutzes und des Kultusministeriums neben Bausachverständigen“, so Brecht.

Eisenach

Die Eisenacher waren sich ihrem Erbe offenbar schon bewusst, lange bevor die Unesco die Wartburg 1999 in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen hatte. In den 1930er Jahren entstand in der Nähe der Burg, in der Luther die Bibel übersetzt hat, ein Villenviertel. Damit die Bauherren nicht den Blick auf die Burg und von dort auf den Thüringer Wald verbauen konnten, erklärte der damalige Stadtbaurat Karl Hofferbert einen Umkreis von rund 500 Meter um die Burg zur Bauverbotszone. Er zog einfach auf einer Landkarte mit einem blauen Stift eine Linie darum, erklärt der Pressesprecher der 43 000 Einwohnerstadt, Klaus Wuggazer. An die sogenannte Blaue Linie hält man sich seitdem. Selbst in DDR-Zeiten akzeptierten alle Bauherren diese Grenze. Und das, obwohl die Verwaltung nach der Wende festgestellt hatte, dass die Blaue Linie gar nicht rechtskräftig war. Sie war eben nicht mehr als ein blauer Kreis. Mittlerweile haben die Eisenacher Satzungen und Baupläne geschaffen, die die Blaue Linie zum Gesetz werden ließen. Und als Energieversorger weit außerhalb der Linie vor einigen Jahren Windräder zwischen Burg und Thüringer Wald stellen wollten, sammelten die Eisenacher Unterschriften dagegen. Mit Erfolg.

Regensburg

Regensburg wurde erst im Sommer 2008 Unesco-Welterbe: Eine Pufferzone war in der bayrischen Stadt deshalb von Anfang an obligatorisch. Außerdem richtete die Stadt eine „Welterbekoordination“ mit drei vollen Stellen und zusätzlichen Projektmitarbeitern ein, wie Welterbekoordinator Richard Mühlmann erklärt. Er ist nicht nur Anlaufpunkt für Denkmalpflege- und Stadtplanungsaktivitäten, sondern kümmert sich mit seinen Mitarbeitern auch um die touristische und wissenschaftliche Erschließung des Welterbes: So wird etwa ein öffentliches Informationszentrum geplant, auch Forschungsprojekte und Konferenzen wurden angestoßen. Um die Zusammenarbeit mit den überregionalen Institutionen zu verbessern, planen die Regensburger zusätzlich ein „Steuerungskomitee“, erklärt Mühlmann: Dazu sollen neben dem Oberbürgermeister auch zwei unabhängige Gutachter der Unesco-Organisation Icomos, ein Vertreter der Kultusministerkonferenz, ein Vertreter des bayrischen Wissenschaftsministeriums und ein Vertreter der bayrischen Landesdenkmalpflege gehören. Das Gremium soll zweimal jährlich tagen, um Konflikte früh zu erkennen und „die Welterbeverträglichkeit baulicher Maßnahmen in der Kernzone und in der Pufferzone zu garantieren“.

Köln

Die Rheinstadt stand bereits im Konflikt mit der Unesco und ihrer Frühwarn-Organisation Icomos. So wurde der Kölner Dom 2004 auf die Rote Liste der bedrohten Welterbestätten gesetzt, weil die Stadt mehrere Wolkenkratzer in unmittelbarer Nähe genehmigt hatte. Die Warnung zeigte Wirkung. Nicht nur, dass die Pläne geändert wurden, die Kölner Stadtverwaltung kündigte mittlerweile an, eine Pufferzone um das Welterbe zu errichten, um das Bauwerk zu schützen. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Stadt ein weiteres 95 Meter hohes Haus am Rheinufer genehmigt hatte. Doch hat man in Köln gelernt: Im Vorfeld wurde Icomos vom Bauprojekt unterrichtet. Bislang, so die Stadtverwaltung, seien keine Einwände gegen das Hochhaus eingegangen.

Dresden

Noch schärfer sind die Auseinandersetzungen, die die sächsische Landeshauptstadt Dresden mit Icomos und der Unesco austrägt. Seit 2006 steht das welterbegeschützte Elbtal auf der Roten Liste der Unesco und gilt als gefährdet. Hintergrund ist der bundesweit diskutierte Bau der Waldschlößchenbrücke über das Tal. Die bis zu 30 Meter hohe Brücke liegt nicht einmal in einer Pufferzone, die Dresden im Gegensatz zu anderen Städten wie Potsdam bereits ausgewiesen hat, sondern im Kernbereich des Welterbes. Als Pufferzonen für das Elbtal gelten die Innere Altstadt und die Innere Neustadt Dresdens. Inklusive Kernbereich sind rund 200000 Dresdener und Umland-Bewohner von Regelungen der Unesco für Welterbe-Gebiete betroffen. Dresden hat administrativ zumindest gute Voraussetzungen, das Welterbe ausreichend zu schützen. Neben gängigen Gremien wie dem Bau- oder Denkmalamt existiert ein Welterbebüro, das in der Stadtverwaltung angesiedelt ist. Darüber hinaus achtet ein Kuratorium und ein Arbeitskreis auf den Schutz des Welterbes. Da die Waldschlößchenbrücke wegen eines positiven Bürgerentscheid bislang zwingend zu bauen ist, droht die Unesco, das Elbtal noch in diesem Jahr von der Welterbeliste zu streichen. Damit wäre Deutschland nach dem Oman weltweit erst der zweite Staat, in dem ein Welterbegebiet von der Liste gestrichen worden ist.

Potsdam

Schutzzone vom Königswald bis zum Schwielowsee

5294 Hektar groß soll die Schutzzone für die Welterbestätten werden – sie umfasst das gesamte zentrale Stadtgebiet. In dem Bereich würde das Bauen, Umbauen und die Sanierung von Gebäuden künftig genauer auf den Prüfstand gestellt. Geplant ist, die Potsdamer Pufferzone in eine engere und weitere Schutzzone zu gliedern. Die engere Pufferzone umfasst 984 Hektar Fläche in unmittelbarer Umgebung der Welterbestätten. Sämtliche Vorhaben in der engeren Pufferzone müssen überprüft werden. Zum Vergleich: Die reine Welterbefläche beträgt 1343 Hektar, das Potsdamer Stadtgebiet in seiner Ausdehnung vor der Eingemeindung vor sechs Jahren 10 933 Hektar. Seit 1. Februar steht die Unterschrift des Oberbürgermeisters aus – der erklärte in der vergangenen Woche, er unterschreibe vorerst nicht und nannte weiteren Abstimmungsbedarf als Gründe. Der Argus Potsdam e.V. begrüßt die Pläne: Diese „neue Kultur der Bauplanung“ unterstütze Bürgerinitiativen beim Schutz der Welterbestätten, sagte Saskia Hüneke vom Argus-Vorstand gestern. Die Pufferzone für das Welterbe umfasst laut dem Entwurf im Norden den Königswald mit dem Sacrower See, den Jungfernsee, die Nedlitzer Chaussee, den Pfingstberg mit dem Kasernengelände. Die westliche Pufferzone streckt sich von der Nedlitzer Chaussee über den Volkspark, große Teile der Lennéschen Feldflur und der Bornimer Feldflur, die historischen Ortslagen von Bornim und Bornstedt, das Katharinenholz, die historische Ortslage Eiche, den Wildpark und Teile der Brandenburger Vorstadt. Hinzu kommen die Havelbucht, der Innenstadtbereich, die Freundschaftsinsel, Teile des Bereiches Hauptbahnhof, Teile von Zentrum-Ost, Nowawes, der Villenkolonie Babelsberg, des Griebnitzsees und der Ortslage Klein-Glienicke. Die Pufferzone erstreckt sich in Richtung Caputh bis zum Schwielowsee sowie auf weitere Einzelobjekte. ERB/gb/just/jaha/KG

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