Zum 90. Geburtstag : Die Abenteuer des Joachim Kunert

Der Regisseur von „Werner Holt“ feiert heute in Potsdam seinen 90. Geburtstag. Mit den PNN sprach der Filmemacher über seinen Erfolgsfilm und die Arbeit in den Defa-Studios.

Sophie Laaß
Joachim Kunert (r.) am Set der Seghers-Verfilmung von "Die Toten bleiben jung" 1968. 
Joachim Kunert (r.) am Set der Seghers-Verfilmung von "Die Toten bleiben jung" 1968. Foto: privat

Wie lebt ein Mensch, umgeben von Arbeit? Wenn es schöngeistige Arbeit ist, lebt er gut: Kollwitz, El Lissitzky und Chagall stehen heute in Joachim Kunerts Wohnzimmerschrank. Ein Bild des Schauspielers Erwin Geschonneck hängt an seiner Wand, ein Geschenk mit Widmung. Die in Plastik verpackte „Werner Holt“-DVD liegt auf dem Tisch, daneben sein Nachlass von der Akademie der Künste. Kunert kann nicht ruhen - und ist doch die Ruhe selbst.

Er spaziert auf ein Filmset - und wird zur Defa geschickt

Man möchte das auch erwarten zum 90. Geburtstag des Defa-Regisseurs, der vor ein paar Jahren in Potsdam seine Altersresidenz bezog. Von 1947 bis 1989 hat Joachim Kunert Filme gedreht, Dokumentarfilme, Spielfilme und für das Fernsehen. Kurz nach der Wende hat er sein letztes Interview gegeben: „Ein Film wird nur gemeinsam erzählt.“ Auch jetzt geht er sparsam mit den Worten um - ist aber trotzdem präzise und bestimmt. So hat das vielleicht auch am Set funktioniert.

Es zieht ihn früh zum Medium Film. Geboren im Berliner Stadtteil Pankow, spaziert Kunert nach dem Krieg einfach auf ein solches Filmset der neuen Wochenschau. Er fragt den Regisseur nach Arbeit und wird weiter zur Defa geschickt. Die schickt ihn weiter zum Defa-Mitbegründer Kurt Maetzig und zu Wolfgang Schleif als Assistenten. „Er konnte gut mit Menschen umgehen, besonders mit den Schauspielern“, beschreibt er Schleif. Mit ihm dreht Kunert unter anderem die „Grube Morgenrot“ und steigt nach einem Gastspiel am Deutschen Theater im Jahr 1954 fest als Regisseur bei der Defa ein.

"Die Abenteuer des Werner Holt" wird in 42 Länder verkauft

Am liebsten redet er von seinen Spielfilmen. Von den ersten Dokumentarfilmen ist ihm vor allem einer in Erinnerung geblieben: Die Reise entlang der Elbe von Hamburg bis Bad Schandau in „Ein Strom fließt durch Deutschland“. Er erzählt darin die Geschichte eines Deutschlands, das „wieder ein Ganzes“ werden muss und hofft auf eine Wiedervereinigung. Kunerts nächster Film über den Schriftsteller Martin Andersen Nexö ist in der BRD aber schon verboten.

Nach dem Wechsel vom Dokumentarbereich in die Spielfilmabteilung wird der Regisseur schließlich international bekannt. 1965 zieht er mit „Die Abenteuer des Werner Holt“ Millionen Menschen in die Kinos. Der Schwarz- Weiß-Film ist nicht nur in der DDR ein Erfolg, sondern wird auf Filmfestivals weltweit wie in Moskau, Cannes, Edinburgh, Karthago, Sydney und Neu-Delhi gezeigt und an 42 Länder verkauft. Sogar zu einer Premierenfahrt in die BRD wird Kunert eingeladen – eigentlich unüblich nach dem Bau der Mauer: "Ich kam zurück nach West-Berlin, ging zum Zoopalast und sah eine riesige Reklame für meinen Film", erinnert sich der Regisseur.

Vor dem Dreh des Antikriegsfilms führt er viele Recherchegespräche

Den Dreh des Antikriegsfilms mit Schauspieler Klaus-Peter Thiele in der Hauptrolle hat er als „eher schwierig“ in Erinnerung. Denn als Soldat und Flakhelfer wurde er selbst nie eingesetzt. Um die Geschichte der zwei Schulfreunde im Bann der Naziideologie realitätsgetreu nachstellen zu können, muss er viele Interviews führen. „Im Film arbeitet man in Etappen“, meint der Defa-Regisseur. Schnitt und Endfertigung macht er mit seinem Filmteam sogar noch von Hand.

Es geht ihm um menschliche Schicksale und deutsche Geschichte

Auch die Schriftstellerin Anna Seghers sieht den Film – und ist deshalb von Joachim Kunerts Idee begeistert, auch ihren Roman "Die Toten bleiben jung" zu verfilmen. Kunert erzählt die Geschichte der drei Männer nach ihrem Mord an einem Matrosen als eine Geschichte von persönlichen Schicksalen: Die Erzählstränge zeigen das Leben jedes Einzelnen in Etappen von 1918 bis 1945. Teile des Films werden wie im „Panzerkreuzer Potemkin“ seines Vorbildes Sergej Eisenstein auf den Treppen von Odessa gedreht. Kunerts Bewunderung für Anna Seghers schlägt sich in steter Zusammenarbeit nieder, Kino- und Fernsehfilme entstehen gemeinsam mit der Autorin. Kunert bleibt schließlich beim Fernsehen, dreht unter anderem zwei Folgen der in der DDR viel beachteten Serie "Berühmte Ärzte der Charité". Dafür bekommt er als Teil des Regiekollektivs später den Heinrich-Greif-Preis zweiter Klasse, eine der wichtigsten Auszeichnungen des DDR-Films.

Joachim Kunert (h.l.) am Set der "Charité"-Serie 1983.
Joachim Kunert (h.l.) am Set der "Charité"-Serie 1983.Foto: privat

Es geht dem Regisseur darum, menschliche Schicksale zu zeigen. Seine Filme drehen sich um die deutsche Vergangenheit. Sie sind oft politisch und immer realitätsnah. Stellt sich seiner Arbeit etwas in den Weg, kann er auch durchgreifen: Für die Charité-Serie soll 1983 im Original-Gebäude in Berlin gedreht werden, dieses befindet sich jedoch im Umbau. Kunert geht kurzerhand zur Bauleitung und setzt den Dreh durch, wenn auch mit engem Zeitplan. Seine Beiträge zu den Ärzten Robert Koch und Ferdinand Sauerbruch setzen andere Akzente als die aktuelle ARD-Serie, meint er.

Joachim Kunert am Set von "Die gläserne Fackel".
Joachim Kunert am Set von "Die gläserne Fackel".Foto: privat

Joachim Kunerts letztes Projekt "Die gläserne Fackel" über die Zeiss-Werke in Jena geht schon im Wende-Chaos unter. Danach macht er keine Filme mehr. Stattdessen rufen ihn nun seine Schauspieler an und erzählen ihm, wie sie sich durch die Arbeit mit ihm verbessern konnten. Kunert will keine Sensation daraus machen. Er bleibt bescheiden, ein Kontrast zur schreienden Ästhetik der heutigen Filmlandschaft. In den 1990ern entdeckt er seinen Werner Holt schließlich in der ARD. Es sei, so sagt er, eine Freude für ihn, "dass diese Arbeit weiterlebt".