Potsdam : Zu sehr den Täter im Blick

Der Potsdamer Stefan Lüttke wurde Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Kaplan und hat jahrelang geschwiegen. Als Erwachsener erlebte er den Umgang der Kirche mit seinem Schicksal als Demütigung. Kardinal Woelki bedauert den Fall. Auch der Vatikan ist eingeschaltet

Claudia Keller
Verletztes Vertrauen. Stefan Lüttke (o.) wurde 1997 von einem Kaplan sexuell belästigt. Heute kämpft er um die Anerkennung des geschehenen Unrechts. Kardinal Woelki (u.) bedauerte den Fall in einem Brief.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Thomas/privat/Imago
14.03.2014 21:55Verletztes Vertrauen. Stefan Lüttke (o.) wurde 1997 von einem Kaplan sexuell belästigt. Heute kämpft er um die Anerkennung des...

Stefan Lüttke traute seinen Augen nicht, als er im April 2013 die Mitteilung des Berliner Erzbistums las. Da stand tatsächlich, dass die „staatlichen und kirchlichen Untersuchungen“ gegen seinen früheren Kaplan aus Potsdam und heutigen Pfarrer der Gemeinde Herz Jesu Stefan M. in Berlin-Tegel „ergebnislos eingestellt“ wurden. „Der Wiederaufnahme seines priesterlichen Dienstes steht nichts mehr entgegen. Damit wäre auch seine Rückkehr in die Aufgaben des Pfarrers dieser Gemeinde möglich.“

Wie bitte? Die Untersuchungen haben nichts ergeben? „Für mich als Opfer war diese Meldung wie ein zweiter Missbrauch“, sagt der in Potsdam geborene Stefan Lüttke heute. Denn im April 2013 wusste das Erzbistum schon seit drei Jahren, dass sich der Gemeindepfarrer sehr wohl schuldig gemacht hatte. Es gab sogar ein Geständnis. Warum aber verlas der Generalvikar am 28. April 2013 in der Gemeinde Herz Jesu eine Erklärung, die sich wie ein Freispruch anhörte? Noch heute findet sich die Mitteilung dazu auf der Internetseite des Erzbistums.

Stefan Lüttke, heute lebt er in Süddeutschland, war 15 Jahre alt und Firmling in der Gemeinde der katholischen Sankt-Peter-und- Paul-Kirche am Bassinplatz. An einem Sommertag 1997 traf sich die Firmgruppe bei Kaplan M., dem angehenden Pfarrer, zu Hause. Nach dem Treffen fragte ihn der Kaplan, ob er ihn nach Hause begleiten könne. In einer abgeschiedenen Allee sprach der Geistliche auf einmal davon, dass doch nichts dabei sei, wenn man sich nackt voreinander zeige. Irgendwann hatte er den 15-Jährigen so weit, dass er ihn anfassen konnte. Es sei zur gegenseitigen Masturbation gekommen, so Lüttke. Auch habe es später weitere Annäherungsversuche seitens des Kaplans gegeben – die habe er aber abgeblockt. Der Jugendliche sprach mit niemandem darüber und versuchte zu vergessen, was geschehen war. 2010 kam aber alles wieder hoch. Lüttke wurde krank. Damals war bekannt geworden, dass Priester über Jahre Schüler im Berliner Canisius-Kolleg missbraucht hatten. Lüttke rief bei der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz an und erzählte, was er erlebt hatte. Er nannte seinen Namen nicht, bat aber darum, dass man seine Schilderung an das Berliner Erzbistum weiterleitet. Das wurde auch gemacht.

Der damalige Berliner Kardinal Georg Sterzinsky suspendierte den Priester vom Dienst, informierte die Gemeinde Herz Jesu in Tegel über den Vorwurf gegen ihren Pfarrer. Er leitete eine kirchliche Untersuchung ein und informierte auch die Staatsanwaltschaft und die Presse. Die Kirche schien alles richtig zu machen. Doch dann lief einiges schief.

Der Beschuldigte – M. war längst als Pfarrer in Tegel eingesetzt – wurde ins Ordinariat gebeten. Weihbischof Matthias Heinrich und Dompropst Stefan Dybowski sprachen mit ihm über den Vorwurf. Er gab alles zu. Er weigerte sich aber, das Gesprächsprotokoll zu unterschreiben. Er war davon ausgegangen, dass es sich um ein seelsorgerliches Gespräch handelt und nicht um eine Vernehmung, sagt Bistumssprecher Stefan Förner.

Das Erzbistum schickte ein Dossier mitsamt des nicht unterzeichneten Protokolls an die römische Glaubenskongregation im Vatikan. An die Staatsanwaltschaft Potsdam habe man das Protokoll aber nicht weitergeleitet, sagt Förner, da es nicht unterschrieben war. Die Polizei nahm damals Kontakt zu Lüttke auf. Doch wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes war er nicht in der Lage, eine Aussage zu machen.

Der Vatikan antwortete auf das Dossier, dass der heute 45-jährige Priester wieder eingesetzt werden könne, vorausgesetzt, ein forensisches Gutachten ergebe, dass er keine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstelle. Im Ordinariat habe man auf den Priester eingewirkt, damit er auf die Rückkehr in die Berliner Pfarrei verzichtet. Das habe er dann auch getan, sagt Förner. Ende April 2013 machte der für Missbrauchsfälle im Bistum zuständige Generalvikar Tobias Przytarski der Gemeinde daraufhin jene missverständliche Mitteilung, wonach die Untersuchungen nichts ergeben hätten. Dass Pfarrer M. dem Kardinal aber „unter Berufung auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand seinen Verzicht auf die Pfarrei angeboten und der Kardinal den Verzicht angenommen hat“.

Stefan Lüttke wollte sich mit dieser Mitteilung nicht abfinden. Im September 2013 schrieb er Kardinal Woelki einen Brief. Er wies noch einmal auf den Missbrauch hin, auf seine Aussage bei der Hotline und darauf, dass er nur deshalb bei der Polizei keine Aussage gemacht habe, weil er krank gewesen sei. „Ihre öffentliche Darstellung ist eine Rehabilitation des Täters erster Klasse und bedeutet für mich als Opfer eine erneute Demütigung.“

Auf diesen Brief hin lud der Generalvikar Lüttke im Dezember 2013 zum Gespräch ein. Dort erfuhr er von dem Geständnis des Priesters, dem nicht unterschriebenen Protokoll und davon, dass man die Staatsanwaltschaft nicht informiert hatte. Als Lüttke nachfragte, wie es zu der missverständlichen Mitteilung an die Gemeinde kommen konnte, bat ihn der Generalvikar um Verständnis. Schließlich habe der Täter wissen wollen, wie es weitergehe mit ihm. Da platzte Lüttke der Kragen. „Ich als Opfer soll Verständnis haben für den Täter?“, fragt er.

Er zeigte den Fall daraufhin selbst bei der Staatsanwaltschaft an und machte seine Aussage. Doch der Fall ist verjährt, war es bei Lüttkes besagter Anzeige im Jahr 2010 schon. Dem Erzbistum und vor allem Kardinal Woelki als oberstem Dienstherrn wirft Lüttke gleichwohl vor, die Sache vertuschen zu wollen. Weil das Tätergeständnis nicht an die Ermittler weitergeleitet wurde, habe man deren Arbeit behindert. Das Verhalten des Erzbischofs sei ihm völlig unbegreiflich, schrieb Lüttke am 3. März auch an Papst Franziskus. „Die Aufklärung dieses Missbrauchs wird absichtlich behindert und der beschuldigte Pfarrer rehabilitiert. Erst ich als Opfer musste das Erzbistum dazu bringen, den Fall wirklich aufzuklären.“

Bistumssprecher Stefan Förner räumt Fehler ein. Es sei falsch gewesen, dass man dem beschuldigten Pfarrer vor dem Gespräch im Ordinariat 2010 nicht klar gesagt habe, dass es sich um eine Vernehmung und nicht um Seelsorge handelt. „Das war ein Verfahrensfehler.“ Was die Mitteilung an die Gemeinde angeht, sei das Gesagte zwar strafrechtlich richtig, justiziable Ermittlungsergebnisse gebe es nicht. Doch man habe nicht bedacht, wie die Erklärung auf das Opfer wirken würde. „Wir hatten im Ordinariat wohl zu sehr den Täter im Blick und nicht das Opfer“, sagt Förner. Zugleich räumte Förner ein, der seit Monaten krankgeschriebene Beschuldigte habe nach seinem Verzicht auf das Pfarramt im April 2013 aushilfsweise Sonntagsgottesdienste gefeiert. „Auch dabei hätte M. in Kontakt mit Jugendlichen kommen können“, so Lüttke.

„Wir vertuschen nichts“, sagt Kardinal Woelki. Für ihn ist klar: „Dieser Priester wird nie mehr in der Seelsorge eingesetzt.“ Woelki hat sich mittlerweile in einem Brief direkt an Lüttke gewandt. Darin bedauert er das Leid, das ihm durch den Priester angetan wurde, und verspricht Hilfe bei der Verarbeitung. Es sei nachvollziehbar, dass der Wortlaut der Mitteilung an die Gemeinde ihn „verärgert und verletzt“ habe, schreibt Woelki und dankt ihm für die Mitarbeit bei der Aufklärung.

Generalvikar Przytarski hat den Fall in Rom erneut vorgelegt mit der Anfrage, ob ein kirchliches Strafverfahren durchgeführt werden könne. „Das Verfahren ist noch nicht beendet“, schreibt Woelki. Unter anderem könnten M. die Bezüge gekürzt werden, so Förner. Die Höchststrafe für den Priester wäre die Laisierung, also ihre Rückversetzung in den Laienstand. Weitere Vorwürfe gegen M. und aus Potsdam seien nicht bekannt, so Förner.

Er habe sich über Woelkis Brief gefreut, sagt Lüttke. Es blieben aber offene Fragen. Und das ungute Gefühl: „Wenn ich nicht noch einmal etwas unternommen hätte, wäre der Fall zu den Akten gelegt worden.“ Andere Betroffene fordert er deshalb auf: „Die Situation der Opfer wird sich wenig ändern, wenn sie in Deckung bleiben, während die Täter offen agieren können.“ Auch wünscht er sich die Einrichtung einer Kommission, die solchen Vorwürfen unabhängig nachgehen könnte. Förner sagt zu diesem Vorschlag: „Ich bin mir sicher, dass Kardinal Woelki ihn in seinem Beraterstab zu dem Thema diskutieren wird.“

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