• Zu Fuß an den Gardasee: „Von Potsdam immer weiter südwärts“

Zu Fuß an den Gardasee : „Von Potsdam immer weiter südwärts“

Seine Großmutter starb an Covid-19. Um an sie zu erinnern, wandert der 19-jährige Hugo Rittel bis zum Gardasee.

Völlig untrainiert lief Hugo Rittel Ende Mai vom Schloss Sanssouci aus los Richtung Gardasee.
Völlig untrainiert lief Hugo Rittel Ende Mai vom Schloss Sanssouci aus los Richtung Gardasee.Foto: privat

Potsdam - Nein, er wusste nicht, was da auf ihn zukommen würde, als er sich am 24. Mai am Schloss Sanssouci ohne jede Vorbereitung auf den Weg zum Gardasee machte: stundenlang durch dunkle Wälder und entlang schmaler Bäche, keuchend bergauf und bergab, durch Dutzende kleiner Dörfer und ein paar größere Städte. Im Gepäck nur ein kleines Zelt von seiner Mutter, einen leichten Rucksack vom Vater und ein Schlafsack von seiner Stiefmutter. Mehr als 1000 Kilometer lagen vor ihm. Und alles zu Fuß.

"Habe nie daran gezweifelt, dass ich ankommen werde"

„Es war nicht einfach, weil ich völlig untrainiert war. Aber ich hatte mir dieses eine Ziel gesetzt, und ich habe nie daran gezweifelt, dass ich dort ankommen werde“, sagt Hugo Rittel. Am vergangenen Wochenende war der 19-Jährige schon 55 Tage unterwegs und gerade am bayerischen Tegernsee angekommen, wo er vier Tage Rast machte – eingeladen von einem Hotelier, der von seiner Wanderung in den sozialen Medien erfahren hatte und ihn unterstützen wollte. „Der Blick auf den See und die Berge sind bisher der landschaftliche Höhepunkt der Tour.“ Die Gegenleistung: ein paar schöne Aufnahmen im Netz von dem Hotel.

Bis nach Bayern ist der 19-Jährige Potsdamer schon gekommen. 
Bis nach Bayern ist der 19-Jährige Potsdamer schon gekommen. Foto: privat

Rittel ist in Potsdam geboren, beendete die Schule nach der zehnten Klasse und zog später, nach der Trennung der Eltern, mit seiner Mutter in die Nähe seiner Großmutter Renate nach Thüringen. Zwei Geschwister mütterlicherseits und zwei weitere väterlicherseits leben in Potsdam. Mit der Großmutter verband ihn eine innige Beziehung, er verbrachte viel Zeit mit ihr, kaufte für sie ein und sah abends mit ihr fern. Wann immer etwas über den norditalienischen Gardasee gesendet wurde, schwärmte seine Oma, die noch nie im Ausland war: „Wenn ich nochmal irgendwohin reisen könnte, dann zum Gardasee.“

Für Großmutter auf den Weg zu ihrem Traumziel

Es war ein schwerer Schlag für Rittel, als die Großmutter, erst 73 Jahre alt, im Frühjahr an Covid-19 erkrankte und daran starb. Er las ihren Namen auf dem Grabstein, aber hatte Mühe, zu verstehen, was passiert war. „Alles schien so furchtbar unwirklich.“

Auch ihn hatte das Virus erwischt, er kam mit einem milden Verlauf davon. Nach dem Tod der Großmutter fasste er einen Plan: Er wollte sich für sie auf den Weg zu ihrem Traumziel machen – ihr zu Ehren, zu ihrem Gedenken. Wie eine individuelle Wallfahrt, sozusagen als ihr Stellvertreter.

30-Kilometer-Etappen pro Tag kaum noch Mühe

Anfangs legte der junge Potsdamer, der früher „null Bock auf Wandern“ hatte, Tag für Tag 15 bis 20 Kilometer zurück. Inzwischen machen ihm, von gelegentlichen Beschwerden an den Füßen abgesehen, Etappen von 30 Kilometern kaum noch Mühe. In den ersten Tagen orientierte er sich allein mit einem Kompass. Der Kurs war klar: „Von Potsdam immer weiter südwärts.“ Dann folgte er Google Maps, ärgerte sich aber darüber, dass die Navigation ihn immer wieder zu größeren Straßen führte. Inzwischen vertraut er der unter Wandersleuten beliebten App Komoot.

Dokumentation der Wanderung auf TikTok und Youtube

Hugo Rittel geht seinen Weg in den Süden – außer, wenn es zu Zufallsbegegnungen kommt – stets ohne Begleitung. Richtig allein ist er dennoch selten: Er dokumentiert jeden Tag seiner Wanderung mit Videos und Fotos, mit denen er als „derallerechtehugo“ vor allem TikTok, aber auch die sozialen Plattformen Instagram, Twitch und YouTube bespielt. Tausende reagieren auf seine Videos. Was passiert, wenn die „viral durch die Decke gehen“, hat auch ihn fasziniert: In Potsdam hatte er vor seiner Reise 30 000 Follower. Als er in einem launigen Video verriet, was er vorhatte, klickten es mehr als eine Million zumeist Jüngere an. Sein erstes Video wurde insgesamt 2,2 Millionen Mal gesehen. „Viele fremde Leute haben mir geschrieben.“

"Ziehe zum ersten Mal eine Sache richtig durch"

Er steht nicht in der Tradition der deutschen Romantik, jener wandernden Sinn- und Glückssucher mit den großen Namen Goethe, Schiller, Büchner und Eichendorff. Es trieb ihn nicht die Sehnsucht nach der Ferne oder das Streben nach tieferer Selbsterkenntnis, sondern die Erinnerung an die geliebte Großmutter. Rittel ist davon überzeugt, dass seine gewaltige Unternehmung ihn in seiner Entwicklung dennoch ein gutes Stück vorangebracht hat: „Das war schon bisher eine völlig neue Erfahrung mit mir selbst. Ich habe von der Ausbildung bis zu einzelnen Projekten noch nie etwas zu Ende gebracht. Und jetzt ziehe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Sache richtig durch“, erzählt der junge Mann.

Unterstützung von Hoteliers und Privatleuten

Der Potsdamer lernte Deutschland bislang von einer recht sympathischen Seite kennen. Immer wieder freundliche Fragen nach seiner Route, immer wieder Angebote für kostenlose Übernachtungen und Abendessen von Hoteliers und Privatleuten, er muss nicht mehr allzu oft im Zelt schlafen. In der bayerischen Stadt Hof wurde er im im „Roten Schloss“ vom Wirt zu Spaghetti Bolognese eingeladen. Der Deal, wie oft zwischen Gastgewerbe und Travelbloggern: Rittel bedankt sich mit werbenden Videos und Texten. In einem Dorf in Süddeutschland erlaubte ihm ein Grundstücksbesitzer, auf seinem Gelände zu zelten. Und Rittel bestellte sich Essen via Lieferando ans Zelt – wieder Bolognese.

Auch Musik begleitet ihn beim Wandern, er hört Roger Whittaker, die Lieblingsmusik seiner Oma, „Yesterday“ von den Beatles, „Behind blue eyes“ von The Who und, immer wieder, „Sweet Caroline“ von Neil Diamond.

Ansporn durch Fan-Kommentare im Netz

Mit seinen Posts findet Hugo Rittel viele Fans in den sozialen Netzen: „Ich könnt heulen, als Oma danke ich dir, Hugo, dass du deiner Oma diesen Respekt erweist“, schrieb Christina aus Berlin. „Guter Mann!“, urteilte der Berliner Peter über ihn. Mütter schreiben ihm, dass sie sich wünschten, dass auch ihre Kinder sich so selbständig auf den Weg in die Ferne machen würden. Ihm gehen Bilder von stornierten Flugtickets nach Mallorca zu. Fremde Menschen haben seine Berichte gelesen und sich spontan entschlossen, es ihm gleich zu tun und in Deutschland zu wandern. Und es kommt vor, so erzählt er, dass irgendwo auf dem Weg ein Auto seinen Weg kreuzt, Kinder aus dem geöffneten Fenstern winken und laut „Hugo, Hugo!“ rufen.

Der Gardasee war immer das Traumziel seiner Großmutter, die an Covid-19 verstorben ist.
Der Gardasee war immer das Traumziel seiner Großmutter, die an Covid-19 verstorben ist.Foto: privat

Aber es gibt auch Menschen, die sich voller Unverständnis an ihm reiben. „Mein Opa ist im Krieg gefallen. Irgendwo im fernen, kalten Russland. Soll ich da jetzt hin?“, fragte ihn einer. Rittel solle „nicht alles öffentlich machen. Das macht es kitschig und unglaubwürdig“.

Hugo Rittel berührt die Kritik nicht. Er freut sich darüber, dass er mit den Wandervideos, die er fast täglich hochlädt, viel erreicht. Der RBB hat schon über ihn berichtet, auch das ARD-„Morgenmagazin“ und zahlreiche Zeitungen. Tausende schrieben ihm und boten einen Schlafplatz an. In dieser Woche besucht ihn ein ARD-Team.

Alpenquerung anstrengendste Etappe

Seinem Traum, durch die Welt zu reisen und Videos ins Netz zu stellen, kommt der Potsdamer näher. Vor allem, wenn sich Influencer und Firmen mit ihm zusammentun und er davon leben, gleichzeitig aber für soziale Zwecke werben kann. „Der Vertrag für ein Mode-Label ist schon unterschrieben“, erzählt Rittel. Nachhaltige Pullover, Shirts, Caps und Trinkflaschen will er vermarkten.

Nun steckt er mitten in der letzten, lange Etappe zum Gardasee: Die Alpenquerung vom Tegernsee nach Sterzing in Südtirol. „Echt anstrengend“, sagt er, gerade im österreichischen Maurach. „Und wenn ich im August am Gardasee ankomme, werden mich vielleicht meine Mutter und meine Tante dort besuchen.“

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