• Wohnungsnot: AWO-Chefin fordert zweites Familienhaus Bundestagsabgeordnete Wicklein in Notunterkunft am Stern: „Wir brauchen ein nationales Programm“

Potsdam : Wohnungsnot: AWO-Chefin fordert zweites Familienhaus Bundestagsabgeordnete Wicklein in Notunterkunft am Stern: „Wir brauchen ein nationales Programm“

Guido Berg
Unmut über Mietanstieg. 2011 während einer Demo in Potsdam.
Unmut über Mietanstieg. 2011 während einer Demo in Potsdam.Foto: M. Thomas

Am Stern - Veronika Krüger* lebt von ihrem Mann getrennt, sie hat drei Kinder, eineinhalb, vier und zwölf Jahre alt. Seit einem Jahr wohnt die Familie im Familienhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) am Stern. Der Grund: Eigene vier Wände, die sie bezahlen könnte, findet sie in Potsdam nicht. Die 31-Jährige: „Der große Traum ist eine eigene Wohnung.“

So wie Veronika Krüger und ihren Kindern geht es weiteren 14 Familien mit insgesamt 23 Kindern, die derzeit im 1998 eröffneten AWO-Familienhaus leben. „Die letzte Familie, die eine Wohnung finden konnte, hat fünf Jahre bei uns gewohnt“, berichtete die Leiterin des Familienhauses, Birgit Hollmann. Am Freitag besuchte die SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein die Einrichtung, um sich ein Bild von den Auswirkungen des überlasteten Potsdamer Wohnungsmarktes zu machen. Angesichts von nur zwei Prozent Wohnungsleerstand, was de facto einer Vollbelegung gleichkommt, erklärte sie: „Die Wohnungen reichen einfach nicht aus.“ AWO-Chefin Angela Basekow stimmte dem zu, nahm jedoch die Vermieter in Schutz: „Der Sozialstaat ist gefragt.“

Die Bundestagsabgeordnete nannte es „eine nationale Aufgabe“, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen: „Wir müssen uns mit den Bundesländern hinsetzen und klären, wie wir das hinkriegen.“ Bundesgeld für den sozialen Wohnungsbau gibt es derzeit nicht; Wicklein macht daher Wahlwerbung für den SPD-Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl im September: „Steinbrück sagt: Wir brauchen ein nationales Programm.“ Allerdings müsse der Bund zur Finanzierung eines sozialen Wohnungsbauprogramms auch mehr Geld einnehmen. „Da ist die Steuerschraube eine ganz entscheidende Schraube.“ Als Beispiel nennt die Potsdamer Bundestagsabgeordnete die Vermögenssteuer – „wenn man es den Leuten erklärt, wird das auch verstanden“.

Das Familienhaus unweit der Nutheschnellstraße betreibt die AWO im Auftrag der Stadt Potsdam. 60 Plätze stehen insgesamt zur Verfügung. „Jeder, der hier wohnt, bezahlt eine Gebühr, die sich am Mindestmietpreis orientiert“, erläutert Birgit Hollmann. Der Bedarf nach dieser Form der Vermeidung von Wohnungslosigkeit ist der Hausleiterin zufolge enorm: „Wir könnten gut und gerne noch so ein Haus gebrauchen.“ Bauen müsste es die Stadt Potsdam, stellt die AWO-Chefin klar und ergänzt: „Aber lieber wären mir Wohnungen.“ Der Grund: „Viele der Hausbewohner wären in der Lage, in einem strukturierten Alltag selbst zurechtzukommen.“ Sollte es jedoch nicht in Kürze mehr Wohnungen geben, „muss ein zweites Haus her“, fordert Angela Basekow.

Das Problem ist, dass in Potsdam selbst unsanierte Plattenbauten knapp und überfragt sind. „In diesem Preissegment bewerben sich 30 Personen auf eine Wohnung“, so Birgit Hollmann. Der Hartz-IV-Mietsatz kann da nicht mithalten und wirkt unattraktiv für Vermieter. AWO-Chefin Basekow: „Die Hartz-IV-Wohnung gibt es in Potsdam eigentlich nicht mehr.“

Auf die muss Veronika Krüger möglicherweise nicht mehr spekulieren; Arbeit steht in Aussicht, ab Juni in Großbeeren bei „Leckerland“: „Ich hoffe es.“ In Aussicht steht für die junge Verkäuferin ein Stundenlohn von zehn Euro. „Schon akzeptabel“, findet Andrea Wicklein – vor dem Hintergrund eines von der SPD geforderten Mindestlohns von 8,50 Euro. Aber, gibt Angela Basekow zu bedenken: „Es ist völlig unklar, ob sie damit eine Wohnung bezahlen kann.“ Birgit Hollmann fügt hinzu: „Und wenn das Kind zweimal krank ist, dann war es das schon wieder mit dem Job.“

(* Name von der Redaktion geändert)

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