Potsdam : Wo die Konferenz tanzte

Sie war Churchills Sekretärin bei der Konferenz von Potsdam. Aber erst jetzt besuchte Margaret Hunter zum ersten Mal Cecilienhof

Rückkehr nach 67 Jahren. Zeitzeugin Margaret Joy Hunter mit Matthias Simmich, dem Kurator der neuen Daueraussstellung, im Innenhof von Schloss Cecilienhof. Hunter war im Sommer 1945 als Sekretärin der britischen Delegation bei der Potsdamer Konferenz. Das Schloss durfte sie seinerzeit aber nicht betreten.Fotos (3): privatAlle Bilder anzeigen
24.02.2013 21:25Rückkehr nach 67 Jahren. Zeitzeugin Margaret Joy Hunter mit Matthias Simmich, dem Kurator der neuen Daueraussstellung, im Innenhof...

Dieses Tagebuch dürfte es eigentlich gar nicht geben. Denn als Margaret Joy Milward am 13. Juli 1945 auf dem britischen Militärflughafen Northolt in das Flugzeug nach Berlin-Gatow stieg, war sie über die Sicherheitsvorschriften genau informiert. Private Notizen waren verboten. Doch dann stieß die 19-jährige Britin in ihrem Doppelzimmer in einer Babelsberger Villa im Bücherregal auf ein leeres Fotoalbum und funktionierte es trotzdem zum Tagebuch um. Dass sie den Mut dazu hatte, darüber ist Matthias Simmich, der Kurator der neuen Dauerausstellung im Schloss Cecilienhof und Vize-Leiter des Schlossbereiches, heute dankbar.

Die Stimme von Margaret Milward, die seit ihrer Hochzeit Turner heißt, können Besucher im Schloss Cecilienhof mittlerweile auf dem Audio-Guide hören. Turner gehörte als Sekretärin von Premierminister Winston Churchill zur britischen Delegation bei der Potsdamer Konferenz. In ihrem heimlich geführten Tagebuch hielt sie Beobachtungen vom Rande der Konferenz fest, klebte Pässe, einen eigens für die Delegationsmitglieder gefertigten Stadtplan oder Einladungskarten zu Tanzabenden ein. Für Historiker wie Simmich ist das ein wertvolles Zeugnis: Es wirft Licht auf den Konferenzalltag jenseits der politischen Geschehnisse.

Simmich stieß durch einen Zufall bei der Recherche im Internet auf die Zeitzeugin. Im vergangenen Jahr besuchte er die mittlerweile 87-Jährige in ihrem Reihenhaus in der Grafschaft Surrey südlich von London. Wenige Monate später machte Turner den Gegenbesuch in Potsdam – und sah die Stadt zum ersten Mal seit 1945 wieder. Drei Tage war sie mit Simmich auf den Spuren der Konferenz unterwegs. Für die humorvolle und rüstige Dame sei das bewegend gewesen, berichtet Matthias Simmich: „Ein paar Mal musste sie sich an mir festhalten, weil die Eindrücke so überwältigend waren.“

Denn Margaret Hunter hatte vorher jahrzehntelang über ihre Zeit während des Krieges geschwiegen, sie praktisch vergessen. Seit 1943 arbeitete sie in den sogenannten „War Rooms“, dem Bunker von Churchills Kriegskabinett in London, telegrafierte, stenografierte, telefonierte. Im Sommer 1944 etwa tippte sie die Landungsbefehle zum D-Day – der Alliierten-Invasion gegen Hitlerdeutschland. Aber all das durften nicht einmal ihre Eltern wissen. Schließlich war Krieg. 1946 wechselte sie den Arbeitgeber und wurde Sekretärin bei der Diözese Canterbury. Erst durch eine neue Ausstellung in London im Jahr 2005 frischte sie ihre Jugenderinnerungen wieder auf.

Als Margaret Milward sich an diesem 13. Juli 1945 nach Potsdam aufmachte, sei ihr die welthistorische Bedeutung klar gewesen, erzählt Simmich. Hitlerdeutschland hatte kapituliert, die Alliierten wollten vor Ort bei einem Gipfeltreffen klären, wie es nun weitergehen soll. Die 19-jährige Britin war dabei „ein kleines Rädchen“ im Konferenzgetriebe, wie Simmich es ausdrückt. Rund 250 Leute gehörten der Delegation an. Der Austausch zwischen den Delegationen der Siegermächte USA, Sowjetunion und Großbritannien blieb aber offenbar hauptsächlich auf die offiziellen Verhandlungen beschränkt, wie Simmich nach den Erzählungen von Turner weiß. In der Freizeit blieb man meist unter sich.

Zeit für touristische Erkundungen blieb aber trotzdem: Die junge Engländerin beschreibt etwa einen Ausflug zum Schloss Sanssouci, das wegen des Krieges nahezu komplett leer geräumt war und zugemauerte Fenster hatte – als Schutz vor Bombenschäden. Auch Hitlers Reichskanzlei in Berlin besuchte Margaret Hunter. Im Tiergarten war sie Zuschauerin bei einer Siegerparade der Briten. Das Ausmaß der Zerstörung in der Hauptstadt erschütterte die junge Frau tief: „Es war ganz fürchterlich, die Zerstörung, der Blick auf die Menschen, die Armut, die Bettelei und die Kinder, die so dünn aussahen“, rekapituliert sie.

Aber sie berichtet auch von Tanzveranstaltungen, die schon mal bis 3 Uhr morgens dauerten. „Sie war eine der wenigen Frauen, also war sie als Tanzpartnerin sehr gefragt“, erklärt Matthias Simmich. Getanzt wurde in einer Halle auf dem Babelsberger Studiogelände, das damals kurzerhand in „Elstree“ umgetauft wurde – nach den berühmten Filmstudios nahe London. Auch von einem Konzert der Musiker der Royal Airforce am Abend des 24. Juli im Neuen Palais berichtet Margaret Hunter: „Ungefähr in der Mitte des Konzerts fiel der Strom aus und irgendwoher wurden 500 Kerzen geholt und rund um das Orchester aufgestellt und dann ging es weiter.“

Das Schloss Cecilienhof selbst durfte sie seinerzeit gar nicht betreten. Ihr Büro hatte sie in der Babelsberger Kaiserstraße, der heutigen Karl-Marx-Straße am Griebnitzsee, unweit der Villa, wo Churchill während der Konferenz seinen Wohnsitz genommen hatte. Während der Konferenzunterbrechung vom 25. bis 28. Juli – Churchill war wegen der Wahlen, die er gegen den Labor-Konkurrenten Clement Attlee verlieren sollte, zurück nach England geflogen – versuchte sie ihr Glück im Schloss im Neuen Garten. Aber die sowjetischen Soldaten, die das Schloss sicherten, ließen sie nicht passieren. Am 28. Juli, als Attlee in Potsdam eintraf, flog sie zurück nach London.

Erst im September 2012, 67 Jahre später, holte Margaret Hunter den Schlossbesuch nach. Mit dem Audio-Guide, in dem ihre Stimme zu hören ist, zeigte sie sich zufrieden, berichtet Matthias Simmich. Die 87-Jährige, die übrigens keine Rentnerin ist, sondern noch Ältere in einem Heim betreut, arbeite mittlerweile an einem Bericht über die Tage in Potsdam. Alle Unterlagen hat sie dem Schloss-Kurator gezeigt. Auch die, auf denen der „Top Secret“-Stempel prangte. „Das gilt ja heute nicht mehr“, habe die alte Dame nur vergnügt gesagt.