Potsdam : Wo die Bombe lagerte

Erinnern am historischen Ort: In der Löwenvilla wurde des NS-Widerständlers Kurt Freiherr von Plettenberg gedacht

In diesem Anwesen hatte Hausherr Oberstleutnant Fritz von der Lancken die Aktentasche mit dem Sprengsatz versteckt – jene Bombe, mit der man Hitler töten wollte. Hinter einer Heizkörperverkleidung im Treppenhaus der herrschaftlichen Villa Rohn in der Potsdamer Marienstraße 26 (jetzt Gregor-Mendel-Straße) soll die Tasche deponiert worden sein. In jener Villa – heute als Löwenvilla bekannt – hatten sich zuvor schon mehrfach Verschwörer des 20. Juli 1944 zu geheimen Besprechungen getroffen.

Bereits einige Male war Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Sommer 1944 kurz davor gewesen, Hitler umzubringen: Am 6. und 11. Juli 1944 auf dem Berghof des Diktators bei Berchtesgaden und auch am 15. Juli im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen. Doch Stauffenberg wollte mit der Bombe nicht nur Hitler, sondern zugleich Hermann Göring und Heinrich Himmler töten. Aber dafür bot sich ihm an diesen Tagen nicht die Gelegenheit, weshalb er jeweils davon Abstand nahm.

Am 20. Juli jedoch wollte Wehrmachtsoffizier Stauffenberg das Attentat auf Hitler unter allen Umständen ausführen. Unter anderem von Potsdam aus nahmen die finalen Vorbereitungen ihren Lauf. Stauffenbergs Fahrer holte am 19. Juli 1944 die von Fritz von der Lancken in der Villa Rohn deponierte Aktentasche mit der Bombe ab. Am folgenden Morgen flog Stauffenberg vom Flugplatz Rangsdorf aus mit der Tasche und ihrem explosiven Inhalt nach Ostpreußen. Das Ende ist bekannt: Stauffenberg gelang es zwar, die Bombe in der Wolfsschanze zur Explosion zu bringen. Doch Hitler kam nicht ums Leben, er wurde nur leicht verletzt.

An diesen tragischen Schicksalsmoment deutscher Geschichte erinnerte am diesjährigen Jahrestag des Attentats die Stadt Potsdam an historischem Ort – in der Löwenvilla. In dem prachtvollen Haus waren vor zehn Jahren auch Szenen des Films „Operation Walküre“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle als Stauffenberg gedreht worden. Am Rande der Veranstaltung am vergangenen Donnerstagabend kam auch dieser Dreh zur Sprache.

Doch im Mittelpunkt stand einer der weniger bekannten Widerständler des 20. Juli 1944. Der Politikwissenschaftler Eberhard Schmidt referierte über den Verschwörer Kurt Freiherr von Plettenberg. Der 1891 in Bückeburg im heutigen Niedersachsen geborene Forstmann und Leiter der Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses war in die Attentatsvorbereitungen eingebunden, wenngleich er an der eigentlichen militärischen Ausführungsplanung des Umsturzversuchs nicht beteiligt war, wie Schmidt in seinem Vortrag ausführte.

Von Plettenberg habe sowohl zu militärischen als auch zu zivilen Widerstandskreisen, wie dem Kreisauer Kreis, Kontakt gepflegt, sagte Schmidt auf der Veranstaltung, bei der auch von Plettenbergs Sohn Karl-Wilhelm von Plettenberg sowie Potsdams Sozialbeigeordneter Mike Schubert (SPD) zugegen waren. Als Generalbevollmächtigter des vormaligen preußischen Königshauses hatte Kurt von Plettenberg sein Büro im Potsdamer Schloss Cecilienhof. Im Januar und Februar 1944, so Schmidt, sei es in Potsdam zu Treffen mit Gotthard von Falkenhausen gekommen, in denen die beiden Männer über die Beseitigung Hitlers sprachen. Falkenhausen war von Caesar von Hofacker nach Potsdam zu von Plettenberg geschickt worden. Hofacker, der in dem von den Deutschen besetzten Paris in der Militärverwaltung tätig war, hatte am 20. Juli 1944 im Rahmen der weit verzweigt angelegten Verschwörung versucht, auch in Paris den Umsturz herbeizuführen. Hofacker wurde deshalb später hingerichtet.

Politikwissenschaftler Schmidt berichtete, von Plettenberg habe schon vor dem gescheiterten Attentat auf Hitler selbstständig erwogen, den Diktator zu töten. Doch sei er nicht zuletzt deshalb davor zurückgeschreckt, weil er befürchtete, dass man womöglich im Falle des Scheiterns eines solchen Tyrannenmordes das einstige preußische Königshaus, in dessen Diensten er als Verwalter stand, in Mithaft genommen hätte.

Von Plettenberg wurde nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli zunächst nicht verhaftet, da seine Widerstandstätigkeit im Verborgenen geblieben war. Offenbar infolge einer Denunziation wurde er Anfang März 1945 an seinem Dienstsitz im Schloss Cecilienhof dann doch festgenommen und in das Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht. Durch den späteren Richter am Bundesverfassungsgericht Fabian von Schlabrendorff, der damals ebenfalls in dem Gefängnis einsaß, ist das tragische Ende von Plettenbergs überliefert. Demnach hatte die Gestapo von dem Widerständler verlangt, Namen von Mitverschwörern zu nennen. In der Sorge, bei der ihm angedrohten „verschärften Vernehmung“, also Folter, nicht standhaft bleiben zu können und Namen zu verraten, stürzte sich von Plettenberg am 10. März 1945 aus einem Fenster, nachdem er einem Bewacher einen Kinnhaken verpasst hatte. Begraben wurde von Plettenberg auf dem Bornstedter Friedhof. Sein Grab ist erhalten.

Den in jüngster Zeit erhobenen Vorwürfen eines Bückeburger Unternehmensberaters, von Plettenberg sei nicht dem Widerstand gegen Hitler zuzurechnen, wies Politikwissenschaftler Schmidt auf der Veranstaltung am Donnerstagabend indes klar zurück. Die Behauptungen des Unternehmensberaters seien haltlos.