• Wirtschaftsförderung in Potsdam: Lotsendienst von Gründerinnen besonders gefragt

Wirtschaftsförderung in Potsdam : Lotsendienst von Gründerinnen besonders gefragt

Gründer in Potsdam haben eine Anlaufstelle: Den Lotsendienst. Dort gibt es einen kostenlosen Beratungsservice.

Der Lotsendienst half Jenny Gartemann eim Finanzierungsantrag bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse.
Der Lotsendienst half Jenny Gartemann eim Finanzierungsantrag bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In der Landeshauptstadt gibt es zwar viel Wasser und sogar eine Flotte, aber die Seefahrt hat in der Stadt mangels Meereszugang keine Bedeutung. Dennoch gibt es in der Stadt einen Lotsendienst. Die Spezialisten im Rathaus beraten jedoch keine ortsfremden Kapitäne bei der Ausfahrt aus dem Hafen, damit Schiffe nicht auf gefährliche Untiefen auflaufen. Stattdessen geht es beim Potsdamer Lotsendienst darum, Existenzgründern mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen.

Das klappt meist ganz gut. Jedenfalls ist das die Bilanz des Projekts seit dem Start im Jahr 2015. Darüber informierten am Mittwoch der Leiter der zuständigen Potsdamer Wirtschaftsförderung Stefan Frerichs und Ralf Krüger, der den Lotsendienst leitet. Bisher wurden 177 Teilnehmer betreut, von denen bislang etwa 120 eine Gründung vollzogen haben. Dass nicht alle tatsächlich gründen, sei aber kein schlechtes Zeichen so Krüger. „Manchmal stellt sich heraus, dass die Geschäftsidee nicht so durchdacht ist.“ Da sei es besser, Fehltritte zu vermeiden.

Los geht es meist mit einem sogenannten Development Center. Die Teilnehmer arbeiten dabei über vier Tage an ihrer eigenen Idee und erhalten Feedback und Vorschläge zur Weiterentwicklung ihrer Vorhaben. „Als zweites und wichtigstes Modul folgt die Einzelberatungsphase“, erklärte Krüger. Dabei können die potenziellen Gründer mit 21 professionellen Unternehmensberatern an Inhalten wie Unternehmensstrategie, Businessplan oder Akquise arbeiten.

In früheren Jahren habe der Weg in die Selbstständigkeit oft aus der Arbeitslosigkeit herausgeführt, so Krüger. „Mittlerweile gibt es aber immer mehr Menschen, die aus einem laufenden Job heraus gründen wollen.“ Viele wünschen sich mehr eigenen Spielraum in ihrer Arbeit als sie als Angestellte haben können. Vier von fünf Teilnehmern an dem Projekt sind Frauen. „Wir haben den Eindruck, dass Frauen offener sind für Beratung.“

Irene Wewer.
Irene Wewer.Foto: Marco Zschieck

Eine davon ist Irene Wewer. Die 45-jährige Raumausstatterin hat sich vor zwei Jahren mit ihrem Unternehmen „HammerFrau“ selbstständig gemacht. „Ich habe von den unterschiedlichen Sichtweisen und vom Feedback stark profitiert“, sagt sie. Ihr Angebot besteht hauptsächlich aus handwerklichen Dienstleistungen im Haushalt. „Das geht vom Bilder aufhängen über das Tapezieren bis zum Bau einer Katzentreppe durchs Wohnzimmer“, sagte sie. Zu den Aufträgen in Potsdam ist sie meist auf dem Fahrrad unterwegs. „Da gibt es keine Parkplatzprobleme.“ Ihr Angebot richtet sich in erster Linie an Frauen. Und bisher sei sie sehr zufrieden.

Noch nicht so lange dabei ist Jenny Gartemann. Die 31-Jährige hat Mitte Juni ihr eigenes Einrichtungsgeschäft „Raumspot Home & Interior“ in der Hegelallee eröffnet. „Nach über zehn Jahren im Verkauf war für mich der Punkt gekommen, die Dinge nach meinen eigenen Vorstellungen in die Hand zu nehmen“, sagte sie. Sie hatte Erfahrung als Filialleiterin und hatte nebenbei Betriebswirtschaft studiert. Der Lotsendienst half beim Finanzierungsantrag bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse. „Es läuft gut an.“ Noch ist sie allein, will aber noch in diesem Jahr Personal einstellen.

Fördermitteln der EU und des Brandenburger Arbeitsministeriums

Die aktuelle Förderperiode läuft noch bis Ende 2020. Im Rathaus möchte man das Projekt danach unbedingt fortsetzen. „Die Rahmenbedingungen sind zwar noch unklar“, sagte Frerichs. Er könne sich aber nicht vorstellen, was dagegen spreche. Hintergrund ist, dass der Lotsendienst zwar im Rathaus sitzt, aber komplett aus Fördermitteln des Europäischen Sozialfonds und des Brandenburger Arbeitsministeriums bezahlt wird. Um die Mittel muss sich die Wirtschaftsförderung jeweils für drei Jahre bewerben.

Zwingend sei es zwar nicht, dass die Gründerberatung im Rathaus sitze, aber praktisch, so Frerichs. Denn dort wird ohnehin eine Erstberatung für Gründer angeboten und auch für die Beratung bestehender Unternehmen ist die Wirtschaftsförderung zuständig. „Der Lotsendienst schließt eine Lücke“, sagte Frerichs. Es gebe alles auf demselben Flur.


Hintergrund

Unter dem Dach der Wirtschaftsförderung im Rathaus gibt es den Potsdamer Lotsendienst für Existenzgründer seit dem Jahr 2015. Das Programm richtet sich an Gründungsinteressierte, die sich auf dem Weg in die Selbstständigkeit individuell beraten und coachen lassen möchten. Bisher wurden nach Angaben der Stadtverwaltung 177 Teilnehmer betreut, von denen bislang etwa 120 eine Gründung vollzogen haben. Vier von fünf Gründern sind Frauen. Ungefähr 70 Prozent der Unternehmen gibt es nach fünf Jahren noch. Der Lotsendienst bietet Feedback zur Geschäftsidee und stellt den Gründenden ein Beratungsunternehmen kostenfrei an die Seite. Häufig geht es dabei um die Unternehmensstrategie, den Businessplan oder das Marketing. Pro Teilnehmer stehen durchschnittlich 1900 Euro individuelles Beratungsbudget zur Verfügung. Für die dreijährige Förderperiode bis Ende 2020 stehen rund 580 000 Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Brandenburg bereit. Das Büro des Lotsendienstes befindet sich im Rathaus im Raum 1.100 und ist unter Tel.: (0331) 28 92 889 telefonisch erreichbar. Weitere Informationen finden sich unter www.lotsendienst-potsdam.de.

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