• Warum Pulse of Europe wieder in Potsdam aktiv ist

„Wir werden jetzt gebraucht“ : Warum Pulse of Europe wieder in Potsdam aktiv ist

Zwei Jahre war Pulse of Europe im Ruhemodus, zur Wahl lebt die Potsdamer Gruppe wieder auf. Für den Wahltag haben sie einiges geplant.

Wieder aktiv. Volker Gustedt und Marie-Luise Glahr sind die Organisatoren des Potsdamer Ablegers von Pulse of Europe. 
Wieder aktiv. Volker Gustedt und Marie-Luise Glahr sind die Organisatoren des Potsdamer Ablegers von Pulse of Europe. Foto: Ottmar Winter/PNN

Potsdam - Es war ruhig geworden um die Initiative Pulse of Europe. Doch jetzt, zur Europawahl, will die Bewegung wieder mobilisieren. „Es steht viel auf dem Spiel – und das betrifft uns alle“, sagt Marie-Luise Glahr. Sie ist eine der Organisatorinnen von Pulse of Europe in Potsdam. „Gerade jetzt kommt es darauf an, zur Wahl zu gehen, und zwar nicht nur, um zu protestieren“, sagt Volker Gustedt, auch er einer der Organisatoren.

"Gehen Sie wählen"

Der Brexit habe ja gezeigt, was passiere, wenn eine Abstimmung zur Protestwahl werde, betont Glahr. „Plötzlich saßen so viele in einem Boot, in dem sie eigentlich nicht segeln wollten“, beschreibt sie. „Deshalb sagen wir: Gehen Sie am 26. Mai wählen, egal welche Partei, Hauptsache pro-europäisch!“ Sicher, die EU sei nicht perfekt. Aber daran müsse man konstruktiv arbeiten.

Glahr und Gustedt gehören zu den Gründungsmitgliedern der Pulse of Europe Gruppe in Potsdam. Die Idee kam 2016 von den Frankfurter Rechtsanwälten Sabine und Daniel Röder. Ab Anfang 2017 organisierten sie jeden Sonntag Kundgebungen als Zeichen für Europa, gegen populistische und antieuropäische Kräfte. Schnell verbreitete sich die Initiative, in zahlreichen Städten in Deutschland und Europa gründeten sich lokale Initiativen, die ebenfalls Kundgebungen organisierten. Die Idee dahinter: Gerade in Zeiten der Brexitabstimmung, der Wahl von Donald Trump und der Wahlen in Frankreich und den Niederlanden sei es wichtig, ein Zeichen gegen nationale Kräfte zu setzen. Die Bilder waren eindrucksvoll, teils ganze Plätze voller Menschen mit den blauen Europafahnen mit gelben Sternen, die die Europahymne sangen.

Die Organisatoren wollen den Raum nicht den "Schreihälsen" überlassen

Glahr und Gustedt, die sich vorher nicht kannten, nahmen damals beinahe zeitgleich Kontakt zum Ehepaar Röder in Frankfurt auf, um auch in Potsdam eine Gruppe zu gründen. So kamen sie zusammen. „Wir hatten das Bedürfnis, aus der bürgerlichen Mitte heraus zu handeln, den Schreihälsen nicht den Raum zu überlassen“, erklärt Gustedt. Der 55-Jährige arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Er erinnert sich noch, wie er als Jugendlicher nach Italien reiste, um dort zu jobben. In Zeiten, als das noch nicht so einfach war. „Jeden Monat musste ich mir eine Arbeitserlaubnis holen, irgendwann ging auch das nicht mehr und ich war illegal“, erzählt er. Heute, durch die Arbeiterfreizügigkeit in der EU, ist so etwas viel leichter möglich. Jeder EU-Bürger darf in jedem Land der Union arbeiten.

Marie-Luise Glahr, die als Vorsitzende der Potsdamer Bürgerstiftung auch Projekte wie die Kaffeebecher Potspresso mitorganisiert, ist eigentlich Anwältin. Sie pausiert seit einiger Zeit, um sich um ihren jüngsten Sohn zu kümmern und sich zu engagieren. „Die einheitliche europäische Rechtssicherheit ist ein großartiger Fortschritt“, sagt sie. Auch habe die Region sehr von EU-Förderung profitiert. Sie selbst hat einige Zeit in Paris gelebt, auch etwas Polnisch gelernt. Ihre beiden Töchter sind gerade für einen Auslandsaufenthalt in England.

Die Europawahl sehen sie als Knackpunkt

Glahr und Gustedt organisierten mit einigen Mitstreitern Kundgebungen am Brandenburger Tor, einige hundert Menschen kamen zu den Hochzeiten der Bewegung. Auch prominente Unterstützer konnte das Team gewinnen: Regisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff, der unter anderem aus dem Tatort bekannte Schauspieler Jörg Hartmann oder der Chefökonom des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer.

2017 zur Bundestagswahl fand die letzte Kundgebung in Potsdam statt. „Wir wollten auf keinen Fall zum Dauerhintergrundrauschen werden“, macht Glahr deutlich. „Deshalb sind wir in den Ruhemodus gegangen.“ Bis jetzt. „Die Europawahl ist ein Knackpunkt, eine Wende, jetzt werden die Weichen gestellt für die Zukunft Europas. Wir werden jetzt gebraucht“, sagt die 47-Jährige.

Seit zwei Wochen wieder aktiv

Anfang Mai ließ Pulse of Europe seine Aktionen wieder aufleben. Die zehn- bis zwölfköpfige Truppe im Hintergrund steht noch, hat zur Wahl Postkarten gedruckt, Flyer und Türanhänger, Pins und Armbänder machen lassen. „Freiheit wächst nicht auf Bäumen“, ist dort zu lesen, oder „Frieden ist kein Naturgesetz“. Zwei Kundgebungen am Brandenburger Tor, eine davon mit Fahrradcorso, haben bereits stattgefunden. Geplant ist noch eine große Aktion an der Glienicker Brücke (siehe unten) und eine Wahlparty.

Am 5. Mai kamen 300 Potsdamer zur Kundgebung am Brandenburger Tor.
Am 5. Mai kamen 300 Potsdamer zur Kundgebung am Brandenburger Tor.Foto: Manfred Thomas

In der Debatte, ob Pulse of Europe eine eigene Partei gründen sollte, haben Glahr und Gustedt eine klare Position: „Bloß nicht“, sagen beide. „Sonst verlieren wir uns im Detail und dabei auch unsere Strahlkraft“, sagt Glahr. In der Gruppe seien alle Altersgruppen, die unterschiedlichsten Parteizugehörigkeiten vertreten. Was sie eint, ist das Bekenntnis zu Europa, zu den Verdiensten der EU für jeden Einzelnen. Glahr zeigt auf eine Kiste mit Flyern, blau mit gelben Sternen: „Wir wollen Flagge zeigen.“

Hintergrund: Europa-Chor an der Glienicker Brücke

Am Sonntag organisiert Pulse of Europe einen Europa-Chor an der Glienicker Brücke – als Symbol für die Einheit Europas. Um 14 Uhr treffen sich verschiedene Chöre und Musiker mit Instrumenten mit Europa-Anhängern auf der Potsdamer Seite der Brücke – zu der Veranstaltung eingeladen sind alle Chöre, Chormitglieder und Menschen, die gerne singen oder Instrumente spielen. Kanuten, Segler und Ruderer sind aufgerufen, auf dem Wasser teilzunehmen. Es sprechen die Potsdamer Schriftstellerin Julia Schoch („Schöne Seelen und Komplizen“) und der Präsident der Universität Potsdam, Oliver Günther. Zum Abschluss soll in der Mitte der Brücke eine große Europafahne entrollt werden. Dazu stimmen alle gemeinsam die „Ode an die Freude“ an. Gesungen wird auch John Lennons „Imagine“ und „eine brandneue Europahymne“ nach der Melodie von „Friends will be friends“ von Queen, wie es in der Ankündigung heißt. Am Tag der Wahl, dem 26. Mai, organisiert Pulse of Europe dann um 18 Uhr eine Wahlparty im Kunsthaus Sans titre in der Französischen Straße 18. Für die Party anmelden kann man sich unter www.sans-titre.de.