• Wintervögel in Potsdam: Nicht nur Weißstörche sind bedroht

Wintervögel in Potsdam : Nicht nur Weißstörche sind bedroht

Wer macht "pinke-pinke"? Wen erkennt man an "digdigdig"? Zur „Stunde der Wintervögel“ geht es mit NABU-Ornithologe Manfred Pohl durch die Potsdamer Nuthewiesen.

Der Potsdamer Ornithologe Manfred Pohl vom Naturschutzbund Brandenburg beobachtet die Lage vor Ort.
Der Potsdamer Ornithologe Manfred Pohl vom Naturschutzbund Brandenburg beobachtet die Lage vor Ort.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - "Hinhören und hinsehen", sagt Manfred Pohl. Beim Gang über matschige Feldwege zu früher Stunde sei das in diesem Winter das wichtigste. Denn es zwitschern und rufen Grünfink und Erlenzeisig, im Hintergrund gurrt ein Teichhuhn. Daneben schwimmen Stockenten und schwirrt in einigen Metern Entfernung sogar ein seltener Eisvogel. Ein Flügelschlag im Baum darüber, schnell das Fernglas gezückt: Zaunkönige.

Foto: Andreas Klaer

Beim Spaziergang mit dem Potsdamer Ornithologen Pohl durch die Nuthewiesen in der Nähe des Kirchsteigsfelds merkt man: Spannend ist die heimische Vogelwelt. Die „Stunde der Wintervögel“, eine bundesweite Aktion des Naturschutzbundes (NABU), lädt dazu ein, sie mit geweiteten Sinnen kennenzulernen. Bereits zum zehnten Mal hat am vergangenen Samstag der NABU Brandenburg dazu eingeladen, sich für eine Stunde in die Natur zu begeben und dort aufzuschreiben, welchen Vogelarten man begegnet.

"Pinkepinke" macht die Kohlmeise

Manfred Pohl aus dem Nuthetal ist darin ein Experte. Schon als Kind wurde er von einem Nachbarn mit den verschiedenen Vogelarten vertraut gemacht. Heute ist Pohl Leiter der Fachgruppe Ornithologie im NABU Brandenburg und ferner mit der Beobachtung und dem Schutz des gefährdeten Weißstorchs beauftragt. Die Fachgruppe sei seit seinem Beitritt im Jahr 2000 immer größer geworden, sagt er – inzwischen hat sie fast 60 Mitglieder.

Foto: Andreas Klaer

Viele Anekdoten kann der 66-Jährige erzählen. Gleich zu Beginn der Ornithologen-Laufbahn habe ihn ein eingefangener Kernbeißer in den kleinen Finger gebissen – bis dahin kannte er die Vogelart noch gar nicht. „Das habe ich mir dann natürlich gemerkt“, erzählt er. Heute weiß er die einzelnen Arten nach Ruf und Aussehen genauestens zu unterscheiden: „Pinkepinke“ macht die Kohlmeise, „Glie“ der Grünfink und „Digdigdig“ die Dohle. Die in den letzten Jahren immer größer gewordene Kolkrabenpopulation kräht – man erkenne die Vögel aber auch am signifikanten Verlobungsflug und am keilförmigen Schwanz. Genauso wie man das junge Amselmännchen am pechschwarzen Gefieder und dem noch nicht ganz gelb gefärbten Schnabel erkenne.

Die Trockenheit setzt den Weißstörchen zu

Dabei habe jede Vogelart einen eigenen Charakter. So sei der Weißstorch, dem er in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit schenkte, sehr eifersüchtig. „Wenn ein Storchenmännchen sein Weibchen vom letzten Jahr nicht mehr findet“, habe er beobachtet, „sucht es sich einfach ein neues, um mit ihm ein Nest zu bauen und Eier zu legen.“ Komme dann die erste Storchendame aus dem Süden zurück, zerstöre sie das Nest, werfe die Eier heraus und bedrohe das andere Weibchen mit dem Schnabel.

Foto: Andreas Klaer

Störche seien eine von vielen Seiten bedrohte Tierart, meint Pohl. Im Libanon gelte es als Jagderfolg, wenn man eines der Tiere abschieße. In Deutschland sorge der Klimawandel dafür, dass sie keine Nahrung mehr finden: Wegen der Trockenheit nutze man viele Wiesen nicht mehr als Weideland, das viel zu hohe Gras werde nicht mehr von Rindern abgefressen – so finden Vögel Insekten schlechter. Durch Pestizide und Herbizide wie Glyphosat würden gleichzeitig Ackerpflanzen und Insekten sterben, die früher ihre Eier darauf ablegten. Und ohne Regen kämen auch viele Regenwürmer nicht mehr an die Oberfläche.

Die Jungen verhungern dann – und zwar nicht nur die der Störche, meint Pohl: „Die gesamte Vogelpopulation ist in den letzten Jahren eingebrochen.“ Auch im eigenen Nistkasten vor dem Haus habe er zuletzt lediglich ein paar Sperlinge gesehen. Stattdessen raubten nun immer mehr Waschbären die Vogelnester aus und kletterten sogar bis in die Nistkästen. Pohl ist deshalb gespannt auf die Veröffentlichung der roten Liste gefährdeter Tierarten in den kommenden Wochen, auf der wohl deutlich mehr Vogelarten als noch 2011 zu sehen sein werden.

25 Vogelarten in den Nuthewiesen

Wenn die Bewohner des Kirchsteigfeldes eine Veränderung oder eine neue Vogelart bemerken, rufen sie ihn an, sagt Pohl. Auch sein Ornithologen-Team beim NABU zieht regelmäßig für Zählungen durch Potsdam. Zuletzt suchten sie nach der Feldlerche, dem Vogel des Jahres 2019. Um den Vögeln mehr Raum zum Nisten zu verschaffen, sprechen sie im Rahmen der Aktion „Lebensraum Kirchturm“ auch Pastoren an. Im Turm der Oberlinkirche konnte so im vergangenen Jahr ein Turmfalkenpaar fünf Junge heranziehen. Außerdem hat Manfred Pohl gemeinsam mit dem NABU Unterschriften für den Appell „Artenvielfalt retten in Brandenburg“ gesammelt, der am Montag an die Landesregierung übergeben werden soll. Mehr als 68.000 Menschen haben ihn unterschrieben, weit mehr als für eine Volksinitiative notwendig sind.

Die Stunde der Wintervögel – laut NABU-Website ist das „Forschung, bei der jeder mitmachen kann“. Beim Spaziergang durch die Nuthewiesen kommen zum Schluss immerhin 25 verschiedene Vogelarten zusammen, darunter auch einige Zugvögel aus Nord- und Osteuropa. Auf der Internetseite ornitho.de könne man anschließend eintragen, welche Arten man wo gesehen habe und in der Deutschlandkarte sogar den Vogelzug nachvollziehen, sagt Manfred Pohl. Damit der noch lange so bleibt, hofft der Ornithologe auf eine andere Umwelt- und Agrarpolitik.

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