• Willkommensfest für Flüchtlinge in Potsdam: „Wir brauchen andere Bilder“

Willkommensfest für Flüchtlinge in Potsdam : „Wir brauchen andere Bilder“

Eine Potsdamer Initiative lädt zu einem Willkommensfest für Flüchtlinge am 22. Mai. Das Fest soll aber nur der erste Schritt sein. Die Organisatoren haben noch weitere Pläne, von denen Flüchtlinge und auch Unternehmen profitieren sollen.

Potsdam - Am Anfang sollte es nur ein Fest im kleinen Hinterhof für die Neuangekommenen werden: Seit Ende vergangenen Jahres leben rund 60 Flüchtlinge im Containerdorf an der Alten Feuerwache. „Wir wollten einfach etwas tun als Nachbarn“, erzählt Matthias Gehrmann, Geschäftsführer der Internet-Firma CCDM, die in der Werner-Seelenbinder-Straße sitzt. Bei den ersten Gesprächen mit dem Träger der Flüchtlingsunterkunft, dem Internationalen Bund, und möglichen Helfern aus der Nachbarschaft wurde schnell klar, dass das Interesse und die Unterstützung größer waren als der kleine Innenhof. „Aus dem kleinen Hoffest ist eine große Sache gewachsen“, sagt der Unternehmer.

Seit März plant er nun mit dem Verein Soziale Stadt unter dem Motto „Potsdam hilft“ Potsdams erstes bürgerschaftlich organisiertes Willkommensfest für Flüchtlinge im Kutschstall. Dutzende Institutionen, Vereine und Privatpersonen habe dafür schon ihre Hilfe zugesagt. Die Schirmherrschaft haben Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), der frühere Regierungssprecher und Diplomat Uwe-Karsten Heye und Beate Fernengel, die Präsidentin der IHK, übernommen.

Eingeladen sind alle Potsdamer

Am Nachmittag des 22. Mai soll das Fest stattfinden, eingeladen sind alle Potsdamer – die, die schon lange hier leben und die, die in den vergangenen Monaten vor Kriegen und Katastrophen in ihrer Heimat geflohen sind und an die Havel kamen. „Wir wollen den Begriff Flüchtlinge vermeiden“, sagt Gehrmann. Er rechnet mit etwa 500 Gästen.

 

Info: Das Willkommensfest wird von 14 bis 19 Uhr gefeiert. Ort: Gelände des Kutschstallhofes am Neuen Markt. Hier geht es zum Programm >>

 

Wie kommt der Chef einer Computerfirma, die Internetseiten gestaltet und betreut, zu einem solchen Engagement? Gehrmann, 44 Jahre alt, Familienvater mit Wohnsitz in Bergholz-Rehbrücke, überlegt kurz. „Ich bin ein politischer Mensch“, sagt er. Und erzählt von dem Unbehagen, das ihn überkommt, wenn er täglich neue Bilder sieht von Menschen, die im Mittelmeer auf der Flucht sterben – und gleichzeitig in Deutschland Pegida demonstriert. „Ich persönlich fand das zunehmend unerträglich“, sagt Gehrmann. So sei der Wunsch entstanden. „Wir brauchen aus Potsdam andere Bilder.“

Kein Verständnis für Vorurteile

Die Flüchtlinge sollen sich willkommen fühlen, erklärt Gehrmann. Für Vorurteile hat er kein Verständnis: „Niemand verlässt aus Jux und Dallerei seine Heimat, lässt seine Familie zurück und macht sich auf den Weg in die Fremde.“ Diese Menschen sähen in Deutschland nicht, wie oft dargestellt, ein Schlaraffenland. Aus Gesprächen mit Bewohnern vom Containerdorf weiß er, dass sie sich gern einbringen würden – und dafür ausgebildet sind: „Das sind Kinderärzte, Architekten, Handwerker, Selbstständige.“ Deshalb soll das Flüchtlingsfest nur der erste Schritt sein.

Gehrmann plant eine Art Patenschaftsprogramm: Unternehmer in der Region sollen als „Erfolgspaten“ den Flüchtlingen mit Praktika, Weiterbildung oder Jobs den Einstieg in die Arbeitswelt ermöglichen. Denn obwohl die Flüchtlinge oft hochqualifiziert seien, hätten sie trotz Fachkräftemangel kaum Zugang zum Arbeitsmarkt, beklagt Gehrmann. Die Schuld sieht er teils bei Wirtschaftsverbänden, die sich nicht entschieden genug für eine bessere Integration einsetzten, aber auch bei Behörden, die den Flüchtlingen die Aufnahme einer Arbeit schwer machten. Gerade die Flüchtlinge aus Syrien bekämen in der Regel aber sehr schnell eine Arbeitserlaubnis.

Unternehmen könnten profitieren - doppelt

Auch hier will Gehrmann einen Anstoß geben. Ihm schwebt ein Internetportal vor, über das Unternehmen und ausländische Fachkräfte zusammengebracht werden. Wenn man Flüchtlinge auch als Fachkräfte ernst nehme, würde das nicht nur ein Stück weit mehr Willkommenskultur bedeuten. Die Unternehmen könnten doppelt profitierten, erklärt Gehrmann: Sie könnten dringend benötigte Fachkräfte finden und gleichzeitig Kontakte in andere Länder knüpfen. Erste Erfolgspaten gebe es bereits: So habe ein Kinderarzt aus Syrien Arbeit und eine Wohnung gefunden. Bei dem Willkommensfest am 22. Mai haben Unternehmen die Chance, bei einem „Markt der Möglichkeiten“ mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen.

Aber es soll auch einfach gefeiert werden – und dafür hat Gehrmann Hilfe und Unterstützung von vielen Institutionen und Privatpersonen gefunden: Auf der Bühne wird es unter anderem brasilianischen oder vietnamesischen Tanz geben, Flamenco, chinesische Tanzkunst oder Musik vom Chor der Jüdischen Gemeinde Potsdam. Für die Kinder gibt es Straßenfußball, eine Hüpfburg, Malkurse oder Kinderschminken, außerdem können Freundschaftsbänder und Daumenkinos gebastelt werden. Kulinarisch ist eine Mischung angesagt: Flüchtlinge und Potsdamer bringen Selbstgebackenes nach Familienrezepten mit, auch Kaffee, Tee und alkoholfreie Getränke werden ausgeschenkt.

Gehrmann versteht die Initiative als Anreiz zur Vernetzung. Bei der Vorbereitung für das Fest habe man erfahren, wie viele Einzelinitiativen für und mit Flüchtlingen es in Potsdam bereits gebe. Ehrenamtliche Hilfe, Sach- oder Geldspenden seien immer noch gern gesehen. Über den Verein Soziale Stadt wurde mittlerweile ein Spendenkonto eingerichtet. Sollte mehr Geld gespendet werden als für die Organisation des Festes nötig, hat Gehrmann auch schon eine Idee: „Das Restgeld wollen wir Harald Höppner und seinem Flüchtlingsschiff zugute kommen lassen.“ Der Brandenburger Höppner hat angesichts der tödlichen Katastrophen im Mittelmeer einen privaten Kutter umgebaut und will Flüchtlingen vor Ort helfen (PNN berichteten).

 

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