• Wie spricht man mit Kindern über den Krieg?: Bloß kein TikTok

Wie spricht man mit Kindern über den Krieg? : Bloß kein TikTok

Warum man schon mit kleineren Kindern über den Krieg in der Ukraine reden soll - Lehrer Roman Labunski klärte bei einem Workshop auf.

Der russische Angriff auf die Ukraine begann vor rund vier Wochen.
Der russische Angriff auf die Ukraine begann vor rund vier Wochen.Foto: dpa

Potsdam - In der Ukraine fallen Bomben, bei den Angriffen der russischen Armee sterben Zivilisten und Kinder, mehr als zehn Millionen Menschen sind laut UN-Flüchtlingshilfswerk auf der Flucht – seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist die Welt eine andere. Wie spricht man mit Kindern und Jugendlichen darüber, was passiert?

Bereits kleinere Kinder, im Grundschulalter und darunter, bekommen vom Krieg etwas mit, deshalb sei es wichtig, mit ihnen darüber zu reden. Das erklärte Roman Labunski, Lehrer und Teamer in der Politischen Bildung, bei einem Online-Workshop der Arbeiterwohlfahrt Potsdam (AWO) mit mehr als 60 Teilnehmenden, darunter viele aus der Jugendarbeit. Der 37-jährige Berliner stammt selbst aus der Ukraine, seine Familie verließ das Land, als er fünf Jahre alt war. Er engagiert sich in der ukrainischen Demokratiebewegung und ist Doktorand im Bereich Internationale Beziehungen.

Erster große Eroberungskrieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg

Beim Krieg gegen die Ukraine handele es sich „um einen klassischen Krieg, in dem Land A das Land B angreift mit dem Ziel, dieses Land zu erobern“, so Labunski: „Das kann man auch kleineren Kindern in dieser Form beibringen, sie können das nachvollziehen.“ Das unterscheide diesen Krieg von bewaffneten Konflikten vergangener Jahrzehnte – etwa in Syrien –, in denen ein Überblick selbst für Erwachsene schwierig sei.

Roman Labunski, Lehrer und Teamer in der Politischen Bildung.
Roman Labunski, Lehrer und Teamer in der Politischen Bildung.Foto: PRIVAT

Mit älteren Kindern und Jugendlichen könnten die Geschehnisse in einen historischen Kontext gestellt werden, so der Pädagoge: „In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, warum dieser Krieg uns alle betrifft.“ Es handele sich um den ersten großen Eroberungskrieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – das zerstöre die nach 1945 aufgebaute europäische Friedensordnung. Er sei sich nicht sicher, ob die ganze Bedeutung dieser „Zeitenwende“ in der Öffentlichkeit schon angekommen ist.

Auch über Social Media und sichere Nachrichtenquellen sprechen

Es sei auch wichtig, über Social Media und sichere Nachrichtenquellen zu sprechen, betonte der Pädagoge. Er könne nur davor warnen, sich über die beliebte Kurzvideo-Plattform TikTok zum Krieg zu informieren: „Finger weg von TikTok!“ Labunski verweist auf altersgerechte Informationsangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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Dass der Krieg Fragen aufwirft, die nicht einfach beantwortet werden können, wurde ebenfalls deutlich. Awo-Vorstandschefin Angela Schweers verwies auf ein Dilemma bei der Arbeit mit Geflüchteten. Soll man Projekte als vorübergehend oder ausgelegt auf einen längerfristigen Aufenthalt organisieren – und begräbt man mit Letzterem nicht die Hoffnungen der Geflüchteten auf ein baldiges Kriegsende? 

„Überlagerung von existenziellen Themen“

Labunski warb dafür, langfristige Strukturen zu schaffen. Unterrichts- und Freizeitangebote, auch die Möglichkeit zur Arbeit, seien wichtig, weil die Menschen sich sonst nutzlos fühlten. „Wie lange das Ganze dauern wird, wissen wir alle nicht.“ Wenn man Angebote früher herunterschrauben könne, sei das großartig. Aber: „Je länger der Krieg dauert, um so mehr Leute verlieren auch ihr Zuhause. Bei nicht wenigen ist das eine Situation, die auf Dauer angelegt sein wird.“

Der Tanzpädagoge Robert Segner wies darauf hin, dass Jugendliche durch die Klimakrise, Corona und nun den Krieg mit einer „Überlagerung von existenziellen Themen“ konfrontiert sind. Das könne die Persönlichkeitsentwicklung bremsen. Über den Krieg reden allein werde dem nicht gerecht: „Wie können wir das wieder in eine positivere gestalterische Kraft wenden?“, fragte er. Labunski schlug vor, Hoffnung zu vermitteln. 

Aus jeder Katastrophe könne Gutes erwachsen. So sei nach dem Zweiten Weltkrieg eine Friedensordnung auf Basis der Menschenrechte aufgebaut worden. Durch den Krieg gegen die Ukraine könne der überfällige Abschied von fossilen Energieträgern angegangen werden. „Möglichkeiten, die uns vorher als nicht durchführbar erschienen, sind es aufgrund dieser Ausnahmesituation auf einmal.“

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