• Wie Corona Potsdams Büros verändert: Das Ende des Open Space

Wie Corona Potsdams Büros verändert : Das Ende des Open Space

Die Wirtschaft leidet unter Corona - doch bislang bleibt die Nachfrage nach Büro- und Gewerbeflächen davon ausgenommen. Allerdings haben sich bereits jetzt die Anforderungen gewandelt. 

Sandra Calvez
Die Corona-Pandemie verändert den Alltag im Büro.
Die Corona-Pandemie verändert den Alltag im Büro.Foto: Michel Euler/dpa

Potsdam - Auch wenn die Corona-Pandemie die Wirtschaft deutlich in Mitleidenschaft zieht, hat dies bislang nur wenig Auswirkungen auf die Nachfrage nach Büro- und Gewerbeflächen in Potsdam. "Die Nachfrage hat im April und Mai nachgelassen, dann aber rasch wieder angezogen. Zwar zögern manche Firmen noch, jetzt eine Fläche zu kaufen, aber die meisten verschieben ihre Entscheidung lediglich auf etwas später", sagt Marco Gaffrey von Georg Consulting Immobilienwirtschaft. Die Beratungsfirma hat im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam das "Factbook Wirtschaft und Gewerbeflächen" erstellt und am Dienstag vorgestellt. 

Nur zwei Firmen haben coronabedingt gekündigt

Das deckt sich mit den Schilderungen vieler Anbieter von Büro- und Gewerbeflächen in Potsdam. "Wir hatten zu Jahresbeginn extrem viele Anfragen, das ist durch Corona etwas wenig geworden", beschreibt Evelyn Paschke, Prokuristin der Technologie- und Gewerbezentren Potsdam GmbH. Das städtische Unternehmen betreibt fünf Gewerbe- und Büroimmobilien in der Stadt mit einer Gesamtfläche von rund 18.600 Quadratmetern, darunter das Go:In, das Potsdamer Centrum für Technologie (PCT) und den Handwerker- und Gewerbehof in Babelsberg. Doch lediglich zwei Firmen hätten coronabedingt gekündigt, ein größeres Unternehmen habe seine Fläche verkleinert, weil ein Teil der Belegschaft aus dem Homeoffice arbeitet. "Aber die Häuser sind voll und wir gehen davon aus, dass das auch so bleibt", so Paschke. 

„Lediglich im April und Mai kam es temporär zu einer verringerten Nachfrage. Ab Anfang Juni haben sich die Zahlen zügig erholt und die Nachfrage liegt wieder auf Normalniveau", heißt es auch von Jens Müller, Vorstand der Project Real Estate AG. Die Firma baut und vermarktet derzeit einen Bürokomplex in der Babelsberger Straße und einen im Science Park in Golm. 

Stefan Frerichs, Chef der Wirtschaftsförderung.
Stefan Frerichs, Chef der Wirtschaftsförderung.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Der Chef der Potsdamer Wirtschaftsförderung, Stefan Frerichs, schätzt die Lage ähnlich ein. "Wir beobachten bei den Büro- und Gewerbeflächen bislang keine negativen Auswirkungen, die Nachfrage ist konstant." Allerdings könnten Umsatzeinbrüche die Unternehmen auch erst in den kommenden Monaten an ihre Grenzen bringen. Trotzdem ist er überzeugt davon, dass der Bedarf an Gewerbeflächen in der Stadt ungebrochen hoch bleiben wird.

Allerdings rechnet Frerichs damit, dass sich der Ort des Arbeitens auch langfristig verändern wird - hin zu mehr Homeoffice. "Dadurch werden manche Firmen darüber nachdenken, ihre Flächen zu verkleinern." Er sieht zwei gegensätzliche Trends, die den Bürobereich verändern könnten: Zum einen coronabedingt mehr Einzelbüros, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten. Zum anderen eine Tendenz zu mehr "kreativen, lockeren und freiräumigeren Arbeitswelten", wie er es ausdrückt. "Das klassische Büro braucht es immer weniger", sagt Frerichs. 

Zweierbüros erleben eine Renaissance

Diesen Wandel beobachtet auch Ingo Weiss bei seinen Kunden. Weiss ist Geschäftsführer von Driven Investment, die derzeit den Think Campus am Konrad-Zuse-Ring entwickelt (PNN berichteten). "Open Space ist ein Thema von gestern", glaubt Weiss. Vorbei die Zeit, in der man möglichst viele Arbeitsplätze auf möglichst engen Raum presste. Im Gegenzug erlebten Zweierbüros eine Renaissance. Vor allem aber habe die Erfahrung im Homeoffice auch gezeigt, dass der Mehrwert des realen Büros im direkten Austausch mit Kollegen oder Kunden liegt. "Das Büro wird zur Begegnungsstätte", beschreibt Weiss. 

Von den Erfahrungen vieler Arbeitnehmer in der Heimarbeit profitieren auch Potsdams Coworking-Spaces. Anders als man vermuten könnte, haben viele Nutzer keineswegs dauerhaft an den heimischen Schreibtisch gewechselt - im Gegenteil. "Manche Firmen bezahlen ihren Arbeitnehmern einen Arbeitsplatz bei uns, wenn diese nicht im Homeoffice arbeiten wollen", sagt Katja Belyaevskaya vom Unicorn Workspace am Neuen Markt. "Denn hier ist es bequemer, es herrscht Arbeitsatmosphäre, aber die Firma braucht keine große, eigene Fläche." 

"Schnauze voll davon, nur mit der Blume zu reden"

Das hat auch Matthias Noack in seinen beiden Potsdamer Coworking-Spaces Mietwerk beobachtet. "Manche haben die Schnauze voll davon, nur mit der Blume zu reden und auf einem unbequemen Stuhl zu sitzen." Das gelte für Selbstständige, aber auch für Arbeitnehmer größerer Unternehmen. "Einige ergreifen selbst die Initiative, bei anderen bieten die Firmen das an, um die Mitarbeiter zu binden", so Noack. Drei Monate lang sei es ruhig gewesen im Mietwerk, aber gekündigt habe nur ein einziger Nutzer. Jetzt brummt der Laden wieder: Alle Büroflächen sind vermietet.

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