• Wider den Abrissbagger: Argus-Archiv an Gedenkstätte Lindenstraße übergeben

Wider den Abrissbagger : Argus-Archiv an Gedenkstätte Lindenstraße übergeben

Redemanuskripte, Gesprächsprotokolle und Dias: Rund 20 Regalmeter umfasst das Archiv des Potsdamer Vereins Argus. Es soll in der Gedenkstätte Lindenstraße der Grundstein für ein Bürgerarchiv sein.

Saskia Hüneke (r.) von der Umweltgruppe Argus mit Amelie zu Eulenburg von der Gedenkstätte Lindenstraße.
Saskia Hüneke (r.) von der Umweltgruppe Argus mit Amelie zu Eulenburg von der Gedenkstätte Lindenstraße.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Sie hatten verloren. Alle Proteste halfen nichts. Am Ende mussten die Mitglieder der Potsdamer Gruppe Argus im Sommer 1989 zur Kenntnis nehmen, dass eine ganze Häuserzeile mitten in Potsdams barocker Innenstadt dem Abrissbagger zum Opfer gefallen war. Die jahrhundertealten Bauten in der Dortustraße 66 bis 73, darunter das Haus Nummer 68, in dem Theodor Storm für wenige Jahre gelebt hatte, wurden dem Erdboden gleich gemacht. Wie es hernach für einige Zeit dort aussah, dokumentiert ein Foto: Ein kahles Areal, daneben stehen erhalten gebliebene Altbauten, am Straßenrand sind im Bild Autos der Marke Trabant zu sehen.

Die Erhaltung der Innenstadt und Ökologie waren die Themen von Argus

Wer mehr aus dieser historisch ungemein spannenden Zeit Ende der 1980er Jahre in Potsdam erfahren will, kann künftig in der Gedenkstätte Lindenstraße in den Archivalien des Bürgervereins Argus dazu recherchieren. Denn die im Frühjahr 1988 unter dem Dach des DDR-Kulturbundes gegründete und noch immer aktive bürgerschaftliche Initiative Argus, die sich mit Themen der Stadterhaltung und der Ökologie auseinandersetzt, hat jetzt ihr Archiv an die Gedenkstätte Lindenstraße übergeben. 

Dort informierten Argus-Vorstandsmitglied Saskia Hüneke und Gedenkstättenmitarbeiterin Amélie zu Eulenburg am gestrigen Montag über die Neuerwerbung der Stiftung. Die Fülle der historischen Dokumente konnte bei dem Termin mit Pressevertretern allerdings nicht in Augenschein genommen werden. Das derzeit quälend omnipräsente Virus ließ nur eine Veranstaltung in der Tordurchfahrt und im Hof der Gedenkstätte zu. Das Archiv selbst sei zu verwinkelt und zu eng, als dass man es im Augenblick mit einer Gruppe ohne Gesundheitsgefahr besuchen könnte, hieß es.

Ungefähr 20 Regalmeter soll das Argus-Archiv umfassen. Es sei „der Grundstein für ein geplantes Bürgerarchiv“, sagte Eulenburg. Gesucht werden hierfür noch weitere Dokumente mit Bezug zu Potsdam und die Friedliche Revolution, um so ein umfassendes Archiv aufbauen zu können. Hüneke rief dazu auf, dass Menschen, die historisch Interessantes aus dieser Zeit zu Hause haben, dies dem Archiv anvertrauen mögen. Fotos, Plakate, Mitschriften – alles kann für die Nachwelt von Wert sein. „Ich weiß, dass jeder eng damit verbunden ist“, sagte die Argus-Aktivistin und Kunsthistorikerin. Man trenne sich eben nicht so leicht von solchen Erinnerungsstücken.

Das Archiv umfasst Redemanuskripte, Dias und Protokolle

Bei den jetzt von Argus an die Gedenkstättenstiftung übergebenen Unterlagen handelt es sich laut Hüneke unter anderem um Redemanuskripte, Gesprächsprotokolle und Dias. Eine der damaligen Aufnahmen, die sich in dem Archiv befinden, präsentierten Hüneke und Eulenburg am gestrigen Montag. Das Foto zeigt eine typische DDR-Mülltonne aus Blech, in deren Innern ein Feuer lodert. Rauch steigt empor. Zu DDR-Zeiten war dies ein durchaus gewohntes Bild, denn bei den zahlreichen Ofenheizungen, die es damals gab, kam es immer wieder vor, dass glühende Asche zu Bränden in den Mülltonnen führte.

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Das Archiv von Argus, das der Verein der Gedenkstättenstiftung nun geschenkt hat, war zuvor im Haus der Natur im Hof der Waisenhausstiftung beheimatet. Ungefähr ab dem Jahre 2008 sei das Archiv aufgebaut worden, sagte Hüneke. Es gebe bereits eine Datenbank – allerdings bislang nicht online recherchierbar. Neben den Dokumenten aus der Zeit vom Ende der DDR und den ersten wilden Jahren danach enthalte der Archivbestand auch Unterlagen aus neuerer Zeit, sagte Hüneke.

Auch wenn Argus in der Stadtgesellschaft sicherlich nicht mehr so präsent ist wie früher, so arbeitet der Verein dennoch weiter, wie Hüneke berichtete. Aktuell habe man gerade die Volksinitiative „Verkehrswende Brandenburg jetzt“ unterstützt.

Am 1. November 1989 beschlossen die Stadtverordneten einen Abrissstopp für die Innenstadt

Als sich Argus 1988 gründete, war die Potsdamer Innenstadt stark verfallen. Die Mitglieder von Argus wendeten sich gegen die Abrisspolitik. Auch ökologische Themen, wie beispielsweise die Luftverschmutzung, waren Inhalte, derer sich Argus als „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgesellschaft“ annahm. Der spätere Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck war am Anfang ebenso dabei, wie Saskia Hüneke – oder auch Albrecht Gülzow, der sich nach der Friedlichen Revolution auch beruflich um die Wiederherstellung der historischen Bausubstanz kümmern konnte. Platzeck sei heute nicht mehr bei Argus aktiv, sagt Hüneke.

Auch wenn im Sommer 1989 der Abriss in der Dortustraße nicht verhindert werden konnte, so trug die Arbeit all jener Menschen, die sich gegen die Vernichtung historischer Häuser in Potsdam wendeten, wenig später dennoch Früchte. Am 1. November 1989, also gut eine Woche bevor die Mauer fiel, beschlossen die – damals noch nicht frei gewählten – Potsdamer Stadtverordneten einen Abrissstopp für die Innenstadt. Schon Ende November desselben Jahres wurde ein neues Konzept für die alten Straßenzüge vorgelegt.

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