• In Potsdam gibt es jetzt „Omas gegen Rechts“

Wenn Großmutter zur Demo geht : In Potsdam gibt es jetzt „Omas gegen Rechts“

Seit Kurzem gibt es auch in Potsdam eine Regionalgruppe der Bewegung „Omas gegen Rechts“. Ihr Programm: Aufklären über neue Nazis, für Klimaschutz eintreten und vor allem ins Gespräch kommen.

Neue „Omas gegen Rechts“. Vergangene Woche gründete sich die Potsdamer Regionalgruppe dieser europäischen Initiative.
Neue „Omas gegen Rechts“. Vergangene Woche gründete sich die Potsdamer Regionalgruppe dieser europäischen Initiative.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Sie wollen auf Demos nicht mehr alleine stehen und nicht mehr übersehen werden. Sie wollen Klartext reden gegen die neuen Nazis und sich informieren, was da draußen los ist: „Omas gegen Rechts“. 2017 gründete sich diese neue Fraueninitiative als „Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest“ in Österreich als Reaktion auf die Wahl von Sebastian Kurz zum Bundeskanzler, kurz danach schwappte sie nach Deutschland. Mittlerweile gibt es bundesweit knapp 50 regionale Gruppen, eine jetzt auch in Potsdam. Die Initiative ging von Pfarrerin Hildegard Rugenstein und der Lehrerin Katrin Kowalski aus. Mit Handzetteln machten sie auf sich aufmerksam und waren beim Gründungstreffen im März immerhin zu fünft. Beim zweiten Treffen am Mittwoch war der Gemeinderaum der Französischen Kirche, hinter dem Eine-Welt-Laden in der Gutenbergstraße, voll: Mehr als 20 Frauen saßen am runden Tisch. Die neuen „Omas gegen Rechts“ wollen sich erstmal kennenlernen und herausfinden, was sie konkret machen und wie sie sich organisieren wollen. „Hier ist eine Menge Power im Raum, viel Potenzial, das wir jetzt in Bahnen lenken müssen“, sagt Rugenstein zur Begrüßung.

Auch Männer sind willkommen

Erstmal gibt es Kaffee und Kuchen, Kirschstreusel, gebacken von Katrin Kowalski. Aber es geht zügig zurück an den Tisch, zum Schwatzen ist keine Zeit. „Wir haben viel vor“, sagt Rugenstein. Inhaltlich ist alles möglich und auch das mit den „Omas“ sei nicht wörtlich zu nehmen: Mitmachen darf man auch, ohne Oma zu sein und auch Männer sind willkommen. „Aber wir Frauen haben das Sagen“, heißt es unter den Anwesenden einmütig.

Zunächst gibt es eine Vorstellungsrunde. „Ich habe noch keine Anti-Pogida-Demo ausgelassen. Wir Älteren sollten uns nicht verstecken“, sagt Martina. Ihre Nachbarinnen wollen erstmal schauen, „ich bin politisch völlig unbeleckt“, sagt Waltraut. Und Bettina: „Ich bin gerade in Rente gegangen. Nach 45 Jahren als Sozialarbeiterin muss ich jetzt trotzdem irgendwas machen.“ Helga erzählt, dass sie seit Jahren als Patin Flüchtlinge betreut. „Ich möchte hier nicht nur gegen etwas sein, sondern auch für etwas. Für etwas Praktisches.“ Uta hat beruflich mit Migranten zu tun und ist deshalb dabei. Jutta war Französisch-Lehrerin, wünscht sich ein tolerantes Europa und schlägt vor, zusammen zum Europafest am 9. Mai auf dem Alten Markt zu gehen. Sie hat sich zudem intensiv mit dem Vokabular der Rechten beschäftigt: „Viele Sprüche der AfD sind original Goebbels, das müsste man mal offenlegen.“

Ins Gespräch kommen

Hannelore, ehemalige Richterin, sagt: „Ich wurde am Tag von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion geboren. Seit 2012 bin ich bei Demos gegen Rechts dabei.“ Irmgard, 92, erzählt am meisten. Ihr ganzes Leben hat sie in Potsdam verbracht. „1933 wurde ich eingeschult. Die Nazis und der Krieg haben mein Leben geprägt.“ Sie könnte viel über Potsdam durch alle Zeiten sprechen und die Frauen planen gleich einen eigenen Abend für Irmgards Lebensgeschichte.

Von Anfang an eine Potsdamer „Oma gegen Rechts“ ist Ursula Löbel von der Servicestelle Tolerantes und Sicheres Potsdam. „Wir sollten uns vernetzen“, sagt Löbel. Sie hat kistenweise Material vom Aktionsbündnis „Wir lassen uns nicht hetzen“ gegen Rechtspopulismus mitgebracht. Und Pastorin Rugenstein schlägt vor, sich dem Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ anzuschließen.

Ganz in Ruhe. Der Slogan „Wir lassen uns nicht hetzen“ passt auch zu den „Omas gegen Rechts“.
Ganz in Ruhe. Der Slogan „Wir lassen uns nicht hetzen“ passt auch zu den „Omas gegen Rechts“.Foto: Ottmar Winter

Aber „Omas gegen Rechts“ wollen nicht einfach nur eine weitere Initiative zwischen vielen sein. „Wir wollen eine neue Gruppe Menschen erreichen, die, die sprachlos geworden sind. Frauen, die sich angesichts der Veränderungen hilflos fühlen, aber nicht in eine politische Partei eintreten wollen. Wir wollen ins Gespräch kommen und das gelingt über die etwas verschmitzte, sehr persönliche Ansprache durch das Wort ,Oma’“, sagt Rugenstein. „Da steckt nichts Politisches drin, da geht es um unsere Biografie. Und es ist milieuübergreifend. Omas gibt es überall.“

Verbunden im Kampf gegen Rechts

Bei aller Lokalität fühlen sie sich international verbunden im Kampf gegen Rechts und für den Erhalt der parlamentarischen Demokratie. Beim nächsten Treffen zwei Wochen vor der Kommunalwahl wollen sie das Wahlprogramm der AfD auseinandernehmen. „Wir müssen wissen, was von rechts kommt“, sagt Hannelore. „Wir unterstützen aber auch die Klimademos der Jugendlichen“, sagt Katrin Kowalski. Hildegard Rugenstein wünscht sich, dass sie bald sehr viele werden und Gruppen in Wohngebieten bilden können. „Jede Frau kann überall eine Gruppe gründen“.

In der Sitzung geht zuletzt eine Adressliste rum, eine Frau wird eine Whatsapp-Gruppe, eine andere einen Mailverteiler erstellen. Wer kein Internet hat, wird angerufen. In der kommenden Woche wird eine Programmgruppe tagen. Bleibt zu klären, ob man äußerliche Erkennungszeichen möchte. Rote Mützen wie die Gründerinnen der Initiative, Buttons oder Schals? „Auf Demos sind wir in jedem Fall an unseren Schildern ,Omas gegen Rechts’ zu erkennen“, sagt Kowalski. „Da kann sich jeder dazustellen.“

Nächstes Treffen am 8. Mai um 16 Uhr in der Gutenbergstraße 77. Am 13. April 2019 (Samstag) Kontaktmöglichkeit um 11 Uhr im Eine-Welt-Laden, ohne Tulpenfesteintritt. Ebenfalls am Samstag nehmen „Omas gegen Rechts“ am Ostermarsch teil, Beginn ist um 14 Uhr am Brandenburger Tor.