• Weltreise gegen den Stress : Warum die Leiterin des Humboldt-Gymnasiums ein Schuljahr Pause machte

Weltreise gegen den Stress : Warum die Leiterin des Humboldt-Gymnasiums ein Schuljahr Pause machte

Carola Gnadt, die Leiterin des Potsdamer Humboldt-Gymnasiums, hat im Sabbatjahr neue Erfahrungen gesammelt. Immer mehr Lehrer nehmen sich solche Auszeiten – auch, um dem Burnout vorzubeugen.

Christian Bark
Im Sabbatjahr kann man Reisen in weiter entfernte Gebiete unternehmen – ohne den Druck, in zwei oder drei Wochen wieder am Schreibtisch sitzen zu müssen.
Im Sabbatjahr kann man Reisen in weiter entfernte Gebiete unternehmen – ohne den Druck, in zwei oder drei Wochen wieder am...Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Potsdam - Die Auszeit hat sich für Carola Gnadt gelohnt. Von Oktober 2017 bis Juni 2018 hat die Leiterin des Potsdamer Humboldt-Gymnasiums ein Sabbatjahr eingelegt und war mit ihrem Mann durch Afrika und Amerika gereist. „Man bekommt einen ganz anderen Blick auf die Welt“, sagt Gnadt, die mit ihrer Entscheidung im Trend liegt: 438 Schulbedienstete des Landes Brandenburg waren zu Beginn des vergangenen Schulhalbjahres im Sabbatjahr, vier Jahre zuvor waren es laut Bildungsministerium erst 253.

Eine der besten Schulen Deutschlands

Für Gnadt war Stress der Hauptgrund, die Auszeit zu nehmen. „Nach den ganzen Bauarbeiten an der Schule und unserer Arbeit für den Deutschen Schulpreis wollte ich mal eine Pause einlegen“, erzählt die Schulleiterin. Die Schule war zuvor saniert und erweitert worden. 2016 wurde sie beim Deutschen Schulpreis als eine der besten Schulen Deutschlands ausgezeichnet. 

Danach konnte Gnadt auch gleich testen, ob sie als Schulleiterin tatsächlich dem Gymnasium mehrere Wochen lang fern bleiben konnte: Teil des Preises war eine vierwöchige Studientour für die Schulleiter durch Australien gewesen. In ihrer Abwesenheit habe das Team den Schulablauf reibungslos organisiert, sagt Gnadt. 

Drei Wochen lang waren die 57-Jährige und ihr Mann zunächst in Potsdams Partnerstadt Sansibar in Tansania. Dabei wollte sie auch eine neue Partnerschaft für das Humboldt-Gymnasium in die Wege leiten. Anschließend ging es für acht Wochen nach Kapstadt. Auch dort gab es Anknüpfungspunkte zu Carola Gnadts eigentlichem Beruf, sie hat sich bei einem sozialen Projekt mit Kindern engagiert. „Das Lehrersein ist für mich eben eine Berufung.“

Auf den Spuren von Alexander von Humboldt

Nach einem Abstecher nach Mosambik ging es für das Ehepaar Gnadt weiter nach Südamerika, nach Chile, Peru und Lima. Dabei folgte Gnadt, die seit 1990 an der Schule unterrichtet und seit 2004 Schulleiterin ist, einem der Namenspatronen des Humboldt-Gymnasiums: Alexander von Humboldt hatte in Lima und Peru gemeinsam mit seinem Kompagnon Aime Bonpland unter anderem an der Pazifikküste zwei Monate lang eine kalte Meeresströmung untersucht, die heute als Humboldtstrom bezeichnet wird. Ihre Reise beendet haben die Gnadts in den Vereinigten Staaten, im Juni 2018 sind sie nach Deutschland zurückgekehrt.

Zwei Jahre vorab hatte das Lehrerehepaar für sein Sabbatjahr, auch unter dem englischen Namen Sabbatical bekannt, angespart. Mittlerweile seien weitere Kollegen ihrem Beispiel gefolgt. „Man sollte dabei nicht alles durchtakten, sondern den Schatz der Zeit und Selbstständigkeit nutzen“, sagt Carola Gnadt.

Als Vorbild diente ihr die Journalistin Meike Winnemuth, die bei Günther Jauchs Spielshow „Wer wird Millionär?“ eine halbe Million Euro gewonnen und das Geld unter anderem dafür genutzt hat, ein Jahr lang durch die Welt zu ziehen. Ihre Erfahrungen hat Winnemuth in einem Buch veröffentlicht, das Carola Gnadt an einem regnerischen Urlaubstag gelesen hat. Sie war sofort begeistert vom Gedanken, das selbst zu erleben.

Maximal für zwei Jahre freigestellt

Das Sabbatjahr stammt vom biblischen Begriff ab. Dort bezeichnet es ein Ruhejahr für das Ackerland. Grundsätzlich haben alle Beschäftigten im Schuldienst die Möglichkeit, diese Form der Teilzeitbeschäftigung zu wählen. Maximal darf man dabei für zwei Jahre freigestellt werden, dienstliche Belange dürfen der Freistellung nicht entgegenstehen. Im Einzelfall muss man also mit dem Arbeitgeber verhandeln, wann sich eine solche Auszeit anbietet.

Neben der Freistellungsphase gibt es die sogenannte Ansparphase: Man arbeitet in Vollzeit, bekommt aber den Teilzeitlohn. Dafür erhält man während seiner Freistellung bei entsprechendem Teilzeitumfang 75 Prozent seines regulären Gehaltes. Freistellungs- und Ansparphase dürfen zusammen 14 Jahre nicht überschreiten.

„In der Regel erfolgt nach dem Sabbatjahr eine Wiederverwendung an der bisherigen Schule“, sagt Ralph Kotsch, Sprecher des Brandenburger Bildungsministeriums. Die Zahl der Sabbatjahre habe in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen, mit 438 Menschen ist nun ein Höhepunkt erreicht.

Damit Lehrkräfte den Ruhestand noch gesund erreichen können

„Während es früher fast ausschließlich im Sabbatical um die Selbstverwirklichung wie zum Beispiel die Doktorarbeit oder Reisen ging, wird es heute oft genutzt, um einem drohenden Burnout zu entgehen“, sagt der Präsident des Brandenburgischen Pädagogenverbandes, Hartmut Stäker. „Beliebt ist das Sabbatical vor allem als selbst angesparter Vorruhestand am Ende des Arbeitslebens“, so Stäker. Das sei gut für diejenigen, die kurz vor dem Zusammenbrechen seien und wenigstens einigermaßen gesund den Ruhestand erreichen wollten. Der Verbandspräsident empfahl jedoch, mit der Anmeldung nicht bis kurz vor der Rente oder gar dem Burnout zu warten. Denn dann bleibe nicht genug Zeit für die Ansparphase. Frühzeitig geplante Sabbatjahre hingegen hätten eine positive Wirkung auf die Psyche.

Allerdings wirkt sich die Teilzeitbeschäftigung negativ auf die Pensions- und Rentenansprüche aus. „Der Arbeitgeber gibt keinen Cent dazu, man muss sich seine Auszeit also selbst erarbeiten“, erläuterte der Verbandspräsident.

Wenn Schulen und Dienststellen vermeiden wollten, dass sich dadurch der Lehrermangel im Land noch ausweitet, müssten sie die Arbeitsbedingungen verbessern, betonte Stäker. „Es muss wieder darauf geachtet werden, dass die Aufgaben, die den Lehrern gestellt werden, auch in einer 40-Stunden-Woche bewältigt werden können.“ (dpa, mit Enrico Bellin)