• Wassermangel: Potsdams Seen in Klimanot

Wassermangel : Potsdams Seen in Klimanot

Gesunkene Wasserspiegel in Sacrow und Groß Glienicke, Blaualgenwarnung in Fahrland, Sauerstoffmangel in der Havel und Kraut im Heiligen See: Was ist los mit den Potsdamer Gewässern?

Clemens Sarholz
Im Heiligen See stellen Anwohner ein vermehrtes Wachstum von Wasserpflanzen fest.
Im Heiligen See stellen Anwohner ein vermehrtes Wachstum von Wasserpflanzen fest.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der Wasserspiegel im Groß Glienicker See und im Sacrower See ist gesunken, im Fahrländer See herrscht zum wiederholten Mal Badeverbot wegen Blaualgen, Angler machen sich Sorgen um die Havelfische und am Heiligen See ärgern sich Badegäste über verkrautetes Wasser: Sind Potsdams Seen im Klimastress?

Der Groß Glienicker See.
Der Groß Glienicker See.Foto: Jürgen Mundt

Zumindest beim Groß Glienicker See ist die Tendenz eindeutig: Um einen Meter sei der Wasserspiegel seit 2000 gesunken, wie Lars Schmäh, der Bereichsleiter Umwelt und Natur im Rathaus, den PNN sagte. Besonders der Dürresommer und Winter 2018 sowie die aktuelle Trockenheit machten sich deutlich bemerkbar, so Schmäh. Am Ufer liegen – je nach Gefälle – bereits mehrere Meter trocken.

Noch habe der Wasserschwund keine Auswirkungen auf Fauna und Flora, sagt Schmäh. Das liege an der für Potsdamer Verhältnisse großen Tiefe des Groß Glienicker Sees von bis zu elf Metern. Prognosen zur Zukunft könne er nicht geben. Klar sei aber: Der See wird – im Gegensatz zu den Havelseen – durch Grundwasser gespeist. Damit ist er direkt von der Grundwasserneubildung abhängig. Und die komme durch längere Trockenperioden oder mehr Verdunstung wegen Hitze ins Stocken. „Wir haben heute größere Hitzeperioden und nicht mehr so kalte Winter“, sagt Schmäh. „Das führt dazu, dass es weniger Grundwasserzufluss gibt als früher.“

Weniger Bodenwasser wird für Seen zum Problem

Selbst kurze, heftige Regengüsse wie in diesem Sommer helfen dann nicht, wie der Blick in die Wetterdatenauswertung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zeigt: Auch wenn die Niederschlagsmenge 2019 – anders als im Vorjahr – mittlerweile wieder dem langjährigen Mittel entspricht, liegt Potsdam beim verfügbaren Bodenwasser im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt weiterhin deutlich im Minus.

Der Sacrower See.
Der Sacrower See.Foto: Sabrina Lösch

Am Sacrower See, ebenfalls vom Grundwasser gespeist, ist die Entwicklung ähnlich: Dort sei der Wasserspiegel seit 2012 um etwa 50 Zentimeter gesunken, sagt Schmäh. Dass der Schwund weniger stark ausfällt als in Groß Glienicke, hänge mit der Nähe zur Havel und den unterirdischen Gegebenheiten zusammen: Denn Grundwasser bilde unter der Erde gewissermaßen Täler und Berge. Und entlang der Havel verlaufe ein solches unterirdisches „Grundwassertal“, in dem sich Wasser sammele. Je näher ein See an der Havel liegt, umso mehr könne er davon profitieren. Die Entwicklung am Groß Glienicker See bereite der Stadt Sorgen, sagt Schmäh – „wie uns insgesamt der Klimawandel Sorgen bereitet“.

Blaualgen werden immer mehr zum Problem

Ein trockener Sommer allein sei nicht das Problem, sagt auch Rita Adrian vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Aber die Wassertemperaturen würden seit vielen Jahren steigen. Das begünstige Verdunstung. Auch die Blaualgenproblematik sei auf die hohen Wassertemperaturen und die Zunahme sogenannter stabiler thermischer Schichtung in Seen zurückzuführen.

Blaualgen am Fahrländer See im vergangenen Jahr.
Blaualgen am Fahrländer See im vergangenen Jahr.Foto: Sebastian Gabsch

Die Forscherin erklärt das so: Wenn sich alles erwärmt, dann bedeutet das für Seen, dass sich das Wasser an der Oberfläche erwärmt, während das Wasser in den tieferen Lagen kühl bleibt. Das aber führe dazu, dass sich der Sauerstoff nicht gut verteilt. Der Temperaturunterschied wirke wie eine Barriere, die keinen Sauerstofftransport in die unteren Wasserschichten zulässt. „Für Fische ist das problematisch“, erklärt die Biologin. Sie müssten nach oben ausweichen, in die wärmeren Wasserschichten. Dort seien sie aber einem gewissen Hitzestress ausgesetzt. Was für die Fische ein Stressfaktor ist, das ist für Blaualgen ein Vorteil. In den unteren Wasserschichten sei zwar kaum Sauerstoff, aber viele Nährstoffe, erklärt Adrian. Blaualgen könnten diese Nährstoffe abgreifen.

Was dann passiert, ist derzeit im Fahrländer See wieder zu erleben: Weil die Blaualgen sich explosionsartig vermehrt haben und damit zur Gesundheitsgefahr insbesondere für Allergiker geworden sind, hat die Stadt ein Badeverbot erlassen (PNN berichteten). Der Fahrländer See sei mit drei Metern das flachste Potsdamer Gewässer, sagt Lars Schmäh.

Den Fischen geht die Luft aus

Die Hitze hat auch auf den Sauerstoffgehalt in Gewässern einen negativen Einfluss, erklärt Biologin Adrian: Je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff. Im Vergleich zu zehn Grad Wassertemperatur hat das Wasser bei 28 Grad nur noch ein gutes Drittel seines Sauerstoffgehalts. Das bekommen die Angler zu spüren: „Die Havel hat einen Sauerstoffgehalt von gerade mal 3,2 Milligramm pro Liter Wasser“, sagt Daniel Müller vom Landesanglerverband. Jede Konzentration von unter vier Milligramm pro Liter gelte als kritisch für Fische. „Für den Anglerverband geht es jetzt in die heiße Zeit“, meint Müller. Denn zusätzlich zu tendenziell niedrigen Sauerstoffwerten komme, dass Flora und Fauna vom Sauerstoff zehren, der über den Tag verteilt von den Pflanzen im Wasser produziert wird. „Wenn die Nächte wieder länger werden, dann verbrauchen die Tiere und Pflanzen nachts mehr Sauerstoff.“ Das könnte im Spätsommer zum großen Problem werden. Dann steige das Risiko für ein Fischsterben. Doch Müller ist zuversichtlich: „Darauf sind wir vorbereitet.“ Dann müsse man notabfischen und Sauerstoffpumpen installieren. Das Team des Verbands sei sehr groß und im Ernstfall wisse jeder, was zu tun sei.

Verkrautung hingegen ist ein gutes Zeichen

Das Wachstum von Wasserpflanzen, wie es Badegäste am Heiligen See beobachten, ist dagegen ein gutes Zeichen – nämlich dafür, „dass sich der ökologische Zustand der Gewässer verbessert“, wie Tomas Frey vom Landesumweltamt sagt. Anwohner machten die PNN auf das ungewöhnlich starke Wachstum im Uferbereich aufmerksam. Selbst ältere Anlieger hätten das noch nie erlebt, hieß es. Störend sei es beim Schwimmen: „Man krault und greift ins Kraut statt ins Wasser.“

Für Frey ist das eine Folge der langjährigen Anstrengungen für eine bessere Wasserqualität. So sei der Heilige See von der Kanalisation abgekoppelt worden, Regen- und Abwasser sowie die Straßenentwässerung flössen nicht mehr in den See. Auch die Verbindung zur Havel sei unterbunden worden. Deswegen habe sich die Phosphor- und Stickstoffkonzentration – beides ideales Algenfutter – verringert. 2018 sei erstmals ein deutliches Aufklaren des Wassers beobachtet worden. Im Frühjahr habe man Sichttiefen von über sechs Meter festgestellt, berichtet Frey: „Gute Startbedingungen für Wasserpflanzen.“ Denn die stehen in Konkurrenz zu den Algen, die ihnen das Licht nehmen.

Auch am Groß Glienicker See gab es bereits viele Maßnahmen, sagt Lars Schmäh: etwa einen Regenwasserkanal an der Seepromenade und in der Dorfstraße, über den Niederschlag in Versickerungsanlagen geleitet wird. Auch Häuslebauer würden verpflichtet, für die Versickerung von Regen auf dem Grundstück zu sorgen. Nur so komme Regenwasser dem Grundwasser zugute – und damit dem See.

Generell hilfreich für die Seen sei auch der sparsame Umgang mit Trinkwasser, betont Schmäh: „Auch unser Trinkwasser entnehmen wir dem Grundwasser.“ Biologin Rita Adrian sieht die Verantwortung für den Kampf gegen den Klimawandel auch in der Gesellschaft und der Politik: „Wir müssen jetzt die CO2-Emissionen deutlich reduzieren, um der weiteren Erwärmung entgegenzuwirken.“