Potsdam : Von Industriekunst zur bildenden Kunst

Das alte Berufsbildungswerk in der Babelsberger Medienstadt II ist nun offiziell ein Künstlerhaus

Oliver Dietrich
Zwischen Musik und Kunst. In den ehemaligen Räumen des Berufsbildungswerkes gibt es nicht nur vier Ateliers von Künstlern und eine Zeichenschule, sondern auch Proberäume für Bands und demnächst eine Auftrittsmöglichkeit.
Zwischen Musik und Kunst. In den ehemaligen Räumen des Berufsbildungswerkes gibt es nicht nur vier Ateliers von Künstlern und eine...Foto: Andreas Klaer

Babelsberg - Vielleicht war es auch ein bisschen der Appetit und die gastronomische Neugier, die die Besucher – Künstler ebenso wie Lokalpolitiker – am gestrigen Montag zum Pressegespräch in die Kantine der ehemaligen Berufsschule in der Medienstadt II in der Ahornstraße lockte. Wo früher Essensportionen an Berufsschüler ausgereicht wurden, haben sich jetzt Silke Pietsch und Andreas Jett in die Gastronomie gewagt – als Bistro mit dem Namen „Tafelwerk“, ein zweideutiger Name, der auch auf die Vergangenheit als Berufsschule hindeuten soll. Eigentlich eröffnet das „Tafelwerk“ erst am heutigen Dienstag, aber gestern wurde für Presse, Künstler und Stadtvertreter schon mal eine kleine Kostprobe geliefert: Als Vorspeise Kartoffelcremesuppe, danach wahlweise Gemüseauflauf oder Schweinebraten mit grünen Bohnen – beides kam sehr edel daher. Da konnte das Kulinarische schon mal vom eigentlichen Zweck des Treffens ablenken.

Und der war für Kulturdezernentin Iris Jana Magdowski (CDU) sehr erfreulich – schließlich haben in dem Gebäude auch viele Bands neue Proberäume gefunden, auch Ateliers gibt es in dem Haus. Der Hilferuf nach mehr Räumen für die künstlerische Szene in Potsdam war nach dem Ende der „Alten Brauerei“ im Frühjahr sehr laut gewesen, und ausgerechnet ein Privatmann half schließlich den Künstlern aus der Patsche – und zeigte sich am am Montag nicht als nebulöser Gönner, sondern als sympathischer Mittsiebziger: Professor Jörg Thiede hatte sein Geld damals mit Software-Erfindungen verdient, ein Siegertyp, der genau zur richtigen Zeit auf das richtige Pferd setzte. Eigentlich sind die Analogien zum Potsdam-Mäzen Hasso Plattner ziemlich deutlich: Wie sein Potsdamer Kollege ist auch Thiede Kunstsammler. In der „Villa Thiede“ am Berliner Wannsee, die direkt neben der Liebermann-Villa liegt und ebenso wie diese vom Architekten Paul Baumgarten entworfen wurde, zeigt der Mäzen seine private Kunstsammlung, die Werke von Max Liebermann, Karl Hagemeister oder Walter Leistikow enthält. Anfang des Jahres hatte Thiede einen Teil seiner Kunstwerke der „Berlinischen Galerie“ geschenkt.

Nun, wie kommt jemand wie er dazu, der gebeutelten Potsdamer Kulturszene unter die Arme zu greifen? Das liegt zum einen daran, dass ihm das Objekt auf dem Gelände von Orenstein&Koppel schon seit Beginn der 90er-Jahre gehört. Im Februar 1991 kam Thiede nach Potsdam, das Gelände gehörte der Treuhand, bis Mai sollte er ein Konzept vorschlagen, sonst „würden sie den Laden hier dichtmachen“, wie er sagt. Und wenn der Anpacker Thiede das zusammenfasst, dann klingt das so: „Ich habe mich hingesetzt und das Babelsberger Modell entworfen.“ Ein Berufsbildungswerk in einem Lokschuppen, das er in Kooperation mit der damaligen Ministerin Regine Hildebrandt auf dem Gelände des ehemaligen „Karl-Marx-Werkes“ entwarf und auf den Namen „ATI“ taufte: Aktionszentrum Tradition und Innovation.

Seit dem letzten Jahr stand das Objekt leer, und irgendwie wurde Thiede auf die Probleme der Potsdamer Künstler aufmerksam – und entschied sich kurzfristig, „den jungen Wilden“, wie er sagt, eine neue Bleibe zu geben. Mittlerweile haben circa 20 Bands Proberäume gefunden, das Haus war sofort voll. Und natürlich gibt es auch Künstler, die ihre Ateliers in dem Haus haben: Robert Weiland etwa malt große Acrylbilder in seinem 91-Quadratmeter-Atelier, Martin Mehlitz malt in der oberen Etage und gibt unten in einem kleineren Raum Zeichenunterricht, außerdem gibt es eine Schreinerei und einen Restaurator – und natürlich großartige Synergieeffekte zwischen den Akteuren, wie die Künstler beteuern.

Thiede selbst freut sich natürlich über die künstlerische Nutzung des Geländes, eine Herzensangelegenheit, die nicht das große Geld abwerfen soll: Fünf Euro kostet die Kreativen der Quadratmeter im Monat, plus 1,50 Nebenkosten. Kulturbeigeordnete Magdowski lässt es sich da auch nicht nehmen, ihm die Hand zu schütteln: „Sie sind ein Gewinn für diese Stadt“, sagt sie, und neben Thiede wirkt der Satz nicht einmal pathetisch.

Maler Robert Weiland indes freut sich am meisten über die Geschichte, die in diesem Ort steckt: „Von der Handwerkskunst über die Industriekunst zur bildenden Kunst.“(mit sku)

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