• Von Hitler „mit glühendem Hass“ verfolgt

Potsdam : Von Hitler „mit glühendem Hass“ verfolgt

Der gebürtige Potsdamer Hans Graf von Blumenthal – einer der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944

Hildegard Jansen

Der gebürtige Potsdamer Hans Graf von Blumenthal – einer der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 Von Hildegard Jansen Das Anwesen des heutigen Schlosses Paretz gehörte den Grafen von Blumenthal, bis Graf Heinrich VIII. es 1795 dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem späterem König, verkaufte. Sein einziger Urenkel war Hans Jürgen Graf von Blumenthal, der mit dem Grafen Stauffenberg und anderen zur militärischen Widerstandsgruppe gegen Adolf Hitler gehörte – und dies mit dem Leben bezahlte. Das Attentat vom 20. Juli 1944 jährt sich in diesem Jahr zum sechzigsten Male. Hans Jürgen Graf von Blumenthal wurde am 23. Februar 1907 als Sohn des Oberstleutnants, kaiserlichen Kammerherrn und Hofmarschalls Hans Graf von Blumenthal in Potsdam geboren. Er wuchs im engsten Umfeld des Kaiserhauses auf. Ihn verband eine enge, lebenslange Freundschaft mit dem ältesten Sohn des Kronprinzen, Prinz Wilhelm von Preußen. Nach Aussage ihrer Umgebung traten beide wie „Zwillinge“ auf. Die Grafen von Blumenthal, Uradel der Mark Brandenburg mit gleichnamiger Stammburg, sind eines der ältesten Geschlechter des Landes. Zur Zeit Kaiser Karl V. hatten sie Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat. Durch ihre Gegnerschaft zu Napoleon verloren sie 1810 einen Großteil ihrer sehr umfangreichen Besitzungen. 1945 musste die Familie fliehen, 1990 kam die endgültige Enteignung. Bereits als Jugendlicher zeigte Hans Jürgen Graf von Blumenthal großes Interesse an den politischen Fragen seiner Zeit, war Mitglied der Deutschnationalen Jugend und später der Schwarzen Reichswehr. Nach dem Abitur studierte er in München und Königsberg Jura und Nationalökonomie, aber sein Hauptinteressengebiet blieb die Politik. Den Nationalsozialismus bezeichnete er als einen ,,an Psychose grenzenden Aberglauben an den Wundermann Hitler", und auf einer längeren Vortragsreise durch die USA kritisierte er u.a. an der Columbia University in New York die politische Entwicklung Deutschlands. Schon vor der NS-Machtergreifung war er im Wehrverband „Stahlhelm“ aktiv und traf Hitler am „Tag von Potsdam“ – also 1931 – zusammen mit Prinz Wilhelm. Hitler bot ihm eine großzügige Förderung an, was der Graf aber ablehnte, den er wie auch Prinz Wilhelm fand Hitler sehr unsympathisch. Im engsten Kreis nannte Blumenthal Hitler nur „Emil“. Später schrieb seine Mutter, dass Hitler ihren Sohn „mit glühendem Hass“ verfolge, und am 30. Juni 1934, der „Nacht der langen Messer“, entging er nur knapp seiner Ermordung. Graf Blumenthal kannte viele Größen der Weimarer Republik sowie des Dritten Reiches, war häufiger bei Görings zum Essen und so z.B. auch auf einer Einladung des Kronprinzen Tischherr von Mussolinis Tochter, der Gräfin Ciano. 1935 trat Blumenthal als Leutnant in die Wehrmacht ein. Hier traf er nicht nur wieder auf alte Freunde, z.B. Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, der wiederum mit dem Grafen Stauffenberg eng befreundet war, sondern bekam auch Kontakte zu anderen Gegnern des NS-Regimes, wie z.B. Hans Oster und dem späteren Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben. 1939 – wenige Tage nach Kriegsbeginn – heiratete er Cornelia von Schnitzler. Gleich nach der Hochzeit wurde er an die Front verlegt, zuerst nach Frankreich und dann als Bataillonskommandeur nach Polen. Während des Russlandfeldzuges erlitt er Ende Juli 1941 durch ein Dumdumgeschoss eine so schwere Verwundung, dass er nicht mehr frontfähig war und nach seiner Genesung eine Verwendung in der Führerreserve des Allgemeinen Heeresamtes des Oberkommandos des Heeres in Berlin fand. 1941 wurde sein einziges Kind, Sohn Hubertus, geboren. Während seiner Zeit beim Oberkommando des Heeres (OKH) begegnete Blumenthal weiteren Gegnern des NS-Regimes und nahm an deren Treffen teil.1943 lernte er Claus Schenk Graf von Stauffenberg kennen, den er Mertz gegenüber als ,,gute Akquisition" bezeichnete. Zwischen den beiden Grafen entwickelte sich ein vertrauensvolles Verhältnis. Sie trafen sich regelmäßig, d.h. Stauffenbergs Fahrer holte Blumenthal ab zum Sport, in Trainingsanzügen, um keinen Verdacht zu erregen. Selbst seine Frau hatte Blumenthal nicht eingeweiht, um sie zu schützen. Blumenthal – inzwischen Major – war Verbindungsoffizier der Verschwörer für den Wehrkreis Stettin. Diese Verbindungsoffiziere waren besonders zuverlässige Leute, deren Aufgabe es war, den Putsch in ihren jeweiligen Gebieten auszulösen. Darüber hinaus arbeitete er an den Entwürfen eines Planes, der eine Neugliederung der Kriegsspitzen vorsah, da Hitler als oberster Kriegsherr in der Befehlsstruktur der Wehrmacht großes Kompetenzchaos angerichtet hatte. Nicht nur dieser „Erlass über vorläufige Kriegsspitzen-Gliederung“, sondern auch die Liste der Verbindungsoffiziere sowie das Fahrtenbuch von Stauffenbergs Fahrer sollte nach dem 20. Juli der Gestapo in die Hände fallen. Am Tag des Attentates, einem Donnerstag, an dem Hitler noch Benito Mussolini empfing, hielt sich Blumenthal nachmittags im OKH in der Bendlerstraße auf. Er besprach sich mit Mertz und anderen. Die Zustände wurden immer chaotischer, es fielen Schüsse, und Soldaten stürmten den riesigen Gebäudekomplex, Blumenthal verhielt sich unauffällig und wurde so nicht verhaftet, konnte aber das Gebäude nicht verlassen. Nachts unter einem Torbogen verborgen, musste er die Erschießung seiner Mitverschwörer Stauffenberg, Olbricht und seines alten Freundes Mertz mit ansehen. Das Wochenende nach dem Attentat verbrachte er wie immer bei seiner Familie, die, nachdem sie in Berlin ausgebombt worden war, bei Verwandten auf dem Land lebte. In der Nacht von Samstag zu Sonntag fiel aus völlig ungeklärten Gründen im Schlafzimmer ein großer Wandspiegel herunter, was er als schreckliches Vorzeichen empfunden haben musste. Wenige Stunden später, in der Mittagszeit des 23. Juli, wurde er von der Gestapo verhaftet. Blumenthal wurde in verschiedene Berliner Gefängnisse verlegt, von denen eines und die Zelle, in der er gefesselt saß, von einer Bombe getroffen wurde. Er war pausenlosen Verhören ausgesetzt und wurde immer wieder gefoltert. In einem späteren Brief an seine Witwe schrieb eine Augenzeugin, dass er trotz allem nie jemanden verraten habe. Im September verstieß ihn der Ehrengerichtshof der Wehrmacht unter Vorsitz eines alten, engen Familienfreundes, des Generalfeldmarschalls Gerd von Rundstedt, aus der Wehrmacht. Am 13.Oktober 1944 wurde Graf Blumenthal vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und noch am Nachmittag des gleichen Tages – ohne geistlichen Beistand – in Plötzensee erhängt. Ein Augenzeuge erinnerte sich, dass er „ungebrochen und in aufrechter Haltung seinem Schicksal entgegengegangen ist“. Das Vermögen des Grafen fiel an den Staat, und seiner Witwe wurde untersagt, Trauer zu tragen und eine Todesanzeige zu veröffentlichen. Am 20. Juli 1979 brachte das deutsche Fernsehen eine Dokumentation mit Aufzeichnungen der Prozesse vor dem Volksgerichtshof u.a. auch Ausschnitte der Verhandlung gegen den Grafen von Blumenthal. „Wir waren zutiefst bewegt und erschüttert, da mein Mann hier zum ersten Mal völlig unvermittelt seinen Vater erlebte und ihn sprechen hörte“, erzählte die Schwiegertochter. Der Sohn des Widerstandskämpfers Hans Jürgen Graf von Blumenthal, Hubertus, der mit seiner Familie seit 1981 in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen lebte, verstarb 1991 an Krebs. Seine Witwe und sein wiederum einziger Sohn, Konstantin, wohnen noch heute dort.

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