Von Guido Berg : Ramon, der Retter

Geschichten aus den Hiller-Brandtschen Häusern: Warum seit Jahren wenig saniert wurde und bis Jahresende alles fertig werden soll

Guido Berg
Die Sanierung der Hiller-Brandtschen Häuser entwickelt sich zur unendlichen Geschichte. Seit einem Jahr stehen die Denkmale ohne Dach da. Die Stadt hatte sie 2004 an eine 19-Jährige verkauft.
Die Sanierung der Hiller-Brandtschen Häuser entwickelt sich zur unendlichen Geschichte. Seit einem Jahr stehen die Denkmale ohne...Foto: Manfred Thomas

Ramon Temetra will jetzt alles selbst in die Hand nehmen. Er steht im Flur des Potsdamer Amtsgerichts, in dem er gerade gegen seinen ehemaligen Bauleiter klagt, gegen Frank Schröter. Temetra ist 40 Jahre alt und Vater der 24-jährigen Jessica Kwiek, um die es eigentlich geht. Doch die sei schwanger und könne deshalb nicht aus Leipzig anreisen. Als Jessika Kwiek 19 Jahre alt war, 2004, kaufte sie von der Stadt Potsdam die Hiller-Brandtschen Häuser in der Breiten Straße. Das Sagen, sagen die Mieter, hat aber nicht die Tochter, sondern der Vater, Ramon Temetra.

Die Hiller-Brandtschen Häuser gehören zum Potsdamer Bauerbe. Friedrich der Große hatte ihnen seinerzeit eine palastartige Prunkfassade spendiert. Sanierung und Erhalt der 1769 entstandenen drei Gebäude müssen der Stadt Potsdam somit sehr am Herzen liegen. Laut Grundbuch bezahlte Jessika Kwiek 420 000 Euro an die Stadt. Der Kaufvertrag beinhaltete die Auflage, die Denkmale innerhalb der nächsten drei Jahre zu sanieren. Stichtag war der 26. Oktober 2007. Sollte der verstreichen, droht die Rückabwicklung des Kaufvertrages und eine Vertragsstrafe von 84 000 Euro.

Mieter berichten, dass zunächst lange Zeit nichts an den Hiller-Brandtschen Häusern geschah. Erste Bauarbeiten begannen im März 2008. Handwerker kamen, arbeiteten ein wenig – und kamen dann nicht wieder. Auf Nachfrage erklärten sie, Frank Schröter würde Rechnungen nicht bezahlen. Die Mieter glauben, das sei eine Masche von Schröter. Bei Kontrollen habe der immer sagen können, die Arbeiten hätten doch schon begonnen. Schröter bezeichne sich selbst gern als „Generalübernehmer“, sagen die Mieter, Bauleiter wäre aber der bessere Begriff. Im August 2008 wurden die Dächer abgedeckt – ohne sie wieder neu einzudecken. Bis heute nicht. Die Schutzplane sei häufig weggeflogen, die oberen Wohnungen seien durchnässt und voller Schimmel. Es gebe aber Wohnungen, in denen gearbeitet worden ist, allerdings offensichtlich nicht von Facharbeitern, die Wohnungen hätten mittlerweile „Rohbaustatus“.

Am Donnerstag vergangener Woche wurde das warme Wasser abgedreht. Sechs Monate lang sei kein Geld an die Stadtwerke bezahlt worden. Obwohl „wir immer unsere Betriebskosten mit der Miete bezahlt haben“, ärgert sich eine Mieterin. Bewohner, die Kinder haben, gingen dann entnervt zu den Stadtwerken mit der Frage, ob sie die Verbindlichkeiten nicht auch selbst bezahlen könnten. Die Antwort: „Gern, wenn Sie 10 000 Euro flüssig haben ...“

Ramon Temetra scheint es flüssig zu haben. Am Dienstag dieser Woche hatte er einen Termin bei den Stadtwerken „und eine halbe Stunde später war das warme Wasser wieder da“. Auch nahm das Amtsgericht den Antrag der Deutschen Bank auf Zwangsverwaltung der Hiller-Brandtschen Häuser wieder zurück, so Gerichtssprecher Wolfgang Peters. An dieser Stelle hat Temetra wohl noch tiefer in die Tasche greifen müssen: Beim Kauf der Häuser wurden für diese und zugunsten der Deutschen Bank eine Grundschuld von 200 000 Euro eingetragen, „mit 15 Prozent Zinsen“. Es findet sich auf dem aktuellen Grundbuchauszug eine weitere Grundschuld über 100 000 Euro, noch eine über 2900 Euro eines Handwerksbetriebes und auch die über 10 800 Euro von Rechtsanwalt Dr. Dieter Klesen. Der ist jetzt Rechtsbeistand von „Generalübernehmer“ Schröter, war aber vorher der Anwalt von Temetra. 10 000 Euro für einen einzigen Brief habe Klesen von ihm als Honorar gefordert, ärgert sich Temetra. Er zahlte nicht.

Klesen hält dagegen, von wegen nur einen Brief. Er habe, teils „auf Knien“, mit der Stadt verhandelt und einen Aufschub der Kündigung des Kaufvertrages herausgeholt. Die Sanierungsfrist sei bis zum 31. Dezember dieses Jahres verlängert worden. Die 84000 Euro Strafe habe er nicht abwehren können, aber immerhin eine Ratenzahlung für Temetra erreicht, 15 mal 5600 Euro. Um seine 10 800 Euro doch noch zu erhalten, fährt Klesen ein dickes Geschütz auf: In der vergangenen Woche hat er Antrag auf Zwangsverwaltung und Zwangsversteigerung der Hiller-Brandtschen Häuser gestellt. Er rechnet damit, dass in den nächsten 14 Tagen ein Zwangsverwalter bestellt wird. „Aber mit Geld kann Temetra alles bereinigen.“

Noch gestern rang Temetra mit sich. Die 10 000 Euro habe er Klesen offeriert für den Fall, „dass er die 84 000 Euro kaputt macht“, was dem nicht gelungen sei. „Ich muss das nächste Woche aus der Welt schaffen“, resigniert er letztlich.

Erhalten bleibt ihm jedoch sein Ex-„General“ Schröter. Der bewohnt fünf niedrige Räume in den Hiller-Brandtschen Häusern, die er trotz des stark abgekühlten Verhältnisses zu Temetra und einer Räumungsklage behalten will. Seine Leipziger Wohnung habe er räumen müssen. Schröter, der mit einer früheren Firma pleite ging, hatte Temetras Angebot gern angenommen, die Hiller-Brandtschen Häuser sanieren zu dürfen. Er war froh, „nochmal gebraucht zu werden“. Seiner Rechnung nach hätte die Gesamtsumme für den Umbau zu einem Hotel Garni 3,8 Millionen Euro betragen. Temetra habe ihm mal einen Kontoauszug über 600 000 Euro gezeigt, auf dieser Basis habe er begonnen, Handwerker zu beauftragen. Er habe aber nie Geld von Temetra erhalten. Das Hotel-Projekt zerschlug sich, aus Denkmalschutzgründen. Es mag auch eine gewisse Rolle gespielt haben, dass Mieter in den Häusern wohnen. Letztlich habe Schröter nur über die Mietzahlungen verfügt, was nicht reichen konnte. Mit der Kreditkarte, die ihm Temetra gab, sei er nur Kontoauszüge holen gegangen. Er kenne die Geheimzahl gar nicht.

Schröter sei an allem Schuld. Aber nun will er, Ramon Temetra, einen Neuanfang. Er habe einen Leipziger Architekten beauftragt und bezahle die Handwerker-Rechnungen. Bis Jahresende sollen die Häuser saniert sein. Von den Mietern ist zu hören, sie wollten am liebsten in die Obhut der Stadt Potsdam zurück.