• Von Guido Berg: Klang einer Potsdamer Kindheit

Von Guido Berg : Klang einer Potsdamer Kindheit

David Levin, Potsdamer Jude aus Jerusalem, schwärmt vom alten Glockenspiel der Garnisonkirche

Guido Berg

„Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab ... ding, dong ding, dong, ding, dong …“ Ein 80-jähriger Mann mit Sonnenbrille, weißem Bart und Kippa auf dem Kopf sitzt vor dem jüdischen Restaurant Bleibergs in Berlin und – so surreal es auch ist – er schmettert einen akustischen Beweis dafür übers Trottoir, dass er ihn noch genau in sich hört, den Klang des Glockenspiels, hoch oben auf dem Turm der Potsdamer Garnisonkirche.

„Ich hab’ es so geliebt als Kind!“ David Levin verzieht das Gesicht. Ausgerechnet in seiner „geliebten“ Garnisonkirche musste Hitler seinen „Tag von Potsdam“ zelebrieren. Und ausgerechnet am 20. Januar, seinem Geburtstag. David Levin war 1933, als Hitler die Macht ergriff, drei Jahre alt und lebte in der Brauerstraße 6, in der seine Mutter mit seinem Großvater ein En-Gros-Geschäft betrieb. David Levin dürfte einer der wenigen Juden sein, die vor dem Holocaust in Potsdam zu Hause waren und heute noch am Leben sind. Viele andere kamen nach „Au“; den Namen Auschwitz will der heute in Jerusalem wohnende Alt-Potsdamer nicht aussprechen. „Der Name ist mir widerlich!“

Auf einmal fragt der Mann: „Was halten Sie von dem Kraken Paul? So ein Zufall!“ Die Israelis seien bei der Fußballweltmeisterschaft alle für Deutschland gewesen. „Es war die beste Mannschaft.“ Daheim in Jerusalem ist der deutsche Privatsender RTL gut zu empfangen; David Levin ist fast täglich Zuschauer. „Günther Jauch ist so sympathisch, der hat Charisma.“

1934 musste die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen, in die Kiezstraße 10a. Das Geld war knapp, „man spürte den Judenhass“. David Levin besuchte die Schule in der Dortustraße. Bis der Schuldirektor eines Tages sagte, der Junge sei ein guter Schüler, könne aber nicht mehr an einer „arischen Schule“ lernen. Da Potsdam keine jüdische Schule hatte, besuchte Levin fortan das Auerbachsche Waisenhaus in Berlin, Schönhauser Allee. Die Mutter und Moritz Max Hirschbruch, sein Großvater, blieben in Potsdam.

In der Pogromnacht 1938 drangen Nazis in das Kinderheim ein und wollten mit der Ewigen Lampe, die dort brannte, das Haus abfackeln. Die großen Jungs, 17- und 18-Jährige, stellten sich ihnen in den Weg. „Vorher müsst ihr uns töten.“ 1938 wichen die braunen Täter noch zurück. Vier Jahre später wurden alle noch anwesenden Heimkinder nach Auschwitz deportiert und ermordet.

An jenem Wochenende besuchte Levin seine Mutter. Er sah die geschändete Synagoge am Wilhelmplatz. Bilder seiner Kindheit: Der alte Mann hat noch den wunderschönen roten Sandstein vor Augen und auch den vergoldeten Davidstein: „Er hat schön geglänzt.“ Der Junge hat gedacht, „das wird immer so sein“. Es war „ein Prachtgebäude, ich war so stolz als Kind“. Vom Entwurf der Nachfolge-Synagoge in der Schlossstraße ist David Levin „absolut nicht begeistert“. Synagogen hätten ihren Gebetssaal nicht erst in der zweiten Etage.

David Levin hat Glück. Er ist eines von 1000 Kindern, die am 14. August 1939 per Zug über Holland nach Großbritannien gebracht werden. Am 1. September begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Der Kriegsanfang war gleichsam das Ende der Kindertransporte, der „Refugee Children Movement“, der Rettung jüdischer deutscher Kinder durch Großbritannien.

Plötzlich lacht David Levin herzhaft. „Das muss ich erzählen.“ Einer seiner englischen Lehrer sagt immer „Leevin“ zu ihm. Er: „Excuse me, Sir, my Name is Levin“. Antwort des Lehrers: „Fine - Leevin.“ Der alte Mann schüttet vor Lachen fast sein Wasserglas um, so sehr amüsiert ihn die 70 Jahre alte Anekdote. Seine Mitschüler veräppelten ihn daraufhin; ständig fragten sie: „Is Leevin leaving?“ - Ist Leevin schon gegangen?

Levins Mutter folgte ihrem Sohn nach England. Seinen Großvater sah er nie wieder. Er blieb in Potsdam und starb in Theresienstadt. Vor wenigen Tagen besichtigte der alt gewordene Enkel den Stolperstein, den der Künstler Gunter Demnig 2009 in der Potsdamer Kiezstraße 10a zu Ehren seines Großvaters verlegte. „Er ist so klein und glänzt nicht mehr. Man stolpert darüber nicht“, sagt David Levin. Nach 1945 ging er als junger Mann nach Israel und arbeitete in einem Kibbuz, zuerst in der Landwirtschaft, später als Musiklehrer. Das erste musikalische Rüstzeug dazu, sagt David Levin, gab ihm das Glockenspiel der Potsdamer Garnisonkirche.