• Von Guido Berg: Denkmal vor dem Abriss

Von Guido Berg : Denkmal vor dem Abriss

Akten im Stadtarchiv belegen: Wohnhaus des Architekten Heinrich Dietz 1977 in Denkmalliste eingetragen

Guido Berg

Innenstadt - Die Potsdamer Bauverwaltung hat eine Abrissgenehmigung für das Wohnhaus des Architekten Heinrich Laurenz Dietz (1888-1942) erteilt – obwohl sie das Bauhaus-Stil-Gebäude 1977 selbst auf die eigene Denkmalschutzliste setzte. Allerdings taucht das nach der Idee des Neuen Bauens errichtete Haus in der Liste der Oberen Denkmalschutzbehörde nicht mehr auf. „Wir haben 1991 die Potsdamer Denkmalschutzliste übernommen. Da stehts nicht drin“, erklärte Ralf Paschke vom brandenburgischen Landesamtes für Denkmalschutz. Sehr wohl aber steht das Nachbarhaus Kürfürstenstraße 23 auf der Liste, die auf der Homepage des Landesamtes einsehbar ist. Dabei handelt es sich um die alte „Gymnastikschule Ullrich“, heute ein Wohnhaus. Wie PNN-Recherchen im Archiv der Stadt Potsdam nahe legen, war es eigentlich das Wohnhaus des Architekten Dietz, das mit Ratsbeschluss vom 20. Januar 1977 unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. Offenbar hat sich eine Sekretärin beim Schreiben der Liste in der Hausnummer geirrt. In die Denkmalliste eingetragen wurde die Straße der Jugend, wie die Kurfürstenstraße zu DDR-Zeiten hieß, mit der Hausnummer 23; das Haus Dietz jedoch hat die Nummer 24/25, wie Grundbuchauszüge und ein Adressbuch von 1930 beweisen. Welches Haus jedoch unter Schutz gestellt werden sollte, bezeugt ein Klammereintrag. Auf der 1977er Liste steht nach „Straße der Jugend 23“ der Zusatz „erbaut 1920“, dann folgt in Klammern „(Wohnhaus Heinrich Dietz)“. Der Wille, die Absicht, ist eindeutig erkennbar. 1991 wurde dann offenbar lediglich Straße und Hausnummer in die Denkmalliste des Landesamtes für Denkmalschutz übernommen, nicht aber der Klammerzusatz, der auf Dietz hinweist.

Der kleine Fehler vom DDR-Amt könnte schwere Auswirkungen haben. Der heutige Eigentümer des Hauses Dietz, Kurfürstenstraße 24/25, ist der Architekt Volker Wiese, der Haus und Garten mit viel Liebe und Geld sanieren ließ. Er wollte seinen Lebensabend in dem Haus verbringen, dass im rückwärtigen Bereich an die Stiefschen Wiesen grenzt. Genau in dieses sumpfige Hinterland, auf der Seite der Leiblstraße, genehmigte die Bauverwaltung trotz Protesten von Anwohnern und Denkmalschützern den Bau zweier fünfgeschossiger Wohnblöcke, deren Seitenflügel bis fast an die Grundstücksgrenze des Hauses Dietz reichen. Wiese fühlt sich in seiner Wohnqualität beeinträchtigt, er will ausziehen und das Grundstück auf Basis seiner von der Stadt positiv beantworteten Bauvoranfrage – der Freibrief für den Abriss des Hauses Dietz – für zwei Millionen Euro an Wohnbau-Investoren verkaufen. Nur so könne er seine in das Haus investierten Millionen zurückerhalten (PNN berichteten).

Denkmalschützer Paschke nennt es eine „fragwürdige Baupolitik“, dass Haus Dietz durch die massive Leiblstraßen-Bebauung derart zu entwerten. Über die PNN-Funde im Stadtarchiv noch nicht informiert, erklärte er, dass ohnehin nur zwei Prozent der Gebäude, „eine Auswahl“, unter Denkmalschutz stehen. Das bedeute nicht, den Rest der Häuser einfach abreißen zu dürfen. Freilich hätte das Landesamt, von der Stadt Potsdam vor Erteilung der Abrissgenehmigung zu Rate gezogen, durchaus selbst stutzig werden können. Immerhin war ihm Dietz in der Publikation „Brandenburgische Denkmalpflege“ 2002 ein ganzer Artikel wert: „Simone Neuhäuser: Potsdam. Der Architekt Heinrich Laurenz Dietz (1888-1942)“.

Allerdings hatte Paschke die Information, das Haus Dietz sei Anfang der 1980er Jahre komplett abgerissen und neu aufgebaut worden. Dem widerspricht die damalige Potsdamer Denkmalschutz- Vizechefin Johanna Neuperdt: Die durch Detonationen gegen Kriegsende beschädigten Grundpfeiler mussten erneuert werden. Da das Haus Dietz zu schwer war, um es hydraulisch anzuheben, wurde es Stück für Stück abgetragen – „jedes Brett nummeriert“ – und hinterher unter Verwendung auch des Originalmaterials wieder aufgebaut. Neuperdt: „Für uns war es so wichtig, die Wohn- und Wirkungsstätte von Heinrich Dietz zu erhalten.“

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