• Von Guido Berg: Besichtigung oder Besetzung

Von Guido Berg : Besichtigung oder Besetzung

Heute öffnet die Ausstellung „Demokratie – Jetzt oder nie!“ in der Lindenstraße 54 – und sorgt schon vorab für Diskussionen

Guido Berg
Große Bilder für eine große Geschichte: Die Ausstellungsmacher hatten bei ihrer Arbeit vor allem junge Besucher im Sinn, die 1989 noch nicht dabei waren.
Große Bilder für eine große Geschichte: Die Ausstellungsmacher hatten bei ihrer Arbeit vor allem junge Besucher im Sinn, die 1989...Foto: Manfred Thomas

Innenstadt - „Ich sitze jetzt im ,Lindenhotel’.“ Dieser Satz wird Anfang 1990 bereits weit weniger Erschrecken ausgelöst haben als noch ein Jahr zuvor. Acht demokratische Gruppen und Parteien haben in dem vormaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Quartier genommen, nachdem der DDR-Geheimdienst daraus vertrieben worden war. Die Lindenstraße 54/55 wandelte sich vom „Haus des Terrors“ zum „Haus der Demokratie“. Dieser in der DDR einmalige Prozess wird nun in der Ausstellung „Demokratie – Jetzt oder nie! Die friedliche Revolution. Potsdam 1989/90“ thematisiert. Heute Abend um 18 Uhr öffnet die Ausstellung in der Lindenstraße 54, mittlerweile Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert. Ein weiteres Ausstellungsmodul über die NS-Zeit – in der Lindenstraße 54/55 tagte das berüchtigte Erbgesundheitsgericht – soll im Herbst 2011 folgen.

Wie Ausstellungs-Kuratorin Gabriele Schnell gestern vor Journalisten erklärte, haben nicht wenige derer, die das Haus 1990 in Beschlag nahmen, vorher dort als Untersuchungshäftlinge eingesessen. Nach der erfolgreichen Wende konnte die politische Arbeit nicht mehr aus Wohnungen heraus erfolgen, gebraucht wurden Büros. Der damalige Oberbürgermeister habe jedoch lediglich abgelegene Liegenschaften angeboten, so die Kuratorin. Daher forderten die Protagonisten der politischen Wende Räume im „Lindenhotel“, wie das Staatssicherheitsgefängnis im Volksmund bitter-ironisch hieß.

Die Ausstellung zeigt Gabriele Schnell zufolge nicht nur sehr viele Bilder: „Es galt, ein gewisses Pensum anzubringen“. Auf Texttafeln werde insbesondere „jungen Besuchern erklärt, warum es 1989 zum Aufbruch kam“. Es wurde versucht, viel Information mit möglichst wenigen Worten“ unterzubringen. Wie Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) ergänzte, handelt es sich um „eine Ausstellung im Exponat“: Sie ist in ehemaligen Verhörräumen aufgebaut, noch heute erkennbar an wattierten Schallschutztüren.

Indes regt sich bereits vor der heutigen Ausstellungseröffnung Unmut über verwendete Formulierungen. So entzündet sich die Kritik an der Darstellung, am 5. Dezember 1989 hätten die Potsdamer Bürgerrechtler in der Stasi-Bezirksverwaltung in der Hegelallee und im Stasi-Gefängnis lediglich mit einer „Besichtigungs- und Kontrollaktion“ das Ende der Staatssicherheit beschleunigt. Bislang waren die nahezu DDR-weiten Ereignisse als „Erstürmung“ oder „Besetzung“ der Stasi-Bezirksverwaltungen bezeichnet worden.

Die damalige Potsdamer Bürgerrechtlerin Carola Stabe war am 5. Dezember 1989 als Erste am Tor der Potsdamer Stasi-Zentrale in der Hegelallee. Wie sie den PNN gestern schilderte, habe sie damals die Einsicht in ihre Akten gefordert. Sie wurde in einen „Raum ohne Türklinken“ geführt und wartete. Plötzlich sah sie durch ein Fenster eine Gruppe von Bürgerrechtlern in den Innenhof stürmen, voran Detlef Kaminski. Dazu Carola Stabe: „Nach Besichtigung sah das nicht aus. Die waren wild entschlossen.“ Sie selbst sei gleich darauf freigekommen, nachdem sie sich durch Zerschlagen einer Scheibe bemerkbar gemacht hatte. Die 89er-Protagonistin kritisiert, zu wenig in die Erstellung der Ausstellung einbezogen worden zu sein. Sie sei dazu lediglich einmal vor einem Jahr interviewt worden. Danach habe sie „nie wieder etwas davon gehört“.

Carola Stabe schlägt ferner vor, die Ausstellung durch mehr Original-Materialien der Wendezeit auch aus eigenem Besitz zu ergänzen. „Das bringt Authentizität.“

ZZF-Forscher Hertle verteidigte gestern die verwendeten Bezeichnungen. Es habe sich um eine „Kontroll- und Besichtigungsaktion“ gehandelt. Räume seien versiegelt worden; die Bürgerrechtler seien jedoch nicht im Objekt geblieben, deshalb sei der Begriff „Besetzung“ nicht gewählt worden. Der ZZF-Historiker Peter Weiß erklärte: „Wir haben keine Verharmlosung im Sinn.“ Es habe sich in der Hegelallee um eine Kontrollaktion gehandelt, „die immer stärker den Charakter einer Besetzung hatte“.

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