• Von Erhart Hohenstein: Manfred Bille verstorben SED-Oberbürgermeister

Von Erhart Hohenstein : Manfred Bille verstorben SED-Oberbürgermeister

hielt Wende nicht auf

Erhart Hohenstein
Manfred Bille.
Manfred Bille.Foto: Manfred Thomas

Der letzte von der SED gestellte Potsdamer Oberbürgermeister Manfred Bille ist im Alter von 72 Jahren verstorben. Das Stadtoberhaupt der Jahre 1989/1990 wurde in Groß Köris bestattet, wo er Freunde und Verwandte hatte. Die Trauerrede hielt Rolf Kutzmutz, Geschäftsführer der Landtagsfraktion der Linken.

„Manfred Bille wird in den kommenden Jahren maßgeblich die Geschicke der Stadt mitbestimmen“, hatten die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten in ihrem Bericht über die Sitzung der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung am 22. Mai 1989 orakelt. Vom 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Heinz Vietze vorgeschlagen, wurde der 51-jährige Diplomstaatswissenschaftler Bille einstimmig zum neuen Oberbürgermeister gewählt. Der gelernte Feinmechaniker und Ingenieurökonom hatte zuvor als stellvertretender Vorsitzender des Rates des Bezirkes den Bereich Verkehr geleitet. Bille löste den seit 1984 amtierenden Wilfried Seidel ab. Die SED zog damit die Notbremse, denn der Moskauer Parteihochschulabsolvent, der nie lächelte, hatte in seiner unsicheren, manchmal schroffen Art bei den Potsdamern keine Sympathien gewonnen, zugleich aber schwerwiegende „politische Fehler“ begangen. So reagierte er zögerlich, als bei der Unterzeichnung der Städtepartnerschaft am 25. Januar 1988 Bonns Oberbürgermeister Hans Daniels das Vorgehen der SED-Obrigkeit gegen die Bürgerrechtler bei der Luxemburg-Liebknecht-Ehrung in Berlin kritisierte, und ließ das Besuchsprogramm zunächst weiterlaufen. Erst auf Anweisung der SED-Führung wurde die Bonner Delegation vorfristig nach Hause geschickt. Zudem wurde Seidel zu einem der Erfüllungsgehilfen der Wahlfälschung vom Mai 1989. Auch der als durchsetzungsfähig eingeschätzte Manfred Bille konnte die friedliche Revolution natürlich nicht aufhalten. Vor dem Hintergrund von 1300 in den Westen geflohenen Stadtbürgern erklärte er auf der Festsitzung zum 40. Jahrestag der DDR: „Es lebt sich gut in Potsdam.“ Bille stellt sich schützend vor zwei der Korruption verdächtige Stadträte.

Am 5. Dezember 1989 intervenieren bei ihm Mitglieder des Neuen Forum gegen die Vernichtung von Akten durch die Staatssicherheit. Der Oberbürgermeister saß „apathisch hinter seinem Schreibtisch“. Der Bürgergruppe wird klar, dass er nicht mehr handlungsfähig ist. Sie nimmt die Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung selbst in die Hand.

Im Mai 1990 wird erstmals in der DDR-Zeit in freien und demokratischen Wahlen eine neue Stadtverordnetenversammlung gewählt. Neuer Oberbürgermeister wurde Horst Gramlich (SPD). Die BNN-Prophezeiung über den langjährigen Einfluss des SED-Mannes Bille erfüllte sich also nicht. Der einstige OB trat aus der Partei aus und zog sich aus Politik und Öffentlichkeit zurück, laut eigener Bekundung „ohne seine politischen Ideale aufzugeben“. Der Verkehrsexperte, der mit 25 Jahren als jüngster Betriebsdirektor in der Geschichte des Bezirkes Potsdam die Leitung des VEB Kraftverkehr Neuruppin übernommen hatte, wurde Partner des bundesweiten, auch in Rehbrücke angesiedelten Transportunternehmens Iveco. Hier war er am 22. Mai 2010, drei Tage vor seinem Tode, feierlich verabschiedet worden. Erhard Hohenstein