• Von Erhart Hohenstein: Edikt von Potsdam infrage gestellt

Von Erhart Hohenstein : Edikt von Potsdam infrage gestellt

Historiker: Kurfürstlicher Erlass von 1685 kann keine Grundlage für Toleranzpolitik sein

Erhart Hohenstein

Auf das 1685 vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm erlassene „Edikt von Potsdam“ berufen sich die Landespolitik, die Bewegung „Tolerantes Brandenburg“ und die Landeshauptstadt mit dem „neuen Toleranzedikt“ aus dem Jahr 2008 in ihrem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Das Edikt sei jedoch „beileibe“ kein Akt der Toleranz gewesen und vom Kurfürsten auch nicht so verstanden worden. Dies erklärte der Tübinger Universitätshistoriker Prof. Matthias Asche in einem Vortrag, zu dem am Mittwochabend das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, die Studiengemeinschaft Sanssouci und die Stadt- und Landesbibliothek in den Kutschstall eingeladen hatten. Auf Anfrage aus dem Publikum bekräftigte Asche, dass er die Berufung auf das Edikt für die heutige Toleranzpolitik Brandenburgs als verfehlt ansieht.

Der Professor ging nur kurz auf die allseits anerkannte Tatsache ein, dass der Kurfürst und sein Nachfolger Friedrich I. (III.) den Hugenotten auch deshalb die Einwanderung anboten, um ihr im Dreißigjährigen Krieg verödetes Land wieder zu besiedeln und wirtschaftlich zu stärken. Dabei hätten sie jedoch vornehmlich Einwanderer reformierten Glaubens zugelassen, so neben den Hugenotten Schweizer, Ungarn, Polen, später Böhmen und Holländer. Katholiken wurden ganz ausgeschlossen, Lutheraner nur begrenzt zugelassen. Bekanntlich waren die brandenburgisch-preußischen Landesherren Reformierte, die große Mehrheit ihrer Untertanen jedoch lutherisch. Das Reichsrecht verbot den Fürsten, sie zum Konfessionswechsel zu zwingen. Deshalb hätten sie laut Asche auf anderen Wegen, so durch ihre Einwanderungspolitik, den Bevölkerungsanteil reformierten Glaubens zu vergrößern gesucht. Insofern trage das Edikt von Potsdam eher Züge der Intoleranz und der Repression gegenüber den einheimischen Lutheranern.

Die Tatsache, dass mit den in ihrer Heimat religiös verfolgten Salzburgern auch zwischen 20 000 und 30 000 Lutheraner nach Preußen einwanderten, spielte der Historiker herunter. Da sie weder Pfarrer noch Kirchen haben durften, seien ordnungsgemäße Gottesdienste und andere kirchliche Handlungen nicht möglich gewesen. Sie wurden von den Familienvorständen als Laien übernommen, was andere Historiker als bewundernswertes Festhalten am Glauben werten.

Die „Legende“ vom „Toleranzedikt“ stamme von den Hugenotten, die davon profitierten, meint Asche. Die aus Frankreich eingewanderten Unternehmer, Künstler, Handwerker, Händler, Landwirte, auch Offiziere erhielten in Brandenburg-Preußen zahlreiche steuerliche und andere Privilegien einschließlich einer eigenen Kirche und Gerichtsbarkeit. Wenn schon von Toleranz gesprochen werde – sie sei nicht gewährt, sondern von der ansässigen Bevölkerung, vor allem den Bauern, abgefordert worden. Ihr wurden im Gegensatz zu den bevorzugten Zuwanderern beträchtliche Abgaben und Dienste abverlangt. Echte Toleranz habe es erst unter König Friedrich II. gegeben, der die Ansiedlungspolitik seiner Vorfahren allein unter Nützlichkeitskriterien fortsetzte und an einem Religionsstreit desinteressiert war. „Alle Religionen seindt gleich und guht“, hatte er in einer seiner berühmten Randnotizen geschrieben.